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Zu wenig Schutz vor Gewalt (nd-aktuell.de)


Gegen Gewalt gegen Frauen geschieht zu wenig.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die gemeldeten Gewalttaten in Partnerschaften in Deutschland nehmen zu. Im vergangenen Jahr wurden 143.016 Fälle bekannt, wie der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) am Donnerstag in Berlin mitteilten. Das war ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings ist die Zahl der registrierten Opfer von Gewalt in der Partnerschaft seit 2017 und damit innerhalb von fünf Jahren um 3,4 Prozent gestiegen. Rund 80 Prozent der angezeigten Gewaltdelikte waren Frauen, fast 80 Prozent der Tatverdächtigen waren Männer. Es besteht also großer Handlungsbedarf, obwohl sich im Bereich des Gewaltschutzes in den letzten Jahren bereits viel getan hat.

Dazu gehört auch, mit Tätern zusammenzuarbeiten, um zu verhindern, dass sie erneut gewalttätig werden. Gerhard Hafner ist Psychologe und gründete die „Beratung für Männer – gegen Gewalt“ bei der Berliner Volkssolidarität. »Ich habe Anfang der 1990er Jahre angefangen, mit Tätern zu arbeiten. Damals wurden nur wenige Männer zu uns geschickt“, sagt er zu „nd“. „Der Staat hat inzwischen verstanden, dass Fälle von häuslicher Gewalt keine Familienstreitigkeiten sind, sondern Straftaten.“

Die Istanbul-Konvention, ein internationales Abkommen zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und vor häuslicher Gewalt, verpflichtet Länder, Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt umzusetzen. Sie sei „auch als Argumentationsgrundlage für die Finanzierung unserer Projekte enorm wichtig“, sagt Isabella Spiesberger, Vorstandsmitglied des Bundesarbeitskreises Häusliche Gewalt, des profeministischen deutschen Dachverbands der Einrichtungen der Straftäterarbeit , und arbeitet als Beraterin im Berliner Zentrum für Gewaltprävention. Täterarbeit ist Teil einer sogenannten Interventionskette. „Wir arbeiten nicht isoliert, sondern im kooperativen Verbund mit den Frauenberatungsstellen, den Opferschutzorganisationen, der Justiz, den Jugendämtern und der Polizei. Es gibt teilweise einen sehr intensiven Austausch von Fällen“, sagt Spiesberger.

„Männer werden aus ganz unterschiedlichen Gründen zu Tätern“, sagt Hafner. »Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten, aus allen Schichten, aus allen Altersgruppen.« Warum und wann Menschen gewalttätig werden, lässt sich nicht sagen, aber einige Faktoren lassen sich benennen. Hafner erwähnt die große Bedeutung von Rollenbildern der Männlichkeit. „Viele wollen vielleicht wiederholen, was Papa schon gemacht hat“, sagt die Psychologin. Auch Männer haben oft nicht gelernt, mit ihrem Partner über Dinge zu sprechen. Gewalt kommt häufig in Trennungssituationen vor, wenn Männer nicht akzeptieren wollen, dass die Frau nicht ihr Eigentum ist.

Auch persönliche Gewalterfahrungen spielen eine Rolle. „Die meisten, die zu uns kommen, haben auch Gewalt in ihrer eigenen Kindheit erlebt, entweder direkt oder sie hatten Eltern, die Gewalt gegeneinander angewendet haben“, sagt Spiesberger. Hafner lobt die Entwicklung, dass Kindern, die häusliche Gewalt selbst erleben oder miterleben, inzwischen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Spiesberger sagt: »Studien zeigen ganz deutlich, dass Kinder immer wieder Gewalt erfahren. Es geht also nicht nur um die Gewalttat an sich, sondern um die ganze Atmosphäre, die von Angst erfüllt ist.“

Es ist also viel passiert, aber nicht genug. Insbesondere Menschen mit Behinderungen oder Wohnungslosigkeit haben bisher nur schwer Zugang zu Angeboten zum Schutz vor Gewalt. Die im Februar 2018 in Deutschland in Kraft getretene Istanbul-Konvention ist noch immer nicht vollständig umgesetzt. Die Ampel hat sich im Koalitionsvertrag zur Aufgabe gemacht, die weitere Umsetzung auf Bundesebene voranzutreiben. Bereits in der letzten Legislaturperiode hatten sich Bund, Länder und Kommunen am Runden Tisch „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ zusammengesetzt und ein Positionspapier verabschiedet, das Empfehlungen für eine bundesweite Regelung aussprach, die allen von Gewalt betroffenen Frauen eine verlässliche Unterstützung ermöglicht professionelle Unterstützung erhalten. Der Runde Tisch hat sich auch in der laufenden Legislaturperiode getroffen. Doch wann die Istanbul-Konvention hierzulande tatsächlich umgesetzt wird, ist noch unklar.



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