Wie informiert sind junge Erstwähler?

In Hoyerswerda kann man über solche Vorurteile nur den Kopf schütteln. Eines Morgens im April sitzen die Schüler der zehnten Klasse des Lessing-Gymnasiums, aufgeteilt in kleine Gruppen, in einer Halle. Vor runden Tischen stehen Schultaschen, davor die Bühne. Es ist Freitag, die letzte Stunde vor dem Wochenende, aber an eine Pause denkt hier niemand. Und es ist nicht so, dass junge Menschen sich überhaupt nicht für Politik interessieren, auch wenn viele ältere Menschen das gerne glauben.

Während sich die Schüler das ganze Schuljahr über über den Aufbau und die Geschichte der EU unterhalten haben, steht heute ein praktischer Schwerpunkt auf dem Lehrplan: Die grüne Europaabgeordnete Anna Cavazzini kam nach Hoyerswerda, um Einblicke in den Alltag eines Parlamentariers zu geben und Fragen zu beantworten. Der Politiker redet frei, die Studierenden lauschen gebannt. Ein Junge in der hinteren Reihe recherchiert auf einem Tablet, was gesagt wurde; Sein Sitznachbar hat bunte Karteikarten mitgebracht, auf denen Fragen stehen, die er unbedingt stellen möchte.

In Hoyerswerda stellen die Studierenden kritische Fragen

Auch die anderen haben viele Fragen. Gleich zu Beginn möchte jemand wissen, warum sich der Europaabgeordnete für die Grünen entschieden hat. Eine andere fragt, warum sie gegen Atomkraftwerke sei, wenn es doch in Frankreich, direkt an der Grenze zu Deutschland, so viele gebe. Ein anderer ist überrascht, dass die Grünen bei der Europawahl 2019 für „Frieden ohne Waffen“ geworben haben und nun Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützen. Cavazzini antwortet ruhig und sachlich, doch ihre Antworten stellen die Schüler nicht immer zufrieden.

Jemand möchte nun wissen, ob Lobbyismus in Brüssel kein großes Problem sei. Antwort: In Brüssel gibt es mehr Lobbyisten als in Washington, deshalb ist Transparenz besonders wichtig. Cavazzini spricht auch von Maximilian Krah, dem Spitzenkandidaten der AfD für die Europawahl, dessen Mitarbeiter für China spioniert haben sollen. Das sei ein „wirklich eklatanter Fall von Einflussnahme“, sagt Cavazzini. Doch auch das stößt bei manchen auf Widerspruch. Ein Student kritisiert, dass solche Vorwürfe bei Krah genau geprüft würden und dass „auch Scholz und von der Leyen etwas damit zu tun haben“. Er spricht über den Cum-Ex-Skandal und den Corona-Impfstoffvertrag mit Pfizer. Cavazzini kann die Kritik verstehen. Dennoch seien die Fälle nicht miteinander vergleichbar, erklärt sie.

Anna Cavazzini in Hoyerswerda: Meistens beantwortet der Europaabgeordnete die vielen Fragen der Studierenden
Anna Cavazzini in Hoyerswerda: Meistens beantwortet der Europaabgeordnete die vielen Fragen der StudierendenDaniel Pilar

Zumindest in Hoyerswerda sind die Jugendlichen, das zeigen neunzig Minuten intensiver Diskussion, anders, als ihnen oft vorgeworfen wird: Sie interessieren sich durchaus für Politik, außerdem sind sie gut informiert. Aber auch bei ihnen spürt man bereits die Spuren von Wut, Enttäuschung und Resignation, die die letzten harten Jahre hinterlassen haben. „In Peru werden Radwege vom Bund finanziert“, sagt ein Student aus Hoyerswerda verbittert. „Wir haben genug eigene Probleme.“

Gerade die Corona-Pandemie habe bei den Schülern einen tiefen Eindruck hinterlassen, sagt Politiklehrer Johannes Lenicker vom Lessing-Gymnasium. Über ihre Köpfe hinweg wurden Maßnahmen ergriffen, Schulen wurden geschlossen, sie durften ihre Freunde nicht sehen. Das hat tiefe Spuren hinterlassen. Auch die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen hätten seine Schüler stark beschäftigt, sagt Lenicker. Hinzu kommen Energiekrise, Inflation, Wohnungsmangel, Bürokratie, mangelnde Digitalisierung und vor allem die Klimakrise. Für die jungen Menschen von heute sind Freiheit und Wohlstand im Gegensatz zu früheren Generationen plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr.

