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Vor 130 Jahren wurde die Widerstandskämpferin Recha Freier geboren


Recha Freier gründete die Jugend-Alijah, die heute größte jüdische Kinderhilfsorganisation (Picture Alliance / dpa / Michael Matthey)
Der Stadtgarten.
Das glänzende Goldgitter.
Abgeschlossen.
Ein großes weißes Pappschild.
Ein Rahmen aus schwarzem Papier:

„Hunde und Juden verboten.“

In ihrem Gedicht „Erdbeben“ schildert Recha Freier ein Erlebnis aus ihrer Kindheit in Norden, einer ostfriesischen Kleinstadt, wo sie am 29. Oktober 1892 als Tochter des streng orthodoxen Lehrers und Kantors der Jüdischen Gemeinde Menasse Schweitzer geboren wurde. Solche wiederkehrenden Erfahrungen mit Antisemitismus machten sie schon früh zu einer leidenschaftlichen Zionistin: Sie war überzeugt, dass das jüdische Volk in Palästina, das als das „von Gott verheißene Land“ galt, einen eigenen Staat gründen sollte. Anna Staroselski, Präsidentin des Jüdischen Studentenbundes Deutschland:

„Ich denke, dass man ihrer Biografie auch entnehmen kann, wie wichtig ein jüdischer Staat ist, wenn es dazu kommt, dass Juden Unterdrückung in der Welt erfahren, um dort einen sicheren Hafen zu haben, wohin sie gehen können, um sich dort eine Zukunft aufzubauen.“

Von Ostfriesland bis Schlesien

Als Recha fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Glogau in Schlesien. Hier absolvierte sie das Abitur und studierte neue Sprachen an der Universität Breslau, wo sie ihren späteren Ehemann, Rabbiner Moritz Freier, kennenlernte. 1925 gingen beide nach Berlin.

Recha Freier hatte vier Kinder, arbeitete als Autorin und Übersetzerin, vor allem aber setzte sie sich unermüdlich für die zionistische Idee ein. Das sei typisch für ihre Mutter, sagte Rechas Tochter Maayan 2003 in einem Interview:

„Die Leute dachten immer, sie sei eine Träumerin. Aber es stellte sich heraus, dass die anderen träumten und nicht sie. Sie hat die Realität früher erkannt.“

Gründung der Kinder- und Jugend-Alijah

Am 30. Januar 1933, genau als Hitler an die Macht kam, rief sie die „Kinder- und Jugend-Alijah“ ins Leben: eine Organisation, die 14- bis 17-Jährige auswählte und sie in lebenslange Ausbildungslager in Kibbuzim, den landwirtschaftlichen Siedlungen in Palästina, schickte , bereit.

Doch der Widerstand der Eltern und der jüdischen Gemeinde war groß, da sich viele noch immer als Teil der deutschen Gesellschaft fühlten:

„Auch im Ersten Weltkrieg kämpften zahlreiche Juden für Deutschland und konnten sich nie vorstellen, dass der Nationalsozialismus den Industriemord einleiten würde, glaubten aber, dass sie natürlich eine Chance hätten, sich in der Gesellschaft zu behaupten und hier zu bleiben, was leider anders kam schlussendlich.“

Jüdische Jugendliche fliehen vor nationalsozialistischer Verfolgung

Je schlimmer die Verfolgung wurde, desto mehr sahen Juden einen Ausweg in der Aliyah für Kinder und Jugendliche, wenn auch schweren Herzens. Tatsächlich war es oft ein Abschied für immer. Obwohl bis 1945 mehr als zehntausend junge Menschen aus Deutschland und Europa gerettet wurden, kamen viele der zurückgelassenen Familienmitglieder ums Leben. Recha Freier selbst blieb mit ihrer kleinen Tochter Maayan in Berlin – so lange wie möglich:

„Sie hat immer gesagt, sie würde Deutschland erst mit dem letzten jüdischen Kind verlassen.“

1940 musste Recha Freier selbst fliehen

Sie versuchte weiterhin mit allen Mitteln, Einreisebescheinigungen nach Palästina zu bekommen, bis im Juli 1940 ihr Pass für ungültig erklärt wurde und sie sich mit ihrer Tochter auf eine abenteuerliche Flucht begab. Im Juni 1941 kamen beide in Jerusalem an.

Recha Freier engagiert sich weiterhin in Jerusalem

Dort engagierte sich Recha Freier bis zu ihrem Tod 1984 für junge Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Und die Jugend-Alijah entwickelte sich zum heute größten jüdischen Kinderhilfswerk.

Wertschätzung erst in den 1980er Jahren

Anerkennung für ihr Lebenswerk fand Recha Freier erst sehr spät. 1981 erhielt sie beispielsweise den „Israel Prize“, die höchste Auszeichnung des israelischen Staates. Umso wichtiger ist es, dass sie einen besonderen Platz in der jüdischen Erinnerungskultur einnimmt – auch als starke und vor allem kämpferische Frau, sagt Anna Staroselski vom Jüdischen Studentenwerk Deutschland:

„Denn sehr oft, wenn man über die Shoah spricht, fokussiert man sich natürlich in erster Linie auf die Opfer. Das stimmt auch vollkommen. Aber ich finde es auch wichtig, eine solche Geschichte von Widerstand und Selbstbestimmung zu erzählen, und Recha Freier ist davon überzeugt.“ Natürlich eine Person, die erwähnt werden muss.“

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