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Religiöse Minderheiten in Katar – Toleriert und gut bewacht


Die katholische Kirche in Katar (Friebe/dlf)

Solche Momente hat es wohl noch nie bei einer Fußball-WM gegeben. Polizisten, Freiwillige, Fans, sie alle sitzen und knien gemeinsam auf einer Wiese vor dem Thumama-Stadion. Das Spiel von Gastgeber Katar gegen Senegal steht kurz vor dem Anpfiff und sie beten jetzt vor Sonnenuntergang an diesem Freitag. Der Islam spielt bei diesem Fußballturnier eine spürbare Rolle. Es versteht sich von selbst, dass sich die Menschen für einen kurzen Moment aus dem Trubel zurückziehen und beten.

Aber es gibt auch eine christliche Minderheit in Katar, und die ist gar nicht so klein: Das sind wahrscheinlich 200.000 bis 300.000 Menschen, vor der Pandemie vielleicht sogar noch mehr. Auch sie haben ein Zuhause in Doha.

Etwa 15 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums liegt Church City, das religiöse Zentrum der Christen. Anglikaner, Orthodoxe, Kopten, sie alle haben hier seit 2005 ihren Platz, als der Vater des heutigen Emirs die Ansiedlung von Christen erlaubte. In der Mitte steht die größte Kirche für die zahlenmäßig stärkste Minderheit: die katholische Kirche „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“. Das Gebäude hat 2.700 Sitzplätze. An diesem Freitagnachmittag wird hier die Sonntagsmesse gefeiert.

Freitag als Ersatzsonntag

Dafür gebe es eine Sondergenehmigung des Vatikans, erklärt Pater Rally Gonzaga. Man stellt sich auf den wichtigsten Tag für Muslime, den Freitag, ein. Auch sonntags gibt es Gottesdienste. Da das aber in Katar ein normaler Arbeitstag ist, ist der Freitag auch für Katholiken der wichtigere Tag. Und so brennt schon die nächste Kerze am Adventskranz, obwohl es noch lange nicht Sonntag ist. An diesem Tag werden 15 Gottesdienste in verschiedenen Sprachen abgehalten: für die philippinische Bevölkerung, die tamilische Gemeinschaft und natürlich auf Englisch. Gonzaga leitet die Gemeinde, seit er vor 10 Jahren aus seiner Heimat Philippinen nach Doha kam.

Religiöse Minderheiten in Katar – Toleriert und gut bewacht
Pater Rally Gonzaga, katholischer Pfarrer Doha (Friebe/Dlf)

Gonzaga wurde damals gefragt, ob er verrückt sei. Warum er in ein islamisches Land wollte. Der Kapuzinerpater sagt heute, dass alle Klischees, die ihm damals begegneten, falsch waren. Das Leben in der Gemeinschaft, die Zusammenarbeit mit vielen Nationen ist sehr erfüllend. Und tatsächlich, wenn man das religiöse Zentrum besucht, bekommt man schnell ein sehr lebendiges, internationales Gefühl. Zunächst müssen alle eine Sicherheitskontrolle durchlaufen.

Und man könne ihnen nicht ansehen, welcher Konfession die Leute angehörten, sagt Reverend Michael Derry, der die anglikanische Gemeinde leitet. Es vermittle ein wirklich schönes, buntes und multikulturelles Bild der Kirche, als sich dort erstmals alle Christen, egal welcher Konfession, vermischten, sagt der Südafrikaner, der selbst seit anderthalb Jahren in Katar ist.

Religiöse Minderheiten in Katar – Toleriert und gut bewacht
Rev. Michael Derry, Anglikanischer Minister Doha (Friebe/Dlf)

An diesem Freitag herrscht im anglikanischen Zentrum eine ungeheure Dynamik, aus jedem der mehr als zwei Dutzend Räume ertönt Musik, Menschen kommen und gehen, Kinder toben auf den Fluren. Menschen aus über 50 Ländern kommen hier zusammen und feiern Gottesdienste.