„Wir leben im permanenten Krisenmodus“

Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fragen sich viele junge Menschen nicht mehr, ob sie eines Tages ein besseres Leben haben werden als ihre Eltern. Sie fragen sich, ob ihre Generation den „großen Absturz“ überhaupt verhindern kann. „Wir leben in einem ständigen Krisenmodus“, sagt die 16-jährige Vorsitzende der Landesschülervertretung Sachsen, Amy Kirchhoff. „Man hat das Gefühl, dass alles zusammenbricht und die jungen Leute später die Last tragen müssen.“

Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, das viele junge Menschen verspüren. Das bedeutet für manche Menschen trotzdem nicht, aufzugeben, im Gegenteil: Sie werden politisch umso schneller wach, wollen sich engagieren und werden kämpferisch. Das stimmt manche optimistisch, wie den Lehrer Johannes Lenicker aus Hoyerswerda. Er glaubt, dass die verdichteten Krisen zu einer geringeren Desillusionierung gegenüber der Politik führen, weil junge Menschen nun erkennen, worum es geht, und sich noch mehr für Politik interessieren, wie es bei Fridays for Future der Fall war.

Oder wie in Baden-Württemberg, wo Jugendliche mit 16 Jahren bei der Kommunalwahl im Juni nicht nur erstmals wählen dürfen, sondern sogar selbst kandidieren dürfen. Eine davon ist Dilara Akdeniz, eine 17-jährige Studentin, die als CDU-Kandidatin für den Gemeinderat in Leimen antritt, weil ihr „die junge Perspektive fehlt“. Auch den alteingesessenen Kommunalpolitikern hat sie wenig Vertrauen. Doch daran will sie nicht verzweifeln. Vielmehr motiviert es sie, loszulegen. „Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher. Das wäre die Hölle“, sagt der Student. „Ein Hauch frischer Luft“ ist nötig.

Die Studierenden sollen wie im EU-Parlament über das Asylpaket abstimmen

Aber es gibt auch andere junge Leute. Diejenigen, bei denen anhaltende Frustration nicht zu mehr Engagement führt, sondern nur dazu, dass sie sich enttäuscht vom „System“ abwenden. Nach Hoyerswerda reist Europaabgeordnete Anna Cavazzini weiter nach Görlitz. Wieder einmal steht sie in einer Aula vor Zehntklässlern und erzählt erneut von ihrem Alltag als EU-Vertreterin. Die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen hier hat sich noch nicht entschieden, ob sie die EU tatsächlich für gut oder schlecht hält.

Dann wendet sich das Gespräch der Migrationspolitik zu. Ein Student findet die Regelungen für illegale Flüchtlinge zu streng; Er ist der Meinung, dass sie integrativer und menschlicher sein müssen. Nun solle die Klasse abstimmen – „wie im EU-Parlament“, sagt Cavazzini: Soll das neue Asylpaket zurückgezogen werden? Eine knappe Mehrheit stimmte dafür, die meisten enthielten sich. In der hinteren Reihe stimmten mehrere Jungen dagegen, dann grüßte einer mit dem Hitlergruß. Wenn die Grünen erwähnt werden, buhen die jungen Männer; Wenn über die Nachteile der EU gesprochen wird, schreien sie „Austritt“. Danach lachen sie. Für sie ist es cool, ein Rechtsradikaler zu sein.

Darauf angesprochen beschwerten sich zwei Studierende über Migranten. „Sie sitzen hier herum und arbeiten nicht“, sagt einer. Dies hat sich seit dem Flüchtlingsrückgang 2015 immer weiter verschlimmert, ebenso wie die Kriminalität. Beide geben zu, dass sie sich nicht einmal an die Zeit vor 2015 erinnern können. „Ich habe noch mit Lego gespielt“, sagt der Student, der gerade am lautesten geschrien hat. Er findet es gut, dass er und seine Klassenkameraden im Juni wählen können. „Aber ich mache mir Sorgen, dass sie einfach abstimmen und sich keine eigene Meinung bilden“, fügt er hinzu. Dann geht es einfach weiter wie bisher.

