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Wenn sie im Rudel kommen… (nd-aktuell.de)


Zur Silberhochzeit der Eltern 1958 – das Mädchen Ellen in der Mitte

Foto: privat/Brombacher

Der Autor dieser Rezension steht den Positionen von Ellen Brombacher, einer wichtigen Stimme der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei und frühen Unterstützerin von Sahra Wagenknecht, fast immer sehr kritisch gegenüber. Trotzdem lohnt es sich, ihr neues Buch zu lesen. Genau jene Passagen handeln von Verfolgung, Flucht und Widerstand von Brombachers jüdischer Mutter Brunhilde Meyerstein (Hilde Harter) und ihrem nichtjüdischen Vater Ernst Harter und den beiden Familien, von denen viele als Juden und/oder als Opfer dem NS-Terror ausgesetzt waren zu Kommunisten werden sensibel beschrieben. Briefe, wie die von Ivan und Julie Meyerstein, Brombachers Großeltern, schildern eindrucksvoll das Schicksal der Familie. Am 21. März 1942 schrieb Ivan Meyeerstein: »Meine liebsten Kinder! Es fällt mir schwer, Ihnen diesen Brief zu schreiben, aber es muss getan werden. Tja, wenn sich nichts ergibt, (…) machen wir diese oder nächste Woche eine Reise.« Die »Reise« führte ins Warschauer Ghetto und in den Tod. Auch viele andere Mitglieder der Familie Meyerstein überlebten die Shoah nicht.

Ellen Brombacher, Jahrgang 1947, wuchs in der Kleinstadt Westerholt im Ruhrgebiet auf, bevor sie mit ihrer Mutter ihrem Vater, der 1956, dem Jahr des Verbots der KPD, in die DDR gezogen war, nach Ost-Berlin folgte. Antisemitismus, schreibt sie, habe es in der DDR als „Sediment … und wir haben ihn zweifellos unterschätzt“ gegeben.. Brombachers Hauptinterpretation bleibt jedoch, dass der Faschismus „der Ausweg für das Kapital“ ist [ist], wenn die Mechanismen der bürgerlichen Demokratie nicht mehr ausreichen, um die Macht zu sichern. Der Faschismus und seine wirtschaftlichen Wurzeln waren in der DDR ausgerottet. Es war jedoch ein Irrglaube, dass die nationalsozialistische Ideologie automatisch abgeschafft würde.“ Natürlich erklärt diese Erklärung des Faschismus nicht hinreichend, warum andere kapitalistische Länder Kolonialverbrechen begangen haben, aber nur Nazideutschland einen systematischen Massenmord an sechs Millionen europäischen Juden begangen hat. Brombacher weigert sich aus gutem Grund, die DDR als antisemitisch zu bezeichnen. Es gab weder einen Slansky-Prozess wie 1952 in der CSSR noch eine mörderische Verfolgung jüdischer Ärzte und anderer „Kosmopoliten“ wie in der Endphase der Stalin-Herrschaft in der UdSSR. In einem vom Rezensenten herausgegebenen Tonband mit Interviews sagte ua Gregor Gysi: »Wahrscheinlich blieb uns Schlimmeres erspart (…), weil dann Stalin starb und nicht allzu lange danach Chruschtschow damit begann, den Stalinismus einigermaßen abzuschaffen. Antisemitismus spielte bei Stalin sicherlich eine Rolle.«

Brombachers Buch gliedert sich in ein einleitendes Interview von Frank Schumann mit ihr, gefolgt von Kapiteln über ihre Eltern, Großeltern und andere Verwandte, über KZ-Häftlinge und die Kraft der Solidarität. Ergänzt werden diese Beschreibungen durch zahlreiche Briefe, Dokumente und Fotos der Porträtierten. Es folgen Beschreibungen von Brombachers erster Reise nach Auschwitz im Jahr 2007 und dem Leben von Kurt Gutmann, der 2009 Nebenkläger im Prozess gegen den Sobibor-Wärter Iwan Demjanjuk war. Ein Nachwort von Reinhard Junge und Nachdrucke verschiedener Texte aus den Jahren 1998 bis 2010, darunter ein Beitrag von Brombacher aus »nd« 2009, schließen das Buch ab.

Im Kapitel „Bremke bei Göttingen: Die Wurzeln der Meyersteins“ schildert Brombacher ihre Besuche am Herkunftsort der Familie ihrer Mutter ab 1999. Mit der Unterstützung engagierter Bürgerinnen und Bürger konnte sie die Geschichte ihrer Familie nachtragen und andere verfolgte und ermordete Juden aus der niedersächsischen Kleinstadt in das Gedächtnis der Menschen zurück. Durch die Spurensuche in Bremke und darüber hinaus lernte Ellen Brombacher in den letzten Jahrzehnten auch andere Angehörige und Nachkommen von Überlebenden kennen, Menschen in den USA und den Niederlanden, in Israel und Großbritannien, wo einigen die Flucht mit dem » Kindertransport« bis 1939 .

Rückblickend auf die Zeit ihres Überlebenskampfes in Belgien zur Zeit der deutschen Besatzung, wo ihr als Jüdin und Kommunistin ständig Deportation und Ermordung drohten, sagte Brombacher, sagte ihre Mutter: „Hätte mich jemand gefragt Ob ich damals in meinem Leben noch einmal Empathie für einen Deutschen empfunden hätte, hätte ich bestimmt mit Nein geantwortet.« In den 1990er Jahren, kurz vor dem Tod ihrer Mutter, sprachen beide wieder über die Deutschen, möglicherweise ausgelöst durch die Debatte über »Hitlers willige Vollstrecker« von Daniel Goldhagen: »›Glauben Sie auch‹, fragte ich meine Mutter, ›dass die Deutschen ein besonders schlechtes Volk sind?‹ ‚Nein‘, antwortete sie, ‚außer wenn sie in Rudeln kommen.‘

Ellen Brombacher hat ein Buch vorgelegt, das viele berührende Passagen und Kapitel enthält, die auch von Menschen, die mit ihren politischen Schlussfolgerungen und Einstellungen nicht einverstanden sind, mit Interesse und Anteilnahme gelesen werden können.

Ellen Brombacher: Deutsch-jüdisches Familienportrait. Muster und Prägungen meiner Kindheit, Verlag Neues Leben, 238 S., gebr., 18 €.