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Deutschland Nachrichten

Queere Menschen in Katar (nd-aktuell.de)


Ein regenbogenfarbener Bär vor einer Kamera: Mit der WM ist die Homophobie Katars in den Fokus gerückt, doch einige Proteste schaden den Menschen dort.

Foto: imago/Moritz Müller

Katar hat einfach erlaubt, was bei dieser WM offiziell nie verboten war. Der Weltfußballverband Fifa als Veranstalter des Turniers hatte Stadionbesuchern nie verboten, die Regenbogenfarben zu tragen. Mit Beginn der zweiten Runde der Gruppenphase am Freitag haben die Gastgeber nun auch zugesagt, dass weder Fans noch Journalisten von Sicherheitskräften gezwungen werden, die Symbole und Farben der queeren Community abzulegen. Am gefährlichen Leben homosexueller Menschen im Emirat wird das wohl nichts ändern.

Der katarische Arzt Nasser Mohamed wollte seine Homosexualität nicht länger verbergen. Er hat seinen Besitz zu Hause aufgegeben, Beziehungen zu Familie und Freunden abgebrochen – und lebt jetzt in San Francisco. Mohamed berichtet über seine Geschichte in sozialen Medien und Interviews. „In Katar versuchen sie, unsere Existenz zu zensieren“, sagte er der BBC. „Als schwuler Mann lebt man dort in ständiger Angst. Man muss jeden Schritt des Tages gut planen, um nicht versehentlich selbst herauszukommen. Das würde Ihr Leben riskieren.«

Katar ist eines der 69 Länder der Welt, in denen queere Menschen verfolgt werden. Gemäß Artikel 285 des Strafgesetzbuchs von Katar wird außerehelicher Sex, einschließlich gleichgeschlechtlicher Beziehungen, mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft. In der ZDF-Dokumentation „Geheimsache Katar“ hat WM-Botschafter Khalid Salman Aussagen getroffen, die bei vielen Katarern auf Zustimmung stoßen dürften. Im Zusammenhang mit Homosexualität sprach er von „psychischen Schäden“.

Aktivisten wollen in der Zeit vor dem WM-Finale am 18. Dezember auf das Thema Homophobie aufmerksam machen. Unter ihnen ist Nasser Mohamed, der die Opfer für einen Bericht von Human Rights Watch kontaktierte. Die Menschenrechtsorganisation interviewte einen schwulen Mann, eine bisexuelle Frau und vier Transgender-Frauen aus Katar. Alle sagten, sie seien von katarischen Beamten vorübergehend in einem unterirdischen Gefängnis in Doha festgehalten worden. Die Fälle ereigneten sich offenbar zwischen 2019 und September 2022.

In dem Bericht beschreiben die Opfer, wie einige von ihnen geschlagen, gedemütigt und beschimpft wurden. Einigen wurde offenbar der Zugang zu Rechtsbeistand und medizinischer Versorgung verweigert. Ihre Handys sollen bei Kontrollzwang entsperrt worden sein. Offenbar mussten die Betroffenen zustimmen, fortan „unmoralische Aktivitäten einzustellen“. Keiner von ihnen hatte eine schriftliche Bestätigung ihrer Inhaftierung erhalten, und es wurde keine Anklage erhoben. „Die Sicherheitskräfte scheinen zuversichtlich zu sein, dass ihre wahllosen Übergriffe nicht gemeldet und ungeprüft bleiben“, sagte Rasha Younes von Human Rights Watch. Das Innenministerium von Katar wies die Vorwürfe zurück und kritisierte den Bericht.

Solche Berichte mit konkreten Aussagen sind selten. In den Archiven sind nur wenige Beispiele zu finden, wo auch gegenüber Ausländern strenge Gesetze angewandt wurden. 1996 wurde nach Angaben des US-Außenministeriums ein US-Bürger in Doha zu Peitschenhieben verurteilt. Zwei Jahre später wurden offenbar mehrere schwule Arbeiter von den Philippinen aus Katar ausgewiesen. 2016 soll ein polnischer Social-Media-Aktivist wegen Homosexualität im Gefängnis gesessen haben.

