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Winterfahrplan der Bahn: Kleine Schritte zum Deutschlandtakt



Hintergrund

Stand: 11.12.2022 02:53 Uhr

Der Winterfahrplan tritt in Kraft. Das Unternehmen wirbt mit einem größeren Angebot und moderneren Zügen. Tatsächlich steigen die Fahrgastzahlen. Das bringt das System aber auch näher ans Limit.

vvon André Kartschall, rbb

Halbstündlich von Köln nach München, mehr Verbindungen zum Frankfurter Flughafen und mehr internationale Nachtzüge: Mit diesen Verbesserungen wirbt die Deutsche Bahn für ihren ab heute gültigen Winterfahrplan. „Wir haben deutlich mehr Sitzplätze für mehr Fahrgäste. Die Zahl der Züge steigt, die Zahl der Sitzplätze steigt“, sagt Bahnsprecher Achim Stauss.

André Kartschall

Mit der Deadline sieht sich das Unternehmen seinem großen Ziel einen Schritt näher gekommen: dem „Deutschlandtakt“. So heißt die Idee eines bundesweiten Fahrplans, in dem alle wichtigen Verbindungen koordiniert sind. Das Bild eines Deutschlands, in dem Reisende weitgehend auf Flugzeug und Auto verzichten, weil der Zug so schnell und passend zum Anschlusszug fährt – und fast immer pünktlich. Diesem Idealzustand will sich die Bahn Stück für Stück annähern. Bis 2030 sollen sich die Fahrgastzahlen verdoppeln und die Vision „Deutschlandtakt“ fast Realität werden.

Derzeit kann die Bahn nur Vorzeigeprojekte wie die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm präsentieren. Zwischen Köln und München verkehren nun zwei Züge pro Stunde und Richtung. Für Stauss „ein weiterer Schritt in Richtung ‚Deutschlandtakt‘. Und man ist 15 Minuten schneller am Ziel“.

Netzwerk fast am Limit

Auch Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn sieht den Winterfahrplan überwiegend positiv: „Es gibt viele kleine Verbesserungen.“ Die Stufen des Zuges führten in die richtige Richtung. „Aber manche Verbesserungen bedeuten Verschlechterungen für andere. Das Netz ist fast voll ausgelastet. Ein gutes Beispiel ist der RE2 zwischen Berlin und Cottbus. Er bekommt mehr Haltestellen – ist aber auch langsamer.“ Dadurch verschieben sich die Ankunftszeiten des RE2.

Die Folge: Reisende verpassen – ärgerlich knapp – den nächsten Zug. „Wenn sie von Westen einsteigen wollen, sehen sie nur die Schlusslichter“, sagt Naumann.

Das Beispiel zeigt, in welchen Zwängen die Bahn steckt. Das Netz ist fast voll, jede Änderung muss gut überlegt sein. Einfach mehr Züge auf die Strecke zu schicken, ist gar nicht so einfach – sie würden den ohnehin schon engen Fahrplan schnell überlasten. Zudem müssen Züge Jahre im Voraus bestellt, Werkstätten ausgestattet und Personal geschult werden.

Kleine Schritte, keine Wunder

Fahrgastlobbyist Naumann selbst weiß, dass von dem Staatskonzern keine Wunder zu erwarten sind: „Die Bahn macht es so gut wie möglich.“ Er hat auch Verständnis für die Verzögerungen durch die zahlreichen Baustellen: „Wenn man 20 oder 30 Jahre nicht genug in die Infrastruktur investiert hat, dann muss jetzt brutal nachgearbeitet werden.“

Stauss räumt auch ein, dass das Netz nicht mehr viel Verkehr vertragen könne: „Wir wollen die Infrastruktur maximal ausnutzen, dafür haben wir sie gebaut.“ So viel mehr als das, was das Unternehmen derzeit auf die Beine stellt, ist nicht möglich. Die Bahn erfreut sich wachsender Beliebtheit. Und das wird fast zum Problem. „Im Sommer und Herbst hatten wir im Fernverkehr sogar mehr Fahrgäste als vor der Pandemie“, sagt Stauss. „Unser Netz ist in den letzten Jahren nicht so stark gewachsen wie der Schienenverkehr. Schienenknotenpunkte wie Hamburg und Köln oder Strecken durch das Ruhrgebiet sind teilweise zu mehr als 100 Prozent ausgelastet.“

Mehr Bahnkunden, mehr Bauarbeiten

Gründe für die wachsende Beliebtheit gibt es viele: Mehr Menschen machen Urlaub in Deutschland, die Deutsche Bahn hat attraktivere neue Züge angeschafft und die Preise flexibler gestaltet. Zudem entspricht das umweltfreundliche Image der Bahn dem Zeitgeist. „Das merken wir sehr deutlich an den Zahlen und auch an den Kundenbefragungen“, sagt Stauss.

Um der Nachfrage gerecht zu werden – und dem Traum vom „Deutschlandtakt“ so schnell wie möglich näher zu kommen – will die Deutsche Bahn zu drastischen Maßnahmen greifen. Wichtige Strecken sollen künftig in Eile komplett saniert werden. Danach sollen sie jahrelang reparaturfrei nutzbar sein. Die Strecke Frankfurt-Mannheim soll 2024 starten. Der Haken: Für die umfangreichen Bauarbeiten muss die Strecke für einige Monate komplett gesperrt werden.