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Regierungsflieger: Leer über den Wolken


Stand: 12.12.2022 10:32 Uhr

Immer wieder sorgen die Flugzeuge der Bundesregierung mit Pannen für Spott. Wenn alles glatt läuft, regt sich niemand auf. Das hat sicher einen Grund: Die Flugzeuge sind oft leer. Wieso den?

Von Oliver Neuroth, ARD-Hauptstadtstudio

Ein grauer Luftwaffen-Airbus rollt auf eine Parkposition am Berliner Hauptstadtflughafen BER. Es ist Anfang Oktober. Die Bundeskanzlerin kehrt von einer zweitägigen Reise mit Stationen in Spanien und Tschechien zurück.

Für Olaf Scholz und seine Delegation endet die Reise in Berlin – nicht aber für die Besatzung des Flugzeugs. Sie muss die Regierungsmaschine dorthin zurückbringen, wo sie stationiert ist: nach Köln. Ein sogenannter Einsatzflug ohne Passagiere steht an. 242 davon gab es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres auf den Strecken Köln-Berlin und Berlin-Köln. Die Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung geht von rund 480 Flügen bis Ende des Jahres aus.

Als Bonn noch Hauptstadt war

„Was wir dort erleben, ist die Hinterlassenschaft eines sehr komplizierten Prozesses“, sagt Grünen-Politiker Jürgen Trittin. Er spielt auf den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin an. Das ist allerdings schon über 20 Jahre her. Trotzdem haben noch sechs Bundesministerien ihren Sitz in Bonn, darunter das Verteidigungsministerium. Und die 16 Regierungspiloten gehören dazu. Sie sind nach wie vor auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn stationiert.

Geht die Kanzlerin oder ein Minister auf Dienstreise, wird eines der Flugzeuge in der Regel leer nach Berlin geflogen und kehrt nach der Reise leer nach Köln zurück. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch nennt diesen Zustand „inakzeptabel“. Und auch Grünen-Politiker Trittin sagt: „Die Regierungsflotte muss dort stationiert werden, wo die Regierung sitzt.“ Aber es ist nicht so einfach.

Unterwegs mit „Konrad Adenauer“.

Der Kommandant der Flugbereitschaft lädt Sie zu einem Vorstellungsgespräch nach Köln ein. Colonel Daniel Draken blickt von seinem Büro aus über das Rollfeld des Flughafens: Direkt unter seinem Fenster steht ein Airbus A350, der neueste Zuwachs der Flotte. Die Langstreckenmaschine wurde erst Mitte November flugbereit. „Wir nennen sie manchmal Air Force One“, sagt Draken mit einem Lächeln. Es ist zwar nicht die Maschine des US-Präsidenten, aber technisch „up to date“ mit VIP-Ausstattung und modernsten Sicherheitssystemen. Die Maschine wurde auf den Namen „Konrad Adenauer“ getauft; Bundeskanzler und Bundespräsident reisen mit dem Jet an.

„Wir nennen sie manchmal Air Force One“: Der Kommandeur der Air Force, Colonel Daniel Draken

Bild: Oliver Neuroth

Kein Ort in Berlin

Der Oberst räumt ein, dass der BER der geeignetere Heimatflughafen für die Maschine wäre. Doch dazu ist der Flughafen noch nicht in der Lage. Es fehlt an Hangars und Wartungskapazitäten. Die Flugbereitschaft in Berlin soll schon 2014 gewesen sein, sagt Draken. Doch die Eröffnung des neuen Flughafens verzögerte sich bekanntlich immer wieder, wodurch auch die Umzugspläne hinfällig wurden. Auf dem alten Flughafen Tegel hätte es nie genug Platz für die Regierungsjets gegeben. Bis heute sind dort nur wenige Hubschrauber der Flugbereitschaft stationiert. Mittlerweile umfasst die Flugzeugflotte 16 Maschinen: einen weiteren Airbus A350, zwei ältere A340, sechs Mittelstreckenjets der A320-Familie und diverse kleinere Flugzeuge.

Sie alle pendeln immer wieder ohne Passagiere zwischen Köln und Berlin. Colonel Draken mag den Begriff „Leerflüge“ nicht. Jeder dieser Flüge wird für Schulungs- und Ausbildungszwecke genutzt. Das bedeutet auch, dass Piloten Maschinen von Köln nach Berlin oder zurück fliegen, um ihre Mindestflugstunden zu bekommen. Das sind 70 pro Jahr. Wenn die Piloten weniger fliegen, können sie ihre Lizenz verlieren. Die Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums versucht sogar sicherzustellen, dass seine Piloten mindestens 150 Stunden im Jahr im Cockpit sitzen.

Abflug: Scholz steigt in den Regierungsflieger. (Archivbild)

Bild: dpa

Abfahrt auf Knopfdruck

„Die Begründung, dass auch Piloten fliegen müssen, ist nicht meins“, sagt Linkspartei-Chef Bartsch. Piloten lassen sich seiner Ansicht nach genauso gut in Flugsimulatoren ausbilden. Dem widerspricht der Kommandant der Flugbereitschaft. Das Simulatortraining kann das Training im realen Cockpit nicht vollständig ersetzen, sagt Colonel Draken. Er spricht von den hohen Flugfähigkeiten, die seine Crew braucht – auf Knopfdruck. Dann Die Anfragen der Bundesregierung für Fahrten mit dem Flugdienst kommen oft kurzfristig.

Und auf Standardstrecken funktioniert es meist nicht: Exotische Ziele mit Zwischenstopps sind oft inklusive, und jeder Flug muss individuell geplant werden. Rund 300 der 1.200 Mitarbeiter des Flugbereitschaftsdienstes werden daher geschult, ihren Arbeitsplatz im Bedarfsfall vom Schreibtisch ins Flugzeug zu verlagern, also Einsätze zu fliegen.

Piloten am Schreibtisch?

Das führt zu weiterer Kritik: Die Flugbereitschaft habe zu viel teures Personal, das normalerweise am Schreibtisch sitze, werde immer noch wie ein Pilot bezahlt, kritisiert Linken-Fraktionschef Bartsch.

Der Umzug der Flugbereitschaft nach Berlin ist nun für 2032 geplant. Bis dahin soll die notwendige Infrastruktur in der Hauptstadt vorhanden sein. Das würde auch das Ende der Einsatzflüge zwischen Köln und Berlin in zehn Jahren bedeuten. Endlich, sagt Grünen-Politiker Trittin. Er verweist auf die hohen Kosten und die ökologischen Aspekte.

Flugbereitschaftskommandant Draken weist jedoch darauf hin, dass sein fliegendes Personal noch geschult und ausgebildet werden muss. Wenn nicht auf Flügen von Köln nach Berlin – dann wohl auf anderen Strecken ohne weitere Passagiere an Bord.

Leerer als Passagierflüge? Ärger über Regierungsjets

Oliver Neuroth, ARD Berlin, 11.12.2022 23:42 Uhr