Es ist davon auszugehen, dass der katarische Staat auch in dieser Frage andere Maßstäbe an die Bevölkerung anlegen wird. Human Rights Watch scheint Kenntnis von sieben inhaftierten lesbischen und schwulen Männern aus Marokko, Nepal und den Philippinen zu haben, Ländern, aus denen Hunderttausende Migranten kommen, die in Katar für wenig Geld hart arbeiten. „Der Staat überwacht offenbar soziale Medien und prüft Nachrichten, die von queeren Menschen stammen könnten“, sagt Piara Powar vom Fußball-Antidiskriminierungsnetzwerk Fare. „Es wird auch eine informelle Telefon-Hotline geben. Dort können Angehörige und Freunde bestimmte Personen bei den Behörden anzeigen.«

Viele einkommensstarke Westler leben auf The Pearl, einer künstlichen Insel in Doha mit Restaurants, Cafés und Familienunterhaltung. Sie scheinen weniger Angst vor staatlicher Überwachung zu haben. In Hintergrundinterviews bestätigen queere Menschen aus der internationalen Gemeinschaft, dass sie „in Ruhe gelassen“ werden, solange ihre Homosexualität Privatsache bleibt. Grundsätzlich ist Körperlichkeit in der Öffentlichkeit in Katar verpönt, auch zwischen Frauen und Männern. Manchmal wird das Thema Homophobie sogar in der »Education City«, einem Campus mit Ablegern westlicher Universitäten, diskutiert.

Doch außerhalb der liberalen Klausuren bleibt das Thema tabu. Ein Berater des katarischen Außenministeriums nannte Homosexualität eine „schwere Sünde“. In Online-Medien wurde die Idee diskutiert, einen Test zur sexuellen Orientierung für Touristen einzuführen. Aussagen wie diese finden in Teilen der traditionalistischen Gesellschaft Anklang. 2020 wollte die Northwestern University in den USA ein Konzert mit einer libanesischen Rockband in Doha veranstalten. Die Empörung und der Protest gegen ihre schwulen Sänger waren so groß, dass die Universität das Konzert absagte.

Solche Kontroversen will die Regierung wohl mit Zensur vermeiden. Mehrfach waren Online-Artikel des Portals Doha News oder der New York Times über Homophobie in Katar nicht mehr verfügbar. Selbst gemäßigte Politiker aus Katar, die in den USA studiert haben, vermeiden es, Stellung zu beziehen. Wohl auch, weil sie gegenüber ihren Rivalen in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht als schwach gelten wollten, sagt der Islamwissenschaftler Sebastian Sons: „Die Gesellschaftsstrukturen am Golf sind männerdominiert und stark von Geschlechtertrennung geprägt. Sie wollen ein bestimmtes Ideal von Männlichkeit ausstrahlen.« Offenbar sieht die Homosexualität dieses vermeintliche Ideal als Schwäche.

Sons plädiert jedoch für eine differenzierte und besonnene Debatte. Der Islam sollte keinesfalls als homophobe Religion bezeichnet werden. Über Jahrhunderte fanden homoerotische Ideen auch Eingang in die Lieder und Gedichte arabischer Autoren. Bis ins 19. Jahrhundert galt eine Reihe von Gesellschaften im Nahen und Mittleren Osten als freizügig und informell. Der Arabist Thomas Bauer schreibt in seinem Buch »The Culture of Ambiguity«, dass die Prüderie erst mit den Kolonialmächten stärker aufkam.

Die WM verschärft die Debatte über Homophobie in der Golfregion. Und es besteht eine gute Chance, dass Katar Proteste während des Turniers weitgehend duldet. Ähnliches taten die Behörden in Russland während der WM 2018. Doch bald nach dem Abzug der internationalen Journalisten verschärfte der Kreml seine Repressionen gegen die Zivilgesellschaft. Deshalb sei jetzt die Abstimmung mit katarischen Aktivisten wichtig, sagt Nahost-Forscher Leo Wigger: „Manchmal können Protestaktionen kontraproduktiv sein und den Betroffenen das Leben noch schwerer machen.“

Die Fifa bleibt passiv. Im Jahr 2021 beschrieb die ägyptische Fußballlegende Mohamed Aboutrika Homosexualität in einem katarischen Fernsehsender als „gefährliche Ideologie“. Er erhielt viel Unterstützung in der arabischen Welt, darunter Mahmoud Al-Mardi, Kapitän der jordanischen Nationalmannschaft. Die Fifa distanzierte sich nicht.

Die Verherrlichung homophober Äußerungen trug dazu bei, dass der Arzt Nasser Mohamed seine Heimat Katar verließ. Gegenüber der BBC schilderte er ein weiteres Problem: Katarer stammten aus einem der reichsten Länder der Welt. Manchmal tun sie sich im Asylverfahren schwer, ihre Homosexualität als Verfolgungsgrund nachzuweisen. Er will es weiter erklären.

Lesen Sie alle unsere Artikel zur WM in Katar unter: dasnd.de/katar



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