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Zehn Jahre Foodsharing: Spitzkohl will gerettet werden


Stand: 12.12.2022 19:45 Uhr

Die Vereinten Nationen warnen davor, dass jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Der Verein Foodsharing versucht seit zehn Jahren, Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu bewahren.

Von Philipp Wundersee, WDR

„Salat, etwas Gemüse und Obst“, schreibt Ute. „Viele Backwaren im Rad. Komm und spare“, schreibt Stephanie. „Im Rad sind Backwaren und Obst“, schreibt Sonja. Alle aktuellen Artikel auf der Foodsharing-Website. Die Lebensmittel findet ihr in Köln-Ehrenfeld am Rochusplatz. Hier steht ein unscheinbares Fahrrad an einem Zaun. Die zuständigen Foodsavers haben es dort angeschlossen. In zwei großen Kisten am Lenkrad und am Gepäckträger spenden die Retter regelmäßig Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden.

Philipp Wundersee

An diesem sogenannten „fairen Teiler“ kann jeder kostenlos die Spenden mitnehmen. Öffentlich zugängliche Regale und Kühlschränke stehen allen zur Verfügung. „Wir haben bewusst darauf verzichtet, Bedarfsnachweise zu verlangen“, sagt Valentin Thurn vom Verein Foodsharing, „denn so erreichen wir auch Studierende, Geflüchtete und viele, die sich aus Scham nicht anstellen wollen bei der Tafel.“

Freiwillige retten Lebensmittel

Der Verein wurde 2012 in Köln von einer Gruppe um den Dokumentarfilmer Thurn gegründet, der ein Jahr zuvor mit dem Film „Taste the Waste“ für Aufsehen gesorgt hatte. Seitdem haben registrierte Foodsaver in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach eigenen Angaben mehr als 82 Millionen Kilogramm Lebensmittel erfolgreich vor dem Wegwerfen bewahrt.

Ein Netzwerk von Freiwilligen bildet das Rückgrat der Food-Sharing-Initiative. Sie holen die Lebensmittel bei teilnehmenden Betrieben in der jeweiligen Region ab und bringen sie zu den verschiedenen Messeteilern. Sandwiches, Salate, Bananen oder Radieschen sind keine Seltenheit. Viele Dinge können nicht mehr in Geschäften verkauft, aber noch gegessen werden. „Viele der Freiwilligen gehören eigentlich selbst zu den Bedürftigen“, sagt Thurn. „Sie sind darauf angewiesen, dass ihr Haushalt entlastet wird. Sie engagieren sich und wollen der Gesellschaft auch etwas zurückgeben und sich so ihren Stolz und ihre Würde bewahren.“

Thurn glaubt, dass selbst wenn sich das öffentliche Bewusstsein für das Problem geändert hat und Unternehmen sich zur Abfallreduzierung verpflichten, das nicht ausreicht. „Wir werfen in Deutschland ein Drittel unserer Lebensmittel weg. Das ist zu viel. Das ist in diesen Zeiten unmoralisch“, klagt er. Oberstes Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren und dann zu beenden. Hier sieht sich die Initiative auf dem richtigen Weg: Food Sharing hat nach eigenen Angaben ein Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung geschaffen.

Foodsharing als Graswurzelbewegung

Mit ihrer Mission wollen sie die Probleme der globalisierten Weltwirtschaft und den „Wahnsinn der Wohlstandsgesellschaft“ erlebbar und sichtbar machen. „Ziel sollte sein, dass wir als Bewegung letztlich überflüssig sind. Der Staat soll sich hier verantwortlich fühlen und Armut verhindern“, sagt Thurn. Seit nunmehr zehn Jahren verteilen Menschen jedoch freiwillig und unentgeltlich von Privat zu Privat im Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft, in Obdachlosenheimen oder über die Plattform foodsharing.de. Und das funktioniert bundesweit in vielen Städten wie Wuppertal, Dortmund oder Hamburg. Die Einsätze, berichtet Thurn, schaffen soziale Nähe und stärken den Zusammenhalt im Kleinen. „Es hat sich als Basisbewegung von selbst verbreitet. Wir haben nicht mit viel Kapital angefangen.“

Die nichtkommerzielle Plattform vernetzt nach eigenen Angaben bundesweit bereits 35.000 Freiwillige. Es sollte keine Konkurrenz zu den Panels geben. Seit 2015 gibt es daher eine offizielle Kooperation. „Wir haben uns für ein anderes Konzept entschieden. Die Tafel macht einen tollen Job. Wir mischen uns nicht dort ein, wo die Tafel erfolgreich ansetzt und arbeitet“, sagt Thurn. Nach zehn Jahren Foodsharing muss noch viel passieren: Steuerliche Hürden für Lebensmittelspenden müssen abgebaut und die Spender selbst von der Haftung befreit werden. Solche Gesetze könnten funktionieren, sagt die Initiative. Denn Länder wie Frankreich oder Italien haben seit 2016 neue Regelungen eingeführt, und seitdem werden dort weniger Lebensmittel verschwendet.