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Deutschland Nachrichten

Vertrauen in die Wissenschaft: Selbstüberschätzung durch starke Meinungen?


Stand: 25.01.2023 13:13 Uhr

„Das ist Quatsch“: Manche Menschen haben eine klare Meinung zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen – und oft schätzen gerade diese Menschen ihren eigenen Wissensstand als hoch ein. Eine Analyse zeigt jedoch, dass dies nicht immer gerechtfertigt ist.

Ob Impfstoffe, Klimakrise oder gentechnisch veränderte Organismen: Einige wissenschaftliche Themen rufen mitunter widersprüchliche und sehr starke Meinungen hervor. Doch wie kommt man zu solch festen Meinungen über Forschungsergebnisse? Eine aktuelle Studie hat dies untersucht.

Weniger Gebildete lehnen Forschungsergebnisse ab

Das Team erklärt im Fachblatt „PLOS Biology“, dass Menschen mit wenig Fachwissen dazu neigen, Erkenntnisse aus den oben genannten Forschungsgebieten abzulehnen. Hinzu kommt, dass Personen, die eine starke Haltung für oder gegen die Wissenschaft haben, ihr eigenes Wissen eher sehr hoch einschätzen.

Konkret befragten die Forscher 2.000 britische Erwachsene zu ihrer Einstellung zur Wissenschaft und dazu, wie sie ihr eigenes Verständnis einer Vielzahl von Forschungsthemen im Bereich der Genetik einschätzten. Sie beobachteten, dass die Befragten mit den stärksten Einstellungen – sowohl Befürworter als auch Gegner der Wissenschaft – mehr Vertrauen in ihr eigenes Wissen hatten.

Starkes Selbstvertrauen untermauert eine starke Meinung

Zu den gestellten Richtig/Falsch-Fragen gehörten: „Das Essen einer gentechnisch veränderten Frucht könnte auch die Gene einer Person verändern“, „Alle Radioaktivität ist menschengemacht“ und „Tomaten enthalten von Natur aus keine Gene, Gene kommen nur in gentechnisch veränderten Tomaten vor“.

„Wir haben festgestellt, dass starke Einstellungen, sowohl für als auch gegen die Wissenschaft, durch ein starkes Vertrauen in die Wissenschaft untermauert werden“, sagt Co-Autorin Laurence Hurst. Das ist laut Team psychologisch sinnvoll: Um eine starke Meinung zu haben, muss man fest an das glauben, was man über die grundlegenden Fakten weiß.

Keine Verallgemeinerung möglich

Dieses Grundwissen ist jedoch nicht unbedingt vorhanden: Wie die Analyse bestätigt, haben diejenigen, die sich am negativsten zu einem Forschungsgebiet äußern, tendenziell wenig Wissen zu dem Thema. Laut den britischen Forschern ist zumindest bei gentechnisch veränderten Organismen nur eine sehr kleine Gruppe von etwa fünf Prozent extrem negativ.

Grundsätzlich lassen sich die Ergebnisse nicht verallgemeinern, betont das Forschungsteam. Religiöse Einstellungen spielten beispielsweise eine große Rolle in der Evolution, politische Positionen in der Klimakrise. Inwieweit das subjektive Verständnis bei solchen Themen eine Rolle spielt, bleibt zu klären.

Vorherige Studienergebnisse bestätigt

Laut Eva Thomm von der Universität Erfurt bestätigen die aktuellen Ergebnisse die Ergebnisse früherer Studien. „Die Folge einer Überschätzung des eigenen Wissens in Verbindung mit einer kritischen Haltung gegenüber der Wissenschaft kann sein, dass man sich auf fragwürdige Informationen aus fragwürdigen Quellen verlässt“, erklärte der Psychologe in einer unabhängigen Einordnung.

Die von den britischen Forschern gefundenen Zusammenhänge ließen sich laut Thomm zumindest teilweise auch auf Deutschland übertragen. Eine 2019 in „Nature Human Behaviour“ veröffentlichte Studie, die sich ebenfalls mit Einstellungen, subjektivem und tatsächlichem Wissen über gentechnisch veränderte Organismen befasste, bezog auch eine deutsche Stichprobe ein und kam zu ähnlichen Ergebnissen.

Autoren: „Eine schweigende, ungewisse Mehrheit erreichen“

In einer Analyse, an der Thomm beteiligt war, kamen die Autoren zu dem Schluss, dass sich Wissenschaftskommunikationskampagnen darauf konzentrieren sollten, die schweigende, unsichere Mehrheit zu erreichen, anstatt die laute Minderheit zu überzeugen.

Eine bloße Weitergabe von Informationen könne kontraproduktiv sein, hieß es nun auch. „Um die negative Einstellung einiger Menschen gegenüber der Wissenschaft zu überwinden, muss man wahrscheinlich dekonstruieren, was sie über Wissenschaft zu wissen glauben, und es durch ein genaueres Verständnis ersetzen“, erklärt Anne Ferguson-Smith, Co-Autorin der Studie in PLOS Biology.

Sprechen Sie auch über Unsicherheiten

Wie Thomm betont, sei es auch wichtig, das Wissenschaftsverständnis der Menschen zu berücksichtigen: „Welche Vorstellungen haben sie darüber, wie wissenschaftliche Erkenntnisse generiert werden, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler miteinander diskutieren oder wie wissenschaftliche Standards aussehen?“ Zu einem angemessenen Wissenschaftsverständnis gehört das Wissen um die Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse und um wissenschaftliche Kontroversen.

Der Mangel an solchem ​​Wissen könnte möglicherweise ein Treiber für die Entwicklung einer negativen Einstellung sein. „Wissenschaftskommunikation muss es gelingen, solche Unsicherheiten im Rahmen wissenschaftlicher Prozesse zu vermitteln, ohne Vertrauenswürdigkeit oder Akzeptanz zu untergraben“, sagt Thomm. „Widersprüche und Veränderungen mögen zunächst Unbehagen hervorrufen. Sie sind aber auch Ausdruck dafür, dass Wissenschaft funktioniert.“

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