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Streit um neue Gehörlosenunterkunft (nd-aktuell.de)


Müssen zum vierten Mal in einem Jahr umziehen: Berlins gehörlose Flüchtlinge

Foto: Flüchtlingsrat Berlin

Die Suche nach einer neuen Unterkunft für 80 gehörlose Flüchtlinge aus der Ukraine ist beendet. Wie Sascha Langenbach, Sprecher des Berliner Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF), gegenüber »nd« erklärt, soll die Gruppe künftig am Columbiadamm in Tempelhof untergebracht werden. „Das war ganz schön viel Arbeit“, sagt Langenbach. »Aber wir haben es den Gehörlosen ermöglicht, zusammenzubleiben.«

Wie der LAF-Sprecher erklärt, sollen sie bis Anfang nächster Woche ihre bisherige Unterkunft in Spandau verlassen. Die Gruppe gilt als besonders gefährdet, Opfer von Einbrüchen zu werden. Am Columbiadamm soll deshalb vor dem Einzug eine optische Alarmanlage installiert werden. Sie befindet sich in der alten Anlage und wird dort abgebaut. „Wir haben für die Dauer der Installationsarbeiten Sicherheitspersonal eingesetzt und dies auch an Gehörlose kommuniziert“, sagt Langenbach.

Der ursprüngliche Plan des LAF sah jedoch anders aus: Die Unterkunft in Charlottenburg, einem ehemaligen Studentenwohnheim, sollte Gehörlosen Unterschlupf bieten. Ein großer Vorteil der Einrichtung wäre die Nähe zu einer der wenigen Gehörlosenschulen in Berlin, die von Kindern der Flüchtlinge besucht wird. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wären es etwa 20 Minuten gewesen. Von der Unterkunft in Spandau brauchten Gehörlose etwa 30 Minuten zur Schule, vom Columbiadamm etwa eine Stunde. Eine Untersuchung des Standorts Charlottenburg stellte sich jedoch als ungeeignet für gehörlose Bewohner heraus. Zuvor müssten weitere bauliche Maßnahmen durchgeführt werden.

Der Berliner Gehörlosenverband ist von der jetzigen Lösung enttäuscht. „Wir wollen, dass die Flüchtlinge noch etwas länger in Spandau bleiben können, bis die eigentlich geplante Unterkunft in Charlottenburg fertig ist“, sagt seine Flüchtlingsbeauftragte Clara Belz zu „nd“. Den Flüchtlingen war eine Unterkunft im ehemaligen Studentenwohnheim in Aussicht gestellt worden. „Die Leute haben es satt, dass Versprechen immer wieder gebrochen werden.“ Die Situation erinnert sie an das vergangene Jahr, in dem entgegen früherer Aussagen versucht wurde, die Flüchtlinge zum Verlassen Berlins zu bewegen.

Gegenüber der Unterkunft in Tempelhof hat die in Charlottenburg aber auch einen Nachteil: Während die Familien am neuen Standort über eigene Bäder und Küchen verfügen, müssten diese in Charlottenburg mit den anderen Gehörlosen der Gruppe geteilt werden. Clara Belz betont jedoch, dass die Familien bereit waren, diesen Nachteil für den kürzeren Schulweg ihrer Kinder in Kauf zu nehmen. „Hier wird über die Köpfe der Gehörlosen hinweg entschieden, was für sie als Gehörlose gut ist und was nicht. Das kotzt uns an“, kritisiert Belz.

Auch Georg Classen vom Berliner Flüchtlingsrat hält die Lösung für alles andere als ideal. „Der Standard der Unterkünfte war vorher nicht gut und verbessert sich auch jetzt nicht“, sagt er zu „nd“. Im Gegenteil: Anders als bei der Anlage in Spandau ist die Trinkwasserversorgung am Columbiadamm nicht gesichert. „Du kannst dort nicht aus dem Wasserhahn trinken. Das muss man den Kindern erst mal erklären.« Der neue Standort ist wie in Spandau eine Containerunterkunft.

Gegenüber „nd“ bestätigt LAF-Sprecher Langenbach nicht nur, dass die Trinkwasserversorgung am Standort über Kanister erfolgt, sondern auch, dass das Gesundheitsamt vom Duschen abrät. Aus diesem Grund wurden Teile der Gruppe in Apartmenthotels in der Nähe der neuen Anlage untergebracht. „Das sind Schwangere und Kleinkinder“, sagt Langenbach. Wie lange sie dort bleiben werden, ist derzeit unklar.

Das ehemalige Studentenwohnheim in Charlottenburg will der LAF laut Langenbach weiter anmieten. Mit Blick auf Gehörlose gilt jedoch: „Wir können keine Unterkünfte anbieten, in denen die Voraussetzungen weder baulich noch vertraglich geschaffen sind.“ Nach Angaben des LAF sind die Wünsche und Vorlieben der Flüchtlinge unterschiedlich. „Wir haben gehört, dass die eigene Küche und das eigene Bad Vorrang haben“, sagt Langenbach.

In einem Brief, der „nd“ vorliegt und von allen Gehörlosen unterschrieben ist, sprechen sie sich für das ehemalige Studentenwohnheim in Charlottenburg aus – und gegen den Standort am Columbiadamm. „Wir sind nicht damit einverstanden, dort in die Container zu ziehen“, heißt es in dem Schreiben. In Spandau hatte sich im Winter bereits Schimmel an den Wänden ausgebreitet und die Wände und Böden waren kalt. Im Sommer hingegen ließ die Hitze die Flüchtlinge ohnmächtig werden. „Wir bitten darum, mit Menschlichkeit behandelt zu werden“, schreiben die Flüchtlinge.

Die Zeilen enthalten auch eine mögliche Erklärung, warum der LAF von einer Unterstützung für den Columbiadamm ausgeht: Möglicherweise habe es bei der Verdolmetschung ein Missverständnis gegeben, so der Gehörlose. Ein nächstes Treffen mit Vertretern des LAF ist für Donnerstag geplant.

Neben den 80 gehörlosen Flüchtlingen müssen 150 weitere Flüchtlinge ihre Unterkunft in Spandau aufgeben. Sie wurden laut LAF bereits in Hostels in der Nähe des Alexanderplatzes und unweit des S-Bahnhofs Landsberger Allee untergebracht. „Anders als früher gibt es dort keine Kochgelegenheit mehr“, kritisiert Georg Classen. Das stattdessen bereitgestellte Essen bezeichnet der Sprecher des Flüchtlingsrates als „entmündigende Fertigschmiere“.

Nicht zuletzt kritisiert Classen Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke): „Der Umgang der Sozialsenatorin Kipping mit den gehörlosen Flüchtlingen im vergangenen Jahr war unerträglich.“ und es wurden weder Dolmetscher noch ausreichender Brandschutz bereitgestellt. „Das war absolut illegal“, sagt Classen.

Das Hin und Her um die gehörlosen Flüchtlinge hatte bereits im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt, als sie nach dem Königsteiner Schlüssel nach Köln ziehen sollten. Nach Protesten des Gehörlosenbundes und des Flüchtlingsrates erlaubte ihm Sozialsenator Kipping, in der Hauptstadt zu bleiben.

An den Türen der alten Flüchtlingsunterkunft in Spandau wurden Mitte Januar Aushänge gefunden, in denen das LAF und der Landkreis über einen kurzfristigen Umzug bis Anfang Februar informierten. Seit Jahren will der Landkreis auf dem Gelände eine Sporthalle und ein erweitertes Schulgebäude errichten. Wegen der hohen Flüchtlingszahlen war eine Frist zur Schließung der Einrichtung mehrfach verlängert worden.