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Deutschland Nachrichten

Uhren werden zurückgestellt: Ein Drittel hat Probleme mit der Zeitumstellung


Stand: 29.10.2022 16:19 Uhr

Am Sonntagabend werden die Uhren umgestellt. Es ist nur etwa eine Stunde – doch das bereitet immer mehr Menschen Probleme, wie eine Umfrage zeigt. Und auch Schlafmediziner würden die Zeitumstellung gerne abschaffen.

Jedes Jahr im Herbst und Frühjahr fühlt sich ein Großteil der Deutschen schwächer als sonst. Denn dann wird die Uhr umgestellt – und das verursacht immer mehr Menschen Probleme. Laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK klagen 32 Prozent der Deutschen nach der Zeitumstellung über körperliche oder psychische Beschwerden – der höchste Wert der vergangenen zehn Jahre.

81 Prozent derjenigen, die nach der Zeitumstellung Probleme hatten, fühlen sich schlapp und müde. 69 Prozent leiden laut Umfrage unter Einschlaf- und Schlafstörungen, 41 Prozent unter Konzentrationsschwäche und 30 Prozent unter Reizbarkeit. Mit 40 Prozent leiden Frauen nach der Zeitumstellung fast doppelt so häufig unter gesundheitlichen Problemen wie Männer (23 Prozent).

„Mini-Jetlag“ mit gesundheitlichen Folgen

Es ist „nur“ etwa eine Stunde, könnte man einwenden. Warum hat das so einen großen Einfluss? Alfred Wiater von der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin sagt, dass unser biologischer Rhythmus maßgeblich von äußeren Faktoren bestimmt wird. „Das übernehmen sogenannte Zeitgeber. Der wichtigste äußere Zeitgeber ist das Licht. Insbesondere der Blauanteil der Morgensonne unterdrückt das Schlafhormon Melatonin und fördert die Ausschüttung von Serotonin, das uns aktiviert und positiv stimmt.“ .“ Durch die Umstellungen – vor allem im Frühjahr von Normal- auf Sommerzeit – seien „Anpassungsprozesse nötig, die einem Mini-Jetlag entsprechen“.

Auch unser Hormonhaushalt kann laut Wiater durcheinander geraten. „Die Anpassung an eine neue Zeitzone wird vom suprachiasmatischen Kern reguliert“, sagt Wiater. Diese Gehirnregion ist „unser wichtigster interner Timer und reguliert die täglichen Schwankungen der Körpertemperatur und die Ausschüttung von Melatonin, Cortisol und Wachstumshormon“. Gerät diese innere Uhr durch eine abrupte Zeitumstellung durcheinander, muss die Hormonausschüttung mühsam nachjustiert werden. Zur Zeitumstellung hat Wiater deshalb eine klare Meinung: „Dadurch wird die Bevölkerung regelmäßig unnötigen Gesundheitsrisiken ausgesetzt.“

Wann wird die Zeit umgestellt?

An diesem Wochenende endet in Deutschland und vielen anderen Ländern die Sommerzeit. In der Nacht von Samstag auf Sonntag um 3:00 Uhr werden die Uhren um eine Stunde auf 2:00 Uhr zurückgestellt – die Nacht ist 60 Minuten länger. Bis Ende März gilt wieder die Normalzeit, oft Winterzeit genannt.

Normal – besser als die Sommerzeit

Das sehen auch die meisten Deutschen so. In Umfragen sprechen sich fast drei Viertel für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. Allerdings würde dies auch starke Änderungen der Sonnenauf- und -untergangszeiten bedeuten, die umso gravierender sind, je weiter nördlich man sich befindet. In Flensburg würde bei dauerhafter Winterzeit die Sonne im Sommer gegen 3:45 Uhr aufgehen und um 21 Uhr hinter dem Horizont verschwinden. Bei Beibehaltung der Sommerzeit würde es in Flensburg erst kurz vor 10 Uhr hell werden Dezember.

Wiater und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin plädieren für die Beibehaltung der Normalzeit – also der Winterzeit. Auch eine Studie der Universität Bologna kommt zu dem Schluss, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus durch den Frühlingswechsel viel stärker gestört wird als im Herbst. Und eine Studie des schwedischen Karolinska-Instituts geht sogar davon aus, dass das Herzinfarktrisiko in den Tagen nach der Umstellung auf Sommerzeit um etwa fünf Prozent höher ist.

Jüngere Menschen profitieren von der Sommerzeit

Aber es gibt auch Gegenargumente, vor allem soziologische und psychologische. Die längeren Tage im Sommer können die meisten Menschen abends wohl besser nutzen, um zum Beispiel Sport zu treiben oder sich mit Freunden zu treffen. Auch Gastronomen profitieren mehr, wenn es in den Abendstunden länger hell ist als bei Sonnenaufgang um 4 Uhr morgens

Dahinter steckt auch ein kleiner Generationenkonflikt, wie der Arbeitsmediziner Thomas Harth vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf erklärt: „Jüngere Menschen sind abends länger aktiv und schlafen morgens gerne aus, sind als Biotyp eher Eulen. Je älter wir werden, desto eher verzögert sich morgens das Aufstehen und abends das Einschlafen – wir werden eher Lerchen.“ Deshalb kommen ältere Menschen besser mit der Winterzeit zurecht, während jüngere Menschen eher von der Sommerzeit profitieren. „Deshalb sind tendenziell mehr ältere Menschen dafür, die Zeitumstellung abzuschaffen.“

Schichtarbeiter viel stärker betroffen

Der Arbeitsmediziner betont auch, dass die Zeitumstellung durchaus Folgen für die Chronobiologie hat. Es gibt aber noch viele andere Faktoren, die einen viel stärkeren Einfluss auf unsere innere Uhr und unsere Gesundheit haben, insbesondere die Schichtarbeit. Rund 15 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten im Schichtbetrieb. Harth wirbt deshalb dafür, dass diese Menschen für die Nacht der Zeitumstellung eine Entschädigung bekommen – in der sie jeweils (oft unbezahlt) eine Stunde länger arbeiten müssen. Generell ist es für die Schlafhygiene wichtig, dass das Schlafzimmer gut abgedunkelt ist, damit der Schlaf erholsam ist, egal wie lange die Nacht dauert.

EU-weite Erhebung ohne Folgen

Es bleibt jedoch die Frage, warum die Regierungen das Problem der Zeitumstellung nicht angehen. Ein Problem dabei: Politiker sagen, es brauche europaweit verbindliche Regelungen. Und in anderen Ländern scheint das Thema die Menschen nicht so zu bewegen wie hier. Das zeigt auch eine nicht repräsentative Umfrage unter EU-Bürgern aus dem Jahr 2018. 4,6 Millionen der damals rund 450 Millionen EU-Bürger stimmten – und 80 Prozent sprachen sich für eine Abschaffung aus. Doch die meisten Teilnehmer, rund drei Millionen, kamen aus einem einzigen Land: Deutschland.

Trotzdem hatte die EU damals versprochen, das Thema anzugehen. Doch seitdem ist wenig passiert: „Das letzte Gespräch fand 2019 statt“, sagt Kommissionssprecher Adalbert Jahnz ARD-Studio Brüssel. „Der Ball liegt weiter im Spielfeld der Mitgliedsstaaten.“ Offenbar ist das Thema angesichts des Krieges in der Ukraine, der Klimakrise und der Pandemie auf der Prioritätenliste der Staats- und Regierungschefs nach unten gerutscht.

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