Skip to content
Wenn Fliegen plötzlich nachhaltig wird (nd-aktuell.de)


Brussels Airlines ist Teil der Lufthansa Group.

Foto: dpa/Stephanie Lecocq

Dieses Werbeversprechen klingt einfach zu gut: »Die Lufthansa Group bietet als erster internationaler Luftfahrtkonzern einen CO-Tarif an2-neutrales Fliegen«. Mit dieser Behauptung bekam der Frankfurter Konzern eine Nominierung für die „kühnste Umweltlüge des Jahres 2022“. Denn Lufthansa will die Emissionen durch CO reduzieren2-Kompensationsprojekte und »Sustainable Aviation Fuels (SAF)« auf null reduzieren.

Die Deutsche Umwelthilfe, die damals die Lufthansa Group für ihren Negativpreis »Goldener Geier« nominierte, kritisiert dieses Versprechen. „Ungeachtet unserer Kritik an vielen solchen Kompensationsprojekten sind wirklich grüne Kraftstoffe, die die umweltschädlichen Auswirkungen des Fliegens begrenzen könnten, weder jetzt noch in absehbarer Zeit in auch nur annähernd ausreichenden Mengen verfügbar“, erklärte die Umweltorganisation.

Ob nachhaltiges Fliegen, umweltfreundliche Plastiktüten oder klimaneutrales Tanken: Das Greenwashing von Produkten hat System, wie die Zahlen der EU-Kommission zeigen. Demnach seien 40 Prozent der Aussagen zur Umweltfreundlichkeit von Produkten „unbegründet“, heißt es in einem Entwurf der Kommission, der der Plattform „Euractiv“ nun zugespielt wurde. Brüssel will deshalb schärfer gegen Greenwashing vorgehen und bereitet derzeit einen entsprechenden Gesetzentwurf vor, der im März veröffentlicht werden soll. „Unternehmen, die grüne Behauptungen aufstellen, sollten sie dabei unterstützen, eine Standardmethode zur Bewertung ihrer Umweltauswirkungen anzuwenden“, heißt es in dem Entwurf. Künftig könnten Bürgerinnen und Bürger bei Regelverstößen Beschwerde einlegen. Zudem sollte der gesamte Lebensweg der Produkte betrachtet werden – also auch Emissionen bei der Herstellung.

Um dies zu gewährleisten, sollten die EU-Mitgliedstaaten „ein System zur Überprüfung von Umweltaussagen einrichten“. Die Länder sollten auch sicherstellen, dass die Regeln durchgesetzt werden, und „Sanktionen“ einführen, die „wirksam, verhältnismäßig und abschreckend“ sein sollten. Der Gesetzentwurf ist Teil des 2019 verabschiedeten europäischen Green Deals. Die Abgeordneten selbst hatten den angekündigten Gesetzesvorschlag bereits im November 2020 begrüßt und „die Entwicklung klarer Leitlinien“ gefordert. Erklärtes Ziel ist es laut EU-Parlament, »das Risiko falscher grüner Behauptungen zu verringern«. Das Parlament hatte auch die Idee eines „europäischen Registers“ eingebracht, in dem „zugelassene und verbotene Umweltinformationen“ erfasst werden sollten. Das Parlament muss dem Entwurf ebenso zustimmen wie die Mitgliedstaaten im Rat.

Ob der Entwurf in dem nun geleakten Wortlaut veröffentlicht wird, ist noch nicht ganz klar. Denn hinter den Kulissen tobt offenbar ein hitziger Streit. Schließlich könnte es für Konzerne schwieriger werden, ihre Produkte mithilfe dreister Werbelügen zu verkaufen. Insofern ist es kein Wunder, dass die Veröffentlichung des Entwurfs mehrfach verschoben werden musste. Die Journalistenblase in Brüssel vermutet, dass ein Mitglied der Kommission den Wortlaut des aktuellen Entwurfs retten will, indem er ihn der Presse zuspielt. Bei der offiziellen Präsentation im März wurde schnell deutlich, welche Passagen auf Druck der Lobbyisten in letzter Minute geändert worden waren.

Besonders umstritten ist die Methode, mit der gemessen wird, ob ein Produkt wirklich so nachhaltig ist wie behauptet. Die Kommission stützt sich dabei auf den Product Environmental Footprint (PEF), also den ökologischen Fußabdruck. Es berücksichtigt 16 verschiedene Kategorien wie Klimawandel, Ozonabbau, Feinstaub oder Wasserverbrauch. Allerdings habe die Methode viele blinde Flecken und vernachlässige Faktoren wie Recyclingfähigkeit, Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit oder die Freisetzung von Mikroplastik, kritisiert ECOS, ein Zusammenschluss von NGOs aus dem Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich, etwa Right to Repair oder Rethink Plastic. „Viele dieser Aspekte werden immer wieder in der Kommunikation der Hersteller verwendet – und sollte das PEF-Szenario Wirklichkeit werden, bleiben sie ungeregelt“, befürchten die Umweltschützer.