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Strom gegen Gas – Die deutsch-französische Energiefreundschaft


In Deutschland wird mehr Strom produziert als verbraucht, etwa die Hälfte wird mittlerweile aus erneuerbaren Energien erzeugt (Picture Alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Energie ist in Deutschland knapp und teuer geworden – und trotzdem exportiert Deutschland Strom nach Frankreich und wandelt ihn sogar in Gas um. Die Linkspartei hat deshalb bereits die Aussetzung der Stromexporte gefordert.

Doch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat stattdessen mit Frankreich eine Einigung erzielt, in der sich beide Länder zu Solidarität in der Energiekrise bekennen. Der französische Präsident Emmanuel Macron betonte, dies sei im Interesse beider Länder.

Frankreich produziert etwa 70 Prozent seines Stroms mit Kernkraftwerken. Doch mehr als die Hälfte der 56 französischen Atomkraftwerke sind wegen Reparaturarbeiten und Rissen seit Wochen außer Betrieb. Zweitwichtigster Stromlieferant der Franzosen ist die Wasserkraft, doch auch diese ist wegen der extremen Hitze in diesem Sommer nicht zuverlässig. Infolgedessen ist Frankreichs Energieversorgung in weitaus größere Schwierigkeiten geraten als der Mangel an russischen Gaslieferungen, die im Energiemix keinen so großen Anteil haben.

Strom gegen Gas – Die deutsch-französische Energiefreundschaft

Im Jahr 2020 wurden rund 67 Prozent des in Frankreich erzeugten Stroms aus Kernenergie gewonnen. (Statista/RTE – Stromreport 2020)

Frankreich kann diese Lücken nur zu sehr hohen Preisen mit Strom aus dem Ausland schließen. Denn der Strompreis am Markt ist durch die Energieknappheit in vielen europäischen Ländern extrem gestiegen. Eine Megawattstunde Strom kostete Anfang September 2022 rund 1.000 Euro; Im vergangenen Jahr kostete eine Megawattstunde weniger als 100 Euro.

Im Winter könnte das französische Stromnetz an seine Belastungsgrenze stoßen, denn ein Drittel der Haushalte in Frankreich heizen mit Strom, in Deutschland nur fünf Prozent. Sinkt die Temperatur im Winter um ein Grad, braucht es die Leistung von zweieinhalb Kernreaktoren, um den Mehrbedarf zu decken.

„Jeder muss sich dafür verantwortlich fühlen, seinen Konsum einzudämmen“, sagte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire Ende August. Ministerpräsidentin Élisabeth Borne macht dafür vor allem Unternehmen verantwortlich: Jedes Unternehmen müsse im September einen Energiesparplan vorlegen, sagte sie am 5. September 2022 vor dem Arbeitgeberverband. Wenn Sie Energie rationieren müssen, fangen Sie bei den Unternehmen an.

Droht Frankreich ein Blackout?

Aber Borne räumt ein, dass auch Haushalte betroffen sein könnten: „Wenn alle Stricke reißen, müssen wir den Haushalten den Strom abstellen“, sagte sie am 31. August 2022 im französischen Fernsehen. Wohngebiete werden dann nacheinander für zwei Stunden abgeschaltet, aber es wird alles getan, um dies zu verhindern.

Frankreich könne den Mangel organisieren, so werde es auch im Winter keine ungeplanten Stromausfälle geben, sagte der französische Ökonom Patrice Geoffron Ende August im Deutschlandfunk. Das wäre immer noch eine „schwierige Situation“, die für viele Bürger auch „traumatisch“ werden könnte.

Deutschland hat im ersten Halbjahr 2022 sogar deutlich mehr Strom produziert als hierzulande verbraucht wurde. Starke Produktionszuwächse gab es laut Statistischem Bundesamt bei der Kohle (17,2 Prozent) und bei den Erneuerbaren Energien (12,1 Prozent). Fast die Hälfte des Stroms wurde aus erneuerbaren Energien produziert. Und erstmals seit Beginn der Statistik im Jahr 1990 exportierte Deutschland mehr Strom nach Frankreich, als in umgekehrter Richtung importiert wurde. Strom wird sowohl importiert als auch exportiert, um Schwankungen im Netz auszugleichen.

Gas werde aber auch zunehmend in Strom umgewandelt, um den französischen Markt beliefern zu können, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, Ende August in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“. Das habe mit „nachbarschaftlicher Solidarität“ zu tun, sei aber „gastechnisch nicht wünschenswert“. Nach Angaben von Smard, dem Energieportal der Bundesnetzagentur, wurden im Juli 2022 in Deutschland 4.036 Gigawattstunden aus Erdgas produziert, im Vergleich zu nur 3.555 Gigawattstunden im Juli 2021.