Platz für 8.000 Autos

Buckie Ojo ist einer von ihnen. Die Nigerianerin besucht seit sechs Jahren mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen anglikanische Gottesdienste. Es gibt ihr ein Gefühl von Heimat und Gemeinschaft und sie hat dadurch schon viele Freunde gefunden. Die meisten kommen mit dem Auto zum religiösen Zentrum, das nicht wirklich zentral gelegen ist. Da es aufgrund der Weltmeisterschaft zu zahlreichen Sperrungen und Verkehrsbehinderungen kommt, wird die anglikanische Gemeinschaft ihre sonntäglichen Gottesdienste für die Dauer des Turniers nicht abhalten.

Religiöse Minderheiten in Katar – Toleriert und gut bewacht
Katholische Kirche Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz in Doha (Friebe/dlf)

An diesem Freitag stehen jedoch viele Autos auf dem riesigen Parkplatz, der Platz für 8.000 Autos bietet. Ein so großes Gebiet, erklärt Reverend Derry, dass im Sommer, wenn es heiß ist, Pendelbusse eingesetzt werden, um die Gläubigen von ihren Autos zum Eingang des Kirchenzentrums zu bringen. Während der Weltmeisterschaft kommen immer wieder Fans hierher. Der Anglikaner erklärt, dass sich viele fragen würden, ob es in der Stadt wirklich Christen und Kirchen gebe.

Sein katholischer Amtskollege Pater Rally berichtet genau dasselbe. Aktuell kommen nicht mehr so ​​viele Menschen wie vor der Pandemie. Allein zu den Gottesdiensten der philippinischen Katholiken kamen jeden Freitag 5.000 Menschen, am Donnerstagabend noch einmal so viele.

Jüdischer Glaube „eher privat“

5.000 Menschen – das ist mehr als zur Heiligabendmesse in den Kölner Dom gekommen. Unter den Anglikanern gibt es nicht viele, aber wenige Tage vor der Fußballweltmeisterschaft feierten sie den vielleicht bestbesuchten Gottesdienst, den es je in der Kirche gegeben hat. Reverend Derry sagte, einige der Botschafter seien eingeladen worden und ein Gottesdienst sei abgehalten worden, um das Fußballturnier zu segnen.

Es ist ein großer Ort, an dem die Kirchen ihre Heimat gefunden haben. Trotzdem wird es langsam eng. Laut Vater Rally versuchen sie seit Jahren, einen zweiten Platz im Land zu erreichen. Bisher haben die Behörden jedoch keine Antwort gegeben.

Die Religionsfreiheit ist in der katarischen Verfassung verankert. Dass dies jedoch nicht immer der Fall ist, bekommt die jüdische Minderheit immer wieder zu spüren. Koscheres Essen sollte es während der WM geben, doch dieses Versprechen wurde kurz vorher wieder zurückgenommen. Ein Vertreter der jüdischen Gemeinden in der Golfregion wollte dem Deutschlandfunk kein Interview geben, sie erklärten schriftlich, dass sie ihren Glauben lieber privat halten würden.

Christen werden geduldet

Christen müssen nicht so weit gehen, aber spüren sie etwas von Religionsfreiheit? Einer wird geduldet, lacht Vater Rally. Sie können alles tun, aber bitte innerhalb der Mauern des Zentrums. Die hohe Mauer, die den Komplex umgibt, sei vor einigen Jahren zum Schutz der Christen errichtet worden, sagen die Kataris. Sie bewachen das Gelände rund um die Uhr. Muslime, die beispielsweise zu einer Hochzeit eingeladen sind, dürfen die Kontrollen nur mit einer Sondergenehmigung der Gemeinde passieren.

Doch weder Rally Gonzaga noch sein anglikanischer Kollege Michael Derry fühlen sich in Katar unsicher oder stehen vor großen Problemen. Man sei hier Gast und lebe von der Gastfreundschaft, sagt Derry, der sich jetzt mit seiner Gemeinde auf Weihnachten vorbereitet. Da der Weihnachtstag dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, beginnen die Feierlichkeiten in der anglikanischen Kirche am 23. Dezember.

Dann gibt es bereits einen vorweihnachtlichen Gottesdienst mit Texten und Liedern, erklärt Reverend Derry. Doch so weit wolle die katholische Kirche nicht gehen, sagt Pater Rally. Weihnachten und Ostern folgen dem offiziellen Kalender. Auch wenn der Sonntag in Katar schon am Freitag gefeiert wird. Weihnachten beginnt hier erst an Heiligabend.