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Wege aus dem Dilemma (nd-aktuell.de)


Auch an Grundschulen herrscht Lehrermangel.

Foto: dpa/Jörg Carstensen

Der Lehrermangel an Berliner Schulen spitzt sich zu – und wird wieder zum Wahlkampfthema. Am Dienstagabend diskutierten Vertreter von Parteien, Senat und Hochschulen auf Einladung des Bündnisses »Schule muss anders« und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) über die Lehrerbildung an den Hochschulen. Hintergrund sind die kürzlich begonnenen Verhandlungen zu den Hochschulverträgen, die bis Herbst abgeschlossen werden sollen.

Claudius Baumann präsentierte die große Herausforderung am Anfang. Er hat vor kurzem sein Lehramtsstudium abgeschlossen und beginnt nun sein Referendariat. Für seine Masterarbeit analysierte er den Lehrerbedarf in Berlin. Derzeit sind rund 1.000 Lehrstellen nicht zu besetzen. Doch der Mangel werde sich „drastisch verschärfen“, warnte Baumann. Denn die Stadt steckt in einem demografischen Dilemma: In der Generation, die gerade studiert oder kurz davor steht, ist die Geburtenrate gesunken; gleichzeitig hat die Zahl der Kinder im schulpflichtigen Alter deutlich zugenommen. Der Abstand wird größer, weil das Berliner Lehrpersonal vergleichsweise alt ist. Baumann rechnete vor, dass bis 2030 10.000 Lehrer in den Ruhestand gehen würden.

Da das Problem absehbar war, versucht man seit etwa zehn Jahren dagegen anzugehen, bisher jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Nachdem in den Hochschulverträgen, die die Finanzierung der Hochschulen regeln, Zielzahlen festgelegt wurden, hat sich die Zahl der Absolventen seit 2017 etwa verdoppelt. Das Ziel von zunächst 1.000 und dann 2.000 Absolventen wurde jedoch nie erreicht. Im Jahr 2022 haben gerade einmal 920 Lehramtsstudierende ihr Studium abgeschlossen. Basierend auf der Bevölkerungsprognose müsste die Zielzahl aber bei 3.000 Absolventen pro Jahr liegen, damit der Bedarf gedeckt werden könne, so Baumann.

Wie wirkt sich das auf die Schulen aus? „Wir haben viele Ausfälle“, sagte Leila Melaouhi Del Valle, Vorstandsmitglied des Berliner Studierendenausschusses. Das ist unfair, denn es hängt vom Glück ab, wie gut man sich auf das Abitur vorbereiten kann. „Jedes Kind verdient einen anständigen Start in der Schule“, sagte sie. Ein Lehrer, der nur „Hannes“ genannt werden wollte, berichtete von den täglichen Herausforderungen seines Berufs. „Mobbing bis hin zur Erpressung ist hier an der Tagesordnung“, sagte er. Oft fehlt jedoch die Zeit, sich angemessen damit auseinanderzusetzen. „Wir versuchen es, aber wir halten nicht Schritt“, sagte er. Viele Lehrer haben deswegen ihren Job aufgegeben. Ihn beschäftigt vor allem eine Frage: „Wann kann ich mit mehr Kollegen rechnen?“

Der Weg dorthin dürfte schwierig werden, wie in der Diskussion schnell klar wurde. Die Hochschulen seien derzeit nicht in der Lage, 3000 promovierte Lehrkräfte pro Jahr auszubilden, sagte Niels Pinkwart, Vizepräsident für Lehre an der Humboldt-Universität. „Einige Bereiche der Hochschulen laufen bereits auf Hochtouren.“ Sie konnten nicht mehr belastet werden. In den vergangenen Jahren wurden bereits 1.500 neue Studienplätze geschaffen. Gleichzeitig sinken die Bewerberzahlen. Dennoch: „Wir sind bereit, neue Aufgaben zu übernehmen“ – dafür soll der Senat aber auch die entsprechenden Mittel bereitstellen.

