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Über Wasser: Wasserminna (nd-aktuell.de)


Im James-Simon-Park in Berlin befand sich früher der Circus Busch – ein buntes Märchenschloss mit Kuppel, Türmchen und einem riesigen Saal mit über 4000 Sitzplätzen.

Foto: IMAGO / Stefan Zeitz

»Ich komme an der Ebertsbrücke beim Stadtbad vorbei und schaue, wie die Renovianer und Jross aufräumen. Du kennst jedes Brett…“

»Wasserminna« erschien erstmals 1933. Darin würdigte die Berliner Zirkusdirektorin Paula Busch ihre Künstlerin, Stuntfrau und Haushälterin Minna Schulz in Panke-Berlinerisch. Von den Berlinern bald Wassermine genannt, fand der gerade 15-Jährige um 1900 Arbeit im Flussbad an der Ebertsbrücke, einer neu gebauten Brücke zwischen Bode-Museum und Friedrichstraße, deren Lampenfüße mit Eberköpfen geschmückt waren. Minna schwamm mit schwachen Frauen in der Spree, hinderte ein Fräulein von Riffenthal am Baden, damit sie sich nicht erkältete, und tauchte, um nach einer gerade ins Wasser gefallenen „goldenen Uhr mit Brillanten“ zu suchen. „Ich bin rein und runter getaucht. Kann zweieinhalb Minuten unter Wasser bleiben.“ Es gab ein Hurra, als sie wie ein Walross wieder auftauchte und stotterte: „Ich habe es!“

Im Juli und August mussten Minna und ihre Kollegen 5.000 Menschen versorgen: den Damen, die sich wegen überfüllter Kabinen auf der Brücke umziehen mussten, Laken vorhalten; Kinder, die kein Ende fanden, mit dem Kanthaken aus dem Wasser ziehen; das Zitieren einer nackten Frau aus der Spree oder die Rettung einer jungen Dame aus dem Fluss, der von einem „dummen Kerl mit lustmörderischen Ideen“ von der Brücke ein Stein auf den Kopf geworfen wurde. Nach diesem Vorfall wurde ein Drahtnetz über das Bad gespannt und der Sommer neigte sich dem Ende zu.

„Und jetzt war es Anfang September und nach sieben schon mulmig.“ Dann las ein „kleines Mädchen“ der Wasserminna eine Anzeige vor: „Zirkus Busch sucht erfahrene Taucher und Schwimmer“. Minna macht sich auf den Weg zum Zirkus Busch, der unweit der Spree am Bahnhof Börse lag (heute Hackescher Markt, der Zirkus stand am Hang des James-Simon-Parks), und freut sich schon bald auf eine Anstellung als Schwimmerin.

Der Zirkus war ein buntes Märchenschloss mit Kuppel und Türmchen, einer riesigen Halle mit über 4000 Sitzplätzen, Stallungen, einer einfahrbaren Arena und einer Pumpe, die tausende Liter Wasser aus der Spree in den Zirkus pumpen konnte. Gigantische Spektakel wurden inszeniert, Seeschlachten, Dramen unter Wasserfällen, Piratenspiele und »Die versunkene Stadt«. Für die Ringshow »Camora or the Bandits of Abruzzo« im letzten akt gab es eine blaue grotte, minna schwamm durch einen tunnel, um plötzlich vor dem staunenden publikum aufzutauchen – als meerjungfrau mit blauem schwanz »der ringsum mit blauen zwiebeln gespickt war und den ich dabei rufen und absteigen ließ vom schwimmen wejen der effekt und was et ooch natürlich aussah«.

Bei ihr waren es zwölf Schwimmer, „Ich war ihre Königin oder ihr Anführer oder so ähnlich“; Aquaminna rang mit Bären (einer „knabberte“ sie an), rutschte Felsen hinunter, tauchte nach Schwimmern und tanzte auf künstlichen Meeresböden, die mit grünen Pailletten bedeckt waren. Mit dem Aufkommen der Kinos endeten auch in Berlin die großen Pantomimen. Minna blieb bis an ihr Lebensende bei Paula Busch, erduldete mit ihr den Abriss des Zirkushauses (wegen Albert Speers Plänen für die Reichshauptstadt), Krieg und Evakuierung. Sie ist im Grab der Familie Busch in der Liesenstraße im Berliner Stadtteil Wedding bestattet, unweit der Straßen ihrer Kindheit, die zum Spreebad führten.