Deutsche Atomkraftwerke als Reserve – auch für Frankreich

Am 5. September 2022 kündigte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) an, dass zwei der drei noch in Betrieb befindlichen deutschen Kernreaktoren nicht wie ursprünglich geplant zum Jahresende endgültig abgeschaltet werden, sondern bis Mitte 2022 in Reserve bleiben sollen -April. Der dritte verbleibende Reaktor, Emsland, wird planmäßig Ende des Jahres abgeschaltet. Eine Verlängerung der Amtszeit über Mitte April hinaus schloss Habeck kategorisch aus.

Zuvor hatte ein sogenannter Stresstest gezeigt, dass die süddeutschen Atomkraftwerke in Extremsituationen im Winter hilfreich sein könnten. Als eines der Probleme nannte Habeck die wegen des Niedrigwassers im Rhein schwierige Anlieferung von Kohlen an Kohlenhalden im Südwesten Deutschlands. Zudem ist die Windkraft vor allem in Süddeutschland nur schwach ausgebaut. Habeck verwies auch auf die wegen Wartungsarbeiten abgeschalteten Atomkraftwerke in Frankreich. Strom fließt ins Nachbarland.

Während die Stromversorgung in Deutschland relativ gut ausgebaut ist, werden Gasengpässe befürchtet. Gas wird in Deutschland viel als Energieträger zum Heizen und in der Industrie eingesetzt. Allein technisch lässt sich die Gasknappheit nicht ohne Weiteres mit Strom ausgleichen. Und hier hat Frankreich Hilfe angeboten.

„Deutschland braucht unser Gas und wir brauchen den Strom, der im übrigen Europa und insbesondere in Deutschland produziert wird“, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach einer Videokonferenz mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am 5. September 2022. Beide Länder sind es mit Energieknappheit zu kämpfen. Aber Frankreich braucht vor allem Strom, auch weil viele Haushalte damit heizen. In Deutschland hingegen wird überwiegend mit Gas geheizt. Deutschland verbrauchte 2021 gut 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas, Frankreich nur 43.

Während Deutschland bis zum russischen Angriff auf die gesamte Ukraine etwa die Hälfte seines Erdgasverbrauchs durch Importe aus Russland deckte, bezog Frankreich nur etwa ein Viertel aus Russland. Im Gegensatz zu Frankreich gibt es in Deutschland noch kein LNG-Terminal, über das Erdgas per Schiff geliefert werden könnte. Frankreich hat vier solcher Terminals und kann damit 33 Milliarden Kubikmeter Erdgas importieren. Frankreich bezieht über Pipelines auch Gas aus Spanien.

Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, geht davon aus, dass Erdgas bereits im Oktober über Frankreich nach Deutschland fließen wird. Zum Umfang der Lieferungen äußerte er sich in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am 29.08.2022 allerdings nicht.

Frankreich werde in den nächsten Wochen die notwendigen Gasverbindungen herstellen, um im Bedarfsfall Gas nach Deutschland zu liefern, sagte Macron am 5. September nach der Pressekonferenz mit Scholz. Dazu nimmt Frankreich im Grenzgebiet zu Rheinland-Pfalz eine stillgelegte Gasleitung wieder in Betrieb. Die Pipeline, die eigentlich für Lieferungen nach Frankreich gebaut wurde, soll nun im Winter Gas nach Deutschland bringen.

„Diese deutsch-französische Solidarität ist die Zusage, die wir gegenüber Bundeskanzler Scholz eingegangen sind“, sagte Macron. Nähere Angaben machte er zunächst nicht. Deutschland hat sich auch bei der Stromversorgung verpflichtet. Größere Stromlieferungen über Ländergrenzen hinweg sind in Europa keine Seltenheit und finden täglich statt.

Streit um Pipeline von Spanien nach Deutschland

Auch Deutschland drängt auf die Wiederbelebung eines Pipeline-Projekts in Spanien. Frankreichs Präsident Macron lehnte das Vorhaben nach der Videokonferenz mit Scholz Anfang September erneut ab. Die Midcat-Pipeline soll von Barcelona über die Pyrenäen bis zum Anschluss an das französische Netz im südfranzösischen Barbairan führen. In Spanien ist die Röhre bis Hostalric, 106 Kilometer südlich der Grenze, fertiggestellt; in Frankreich fehlen rund 120 Kilometer.

Spanien sieht darin ein Projekt von europäischer Bedeutung, das daher auch von der EU finanziert werden muss. Das Erdgas, das durch die Leitung nach Norden fließen soll, könnte aus unterschiedlichen Quellen in Spanien und Portugal bezogen werden, da beide Länder zusammen über insgesamt sieben LNG-Terminals verfügen. Hinzu kommen zwei Pipelines zum Gasversorger Algerien in Nordafrika. Später könnte im Rahmen der Energiewende auch sogenannter grüner Wasserstoff, der mit Hilfe von Wind oder Sonne erzeugt wird, durchgeleitet werden. Bisher gibt es nur zwei kleinere Gaspipelines von Spanien über die Pyrenäen nach Norden mit begrenzter Kapazität.

Quellen: Julia Borutta, Statistisches Bundesamt, Strommarktdaten Smard, BP Statistical Review of World Energy 2022, GIE LNG Database, Statista, dpa, Reuters, AFP, pto