30 Millionen Euro „hauptsächlich für den Kapazitätsausbau“ seien bereits beschlossen, berichtete Wissenschaftsstaatssekretär Armaghan Naghipour (parteilos, für die Grünen). Sie bezweifelte auch, dass eine Fokussierung auf 3.000 graduierte Lehrer sinnvoll sei. In Abstimmung mit dem übrigen Senat strebt sie jährlich 2.300 Absolventen an. Eine Konzentration auf solche Zahlen sei ohnehin „nicht zielführend“, da die Frage, wie die Hochschulen dabei unterstützt werden können, möglichst viele Studierende zum Studium zu begleiten, derzeit entscheidender als das Ziel sei. Ihr Senatskollege Alexander Slotty (SPD), Staatssekretär für Bildung, wies darauf hin, dass es auch in anderen Bereichen Fachkräfteengpässe gebe, die die Hochschulen ausgleichen müssten.

Tobias Schulze, wissenschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, forderte ambitioniertere Maßnahmen. „Man kann nicht mit offenen Augen in den Mangel gehen“, sagte er und bezog sich dabei auf Prognosen der Bildungsverwaltung selbst. Eine ambitionierte Zielzahl soll die Priorität des Themas aufzeigen, auch wenn diese mit den derzeitigen Kapazitäten nur schwer zu erreichen ist. Er widersprach auch dem Eindruck, dass die Zielzahl bereits feststeht. „Die Zielgröße wird festgelegt, sobald sich die Koalition darauf geeinigt hat“, sagte er. 2300 sei „ein Vorschlag der Senatsverwaltung“.

Er schließt sich damit seiner Fraktion an, die am Dienstag einen Antrag für die Plenarsitzung des Repräsentantenhauses gebilligt hat. Sie bekräftigt die Forderung nach 3000 Absolventen. Die Hochschulverträge sollten auch die Möglichkeit von Sanktionen bei Zielverfehlungen enthalten. Für die Lehrerfortbildung sollen laut Antrag neben der bereits zugesagten Mittelaufstockung zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden, um die Kapazitäten dauerhaft zu erhöhen.

Allerdings gibt es auch jenseits der Kapazitätsfrage Hürden. Das Praxissemester, in dem die Referendare selbstständig unterrichten, sei ein „Engpass“, sagte GEW-Landesgeschäftsführerin Martina Regulin. In dieser Zeit ist es für Studierende schwierig, Teilzeit zu arbeiten. Stipendien könnten für dieses Semester eingeführt werden, um die Situation abzufedern. Auch die Betreuung während des Studiums ist nicht optimal, sodass überdurchschnittlich viele Lehramtsstudierende abbrechen.

Tatsache ist, dass auch andere Bundesländer vor demografischen Herausforderungen stehen und in den kommenden Jahren mit einem sich verschärfenden Lehrermangel rechnen. Alexander Slotty hält die Idee des ehemaligen Berliner Bildungsstaatssekretärs Mark Rackles (SPD), Bildung bundesweit mit einem Staatsvertrag zu regeln, für nicht praktikabel. Da eine solche Entscheidung die Haushaltshoheit der Länder berühren würde, ist Einstimmigkeit erforderlich. Das hält er für unrealistisch. Berlin, das derzeit den Vorsitz der Kultusministerkonferenz führt, will eine vertiefte Zusammenarbeit anstreben.

Immerhin konnte die Podiumsdiskussion am Dienstag ein kleines Ziel erreichen: Die Hochschulverträge, die sonst hinter verschlossenen Türen zwischen Hochschulen und Senat verhandelt wurden, werden nun öffentlich diskutiert. Außenminister Naghipour kündigte an, diese Transparenz fortzusetzen. „Wir sind offen für Berichte von unserer Seite“, sagte sie. In welchen Formaten dies geschehen kann, ist noch unklar.