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Stimme des deutschen Judentums: Charlotte Knobloch wird 90

Stimme des deutschen Judentums
Charlotte Knobloch wird 90

Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knoblauch kämpft seit Jahrzehnten gegen Antisemitismus und für das Judentum. Heute feiert die gebürtige Münchnerin ihren 90. Geburtstag. Sie zeigte sich schockiert über das AfD-Ergebnis in Niedersachsen. Sie spricht von einem „Alarmsignal für das ganze Land“.

Sie ist die letzte Holocaust-Überlebende in einem öffentlichen Amt in Deutschland: Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, steht noch im Alter von 90 Jahren an der Spitze der Jüdischen Gemeinde in Deutschland München und Oberbayern und ist bis heute eine der wichtigsten Stimmen des Judentums in Deutschland. Als solche ist sie empört über den heutigen Rechtsextremismus – gleichzeitig begegnet sie ihrer Heimat Deutschland mit Optimismus und Patriotismus.

Knoblochs Worte nach der Landtagswahl in Niedersachsen und den deutlichen Zugewinnen der rechtspopulistischen AfD waren eindeutig. „Um es ganz klar zu sagen, ich bin schockiert darüber, wie viele Stimmen allein mit Angst und Aufregung bei Wahlen gewonnen werden können“, sagte sie und beklagte das „Alarmsignal für das ganze Land“. Angesichts der hohen Zahl rechtsextremistischer Taten in Deutschland ist Knobloch immer wieder als Mahner aktiv geblieben. Der Anstoß für ihr standhaftes Handeln liegt wohl in ihrer eigenen Geschichte. „Jeder, der überlebt hat, hat eine Geschichte, die man einfach nicht glauben kann“, sagte sie in einem ARD-Interview über ihr Überleben im Holocaust.

traumatische Kindheit

Knobloch wurde am 29. Oktober 1932 als Charlotte Neuland geboren. Nur drei Monate nach ihrer Geburt übernahm Adolf Hitler die Macht, der Nationalsozialismus zerstörte bald das Glück der Familie. Ihr Vater, der Rechtsanwalt Siegfried „Fritz“ Neuland, erhielt Berufsverbot. Charlottes zum Judentum konvertierte Mutter trennte sich auf Druck der Nazis von der Familie – Charlotte wuchs bei ihrer Großmutter auf. Charlotte hat die Pogrome vom 9. November 1938 in München hautnah miterlebt, wie sie im vergangenen Jahr in einer bewegenden Rede vor dem Bundestag sagte. „An der Hand meines Vaters wandre ich durch die Straßen. Lärm. Schreie. Rauch strömt aus den Fenstern der Ohel-Jakob-Synagoge.“ Charlotte sieht, wie zwei SA-Schergen „Opa Rothschild“ aus seinem Haus zerren. „Blut läuft ihm übers Gesicht. Ich darf nicht aufhören. Stolpere nicht. Weine nicht.

Als Charlotte neun Jahre alt war, wurde ihre geliebte Großmutter in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, wo sie starb. Knobloch überlebt die NS-Zeit – ihr Vater schafft es, sie als angeblich uneheliches Kind bei einer tief katholischen Bäuerin in Franken zu verstecken. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie nach München zurück. Ihr Vater bleibt auch dort. Er habe vom ersten Tag an gesagt, Deutschland habe eine Zukunft, sagte Knobloch gerade dem „Stern“. „Er liebte seine Heimat immer noch.“ Fritz Neuland wurde später Präsident der Jüdischen Gemeinde in München. Seiner Tochter, die seit 1985 das Ruder innehat, ist es zu verdanken, dass 2006 am zentral gelegenen Münchner Jakobsplatz ein beeindruckendes jüdisches Zentrum mit Synagoge eingeweiht wurde – ihr Lebenswerk. Im Jahr der Amtseinführung wurde Knobloch auch Präsident des Zentralrats der Juden. Dieses Amt bekleidete sie vier Jahre lang bis 2010.

Allerdings waren es schwierige Jahre für Knobloch, dem von manchen vorgeworfen wurde, den Zentralrat an Bedeutung zu verlieren. Kritiker warfen ihr auch vor, die vielen aus Osteuropa eingewanderten Juden nicht zu integrieren. Knobloch war in München stets unangefochten. Eigentlich wollte sie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig verlassen, wie viele andere Holocaust-Überlebende. Doch mit ihrem Mann Samuel gründete sie eine Familie mit drei Kindern und blieb. Wie ihr Vater entwickelte auch sie eine Liebe zu ihrer Heimat, die sie in ihrer Bundestagsrede in einem Satz zum Ausdruck brachte: „Ich stehe vor Ihnen – als stolze Deutsche.“ Und während einer ihrer Vorgänger an der Spitze des Zentralrats, Ignatz Bubis, sich in Israel begraben ließ, will Knobloch nach seinem Tod in München bleiben. „Ich bin und bleibe in München – für alle Zeiten. Das ist meine Heimat, hier gehöre ich hin.“

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