Im Görlitzer Gymnasium stimmen die Schüler per Handzeichen über das Asylpaket abDaniel Pilar

Denn darin sind sich die Jugendlichen einig: So kann es nicht weitergehen. Viele junge Menschen werden mittlerweile aus Frust zur AfD getrieben. Bei der Juniorenwahl 2021, bei der Studierende bundesweit probeweise abstimmen konnten, gingen die drei Ampelparteien als klare Wahlsieger hervor. Zusammen wurden sie von fast 60 Prozent der jungen Menschen gewählt. Viele Menschen waren von den Modernisierungs- und Veränderungsversprechen der Ampelparteien fasziniert. Doch drei Jahre später ist von dieser Begeisterung bei vielen jungen Menschen nicht mehr viel übrig. Auch bei jüngeren Menschen erfreut sich die AfD zuletzt großer Beliebtheit.

Die Jugendlichen sind unzufrieden

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ warnt vor einem „deutlichen Rechtsruck in der jungen Bevölkerung“. Über die Hälfte der 14- bis 18-jährigen Befragten ist mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der politischen Lage unzufrieden und glaubt nicht, dass sich die Lage in den nächsten zwei Jahren verbessern wird. Jeder Zweite glaubt zudem, dass sich der Staat mehr um Flüchtlinge kümmert als um hilfsbedürftige Bürger. Der Studie zufolge denken fast 37 Prozent der unter 18-Jährigen, dass die Regierung in Berlin der Bevölkerung die Wahrheit verheimlicht.

Die Wahlforscherin Anna Lang glaubt, dass diese populistischen Narrative, die vor allem von der AfD genutzt werden, nicht nur junge Menschen ansprechen. Aber junge Menschen werden noch stärker von ihrem sozialen Umfeld beeinflusst, sagt sie. Dennoch warnt Lang vor Stereotypen: „Junge Menschen sind kein homogener Block.“ Ein Vorteil ist auch, dass junge Wähler über die Schule noch relativ einfach zu erreichen sind. Dadurch lassen sich populistische Narrative leichter widerlegen als bei älteren Menschen.

Bei der Diskussion am Lessing-Gymnasium in Hoyerswerda fragte Europaabgeordneter Cavazzini die Schüler, wie sie sich über Politik informieren. Eindeutiges Ergebnis: vor allem über Instagram und Tiktok. Politiker kommunizieren direkt mit ihnen über soziale Medien; Jugendliche werden von Erwachsenen nicht „schikaniert“, sondern in kurzen, leicht verständlichen Videoclips auf ihre Anliegen eingegangen. Dort wirkt die Politik plötzlich nicht mehr hart und fremd, sondern nahbar und jung. Das kommt gut an.

Zum Abschluss des EU-Schulprojekttags in Görlitz geht es für die Schüler ins WochenendeDaniel Pilar

Das hat auch die AfD längst erkannt, die auf Tiktok präsenter ist als jede andere Partei und ihre populistischen Botschaften unter die Menschen bringt. Die anderen Parteien überließen der AfD lange Zeit widerstandslos das Feld; Nun versuchen sie, ihnen auf Tiktok erneut die vermeintliche Deutungshoheit zu entreißen. Aber das braucht Zeit.

Eigentlich sind sich alle Experten darüber einig, was noch grundsätzlicher helfen würde: Die etablierten Parteien müssen die Jugend ernster nehmen. „In der Politik fehlt zu oft die Perspektive junger Menschen“, sagt Angelika Barth, Leiterin der Abteilung Jugend und Politik der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Barth fordert, „Jugendbelange deutlich sichtbarer zu machen“ – und das niedrigere Wahlalter, wie es jetzt bei der Europawahl der Fall ist, könnte ein gutes Instrument sein. Wenn junge Menschen früher wählen dürften, wäre die Politik gezwungen, auf sie einzugehen und ihre Anliegen ernster zu nehmen.

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