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Wirecard-Prozess in München: Verteidiger setzen auf Angriff


Stand: 12.12.2022 16:49 Uhr

Am zweiten Tag des Wirecard-Prozesses gingen die Verteidiger der drei Angeklagten aufeinander los. Der Anwalt von Ex-Chef Braun forderte die Aussetzung des Verfahrens. Sein Mandant will sich vorerst nicht äußern.

Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR

Florian Eder, der Anwalt des ehemaligen Wirecard-Gouverneurs in Dubai, Oliver Bellenhaus, rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Alfred Dierlamm, der Verteidiger von Ex-Wirecard-Chef Markus Braun, hat gerade einen Rundumschlag gegen Bellenhaus gestartet. Er habe die Staatsanwaltschaft „angelogen“. Es geht um einen Aspekt, der für diesen Prozess von zentraler Bedeutung ist: Gab es einen zentralen Teil des Auslandsgeschäfts von Wirecard, nämlich das mit Drittpartnern in Asien, tatsächlich oder war es fiktiv?

Bei mehreren Vernehmungen gab Bellenhaus an, dass die von den Drittpartnern von Wirecard in Asien online abgewickelten Zahlungen fiktiv seien. Aus diesem Grund hätte es die 1,9 Milliarden Euro, die auf philippinischen Treuhandkonten für Wirecard verwahrt werden sollen, nie gegeben. Wirecard musste am 25. Juni 2020 Insolvenz anmelden, weil dieses Geld nicht aufzutreiben war.

Verteidiger fordert die Aussetzung des Verfahrens gegen Wirecard-Chef Braun

Hanna Heim, BR, Tagesschau um 12:00 Uhr, 12.12.2022

Rechtsanwalt Braun beantragt Aussetzung des Verfahrens

Die Staatsanwaltschaft München I hat deshalb Anklage gegen Bellenhaus, Braun und den ehemaligen Chefbuchhalter von Wirecard, Stephan von Erffa, erhoben. Die Vorwürfe: Untreue, Falschdarstellung der Bilanzen von Wirecard zwischen 2015 und 2018, Marktmanipulation und gewerblicher Bandenbetrug. Sie ist überzeugt, dass das Trio seit Jahren Investoren und die breite Öffentlichkeit mit gefälschten Geschäftszahlen täuscht. In seinem „Eröffnungsstatement“ wies Braun-Anwalt Dierlamm die Vorwürfe zurück. Und nicht nur das. Er erhob schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft.

Das gesamte Verfahren leide an einem „angeborenen Defekt“, weil sich die Ermittler auf die Aussagen eines unglaubwürdigen Zeugen verlassen hatten – des Kronzeugen Bellenhaus. Vielmehr gebe es handfeste Hinweise auf die Existenz einer „Schattenstruktur“, in die Bellenhaus Millionen aus der Wirecard-Gruppe gelenkt habe. Die Staatsanwaltschaft ging dem jedoch trotz wiederholter Hinweise und Aufforderungen der Braun-Verteidigung nicht nach. „In meiner fast 30-jährigen Tätigkeit als Strafverteidiger habe ich noch nie ein Verfahren erlebt, in dem ein Mandant derart kriminalisiert und voreingenommen wurde“, kritisierte Dierlamm. Er meint damit, dass die Staatsanwaltschaft schon früh entschieden hat, dass Braun der Anführer einer Bande war.

Dierlamm hat daher die Aussetzung des Hauptverfahrens beantragt. „Eine Hauptverhandlung, die vor allem dazu dient, Ermittlungsdefizite zu heilen, ist zum Scheitern verurteilt“, begründete er diesen Schritt. Über diesen Antrag soll in Kürze entschieden werden. Bis dahin werde sich Braun nicht persönlich äußern, kündigte Dierlamm an. Dies ist frühestens ab Januar nächsten Jahres möglich.

„Ganz unter der Gürtellinie“

Richter Markus Födisch gab Dierlamm rund zwei Stunden – bis zur Mittagspause. Danach hatte Bellenhaus-Anwalt Florian Eder Gelegenheit, den Aussagen von Dierlamm entgegenzutreten. „Wirecard war eine Mogelpackung“, sagte Eder und bezog sich auf die Präsentation der Scheinbilanzen des Konzerns durch seinen Mandanten. Die Angriffe Dierlamms auf Bellenhaus nannte er „völlig unter der Gürtellinie“. Bellenhaus beschloss, sich seiner Verantwortung in Deutschland „trotz eines sicheren Auslandsaufenthalts“ zu stellen.

„Herr Bellenhaus hat sich schuldig gemacht, durch sein Handeln dazu beigetragen zu haben, ein betrügerisches System am Leben zu erhalten. Ich entschuldige mich bei den Opfern für Herrn Bellenhaus“, sagte Eder. Eine solche Entschuldigung hatte Bellenhaus bereits am 19. November 2020 bei einer kurzen Anhörung des Wirecard-Untersuchungsausschusses abgegeben. Diese persönliche Entschuldigung will er laut seinem Anwalt in dieser Hauptverhandlung wiederholen.

Johannes Lenz, BR, zum Prozess gegen Ex-Wirecard-Chef Braun

tagesschau24 11:00 Uhr, 12.12.2022

Kronzeuge Bellenhaus hofft auf ein milderes Urteil

Der nächste Tag der Anhörung ist für Mittwoch angesetzt, wenn er dazu Gelegenheit hat. Im Gegensatz zu Markus Braun will sich Bellenhaus zu diesem Zeitpunkt ausführlich äußern. Ob es dann möglich sei, andere Anwälte zu befragen, ließ sein Verteidiger offen. Eder machte auch keinen Hehl daraus, dass sein Mandant aufgrund der Rolle als Kronzeuge auf eine mildere Strafe hoffte.

Anwalt: Erffa – keine zentrale Figur in diesem Skandal

Auch der dritte Angeklagte, Stephan von Erffa, will nach Angaben seiner Anwältin Sabine Stetter zunächst schweigen. Sie zeichnete in ihrem eher knappen Statement das Bild eines Wirecard-Managers, der – anders als in der Anklageschrift dargestellt – keine zentrale Figur in diesem Skandal und im Unternehmen war. „Er hatte mit Stellvertretender Finanzvorstand nur einen rein imaginären Titel“, betonte Stetter.