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Wirecard-Prozess in München: Verteidiger will Verfahren aussetzen


Stand: 12.12.2022 12:33 Uhr

Im Wirecard-Prozess wies der Verteidiger des angeklagten Ex-Chefs Braun die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück und warf ihr schwere Ermittlungsfehler vor. Er beantragte die Aussetzung des Verfahrens.

Der frühere Wirecard-Chef Markus Braun und seine Anwälte wollen mehr Zeit, um die Unterlagen zu sichten. Sein Verteidiger Alfred Dierlamm kündigte vor dem Landgericht München einen Antrag auf Einstellung des Betrugsverfahrens gegen Braun und zwei weitere Ex-Manager des insolventen Zahlungsdienstleisters an. Hintergrund seien „die Akten, die auf unsere Schreibtische geschüttet wurden“, sagte er am zweiten Verhandlungstag zu Beginn seiner Aussage, die auf etwa zwei Stunden angesetzt war.

Braun kann daher derzeit nicht aussagen. Der 53-jährige Österreicher sitzt seit knapp zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft.

Ex-Chef Braun sieht sich als Opfer

Laut Anklageschrift hält die Staatsanwaltschaft München Braun für den Kopf einer kriminellen Bande, die jahrelang Wirecard-Bilanzen gefälscht und milliardenschwere Scheingeschäfte erfunden hat. Auf diese Weise hat Wirecard Banken und andere Kreditgeber um mehr als drei Milliarden Euro betrogen.

Braun bestreitet das. Er sieht sich als Opfer von Managern um den flüchtigen Ex-Chef Jan Marsalek, die Milliarden beiseite gelegt hätten.

„Vorverurteilt wie kein anderer Kunde in 30 Jahren“

Sein Verteidiger Dierlamm sagte, Braun sei seit dem Zusammenbruch von Wirecard im Sommer 2020 voreingenommen gewesen wie kein anderer seiner Mandanten in den vergangenen 30 Jahren. „Das Vorurteil ist beispiellos und prägend für diesen Prozess.“ Dierlamm argumentierte weiter, Braun halte „in voller Überzeugung vom Wert seines Portfolios“ an seinen Wirecard-Aktien fest. Er verkaufte keine einzige Akte, sondern verrechnete seinen Wirecard-Anteil mit einem Immobiliendarlehen – für „das Grundstück, auf dem seine Familie lebt“.

Braun selbst veranlasste die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG, eine forensische Untersuchung der Vorgänge bei Wirecard durchzuführen. „Es ist eine absolut absurde und absurde Vorstellung, dass ein Bandenführer so handeln würde“, sagte Dierlamm. Nach Marsaleks Flucht stand die Staatsanwaltschaft unter Erfolgsdruck. Klar war: „Markus Braun musste hinter Gitter.“

Verteidiger beschuldigt Kronzeugen

Dierlamm versuchte auch, die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen der Staatsanwaltschaft zu erschüttern. Er griff den angeklagten Ex-Governor von Wirecard in Dubai, Oliver Bellenhaus, vor Gericht frontal an. Seine Aussagen gegenüber der Staatsanwaltschaft sind nicht glaubwürdig und unglaubwürdig. „Bellenhaus ist kein Kronzeuge“, sagte Dierlamm. „Bellenhaus ist Haupttäter einer Bande“, deren einziges Ziel es sei, Gelder des Unternehmens abzuzweigen und zu veruntreuen.

Braun beharrt darauf, dass das lukrative Geschäft von Wirecard mit Drittpartnern in Asien – anders als Bellenhaus behauptet – tatsächlich nach 2015 bestanden habe. Das geht auch aus den Kontoauszügen der Drittpartner in Deutschland hervor, die erst später von der Öffentlichkeit überprüft wurden Büro des Staatsanwalts. Es dokumentiert Einlagen von einer Milliarde Euro zwischen 2016 und 2020. „Absolut null Euro, wie Herr Bellenhaus die Staatsanwaltschaft belogen hat“, sagte Dierlamm. Allein 750 Millionen Euro flossen an vier von Bellenhaus kontrollierte Unternehmen.

Laut Dierlamm hat keiner der 450 Zeugen den Angeklagten Braun gehört. Es gebe keine E-Mail, keine Chat-Nachricht, die beweise, dass Braun ein Täter gewesen sei, sagte der Verteidiger. Er sieht Bellenhaus maßgeblich an der Veruntreuung von Milliardenbeträgen beteiligt und betonte: „Herr Braun taucht in diesen Schattenstrukturen in keiner Weise auf.“

100 Prozesstage geplant

Die Vierte Strafkammer des Landgerichts München I hat das Verfahren vergangene Woche eröffnet. Neben Braun und Bellenhaus wird auch Wirecards ehemaliger Chefbuchhalter Stephan von Erffa angeklagt. Gut 100 Tage hat das Gericht für den Prozess angesetzt, der Prozess soll bis 2024 dauern.