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Proteste in der Ukraine gegen Armeeabzug: „Kaum noch Kraft zum Kämpfen“


Proteste in der Ukraine gegen Armeeabzug: „Kaum noch Kraft zum Kämpfen“

Stand: 4. Dezember 2023 7:20 Uhr

Ihre Männer kämpfen seit 21 Monaten an der Front – nun formiert sich Widerstand unter den Ehefrauen ukrainischer Soldaten. Viele fordern eine sogenannte Demobilisierung. Doch der Armee fehlen Reserven.

Sie demonstrieren auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew bei Minusgraden und Schneefall. „Die Zeit der anderen ist gekommen“ und „Mein Mann ist kein Gefangener“ stehen auf ihren Plakaten. Es sind vor allem die Ehefrauen ukrainischer Soldaten, die nun für die sogenannte Demobilisierung protestieren. „Wir fordern, dass ihnen die Möglichkeit gegeben wird, die Armee zu verlassen“, erklärt Hanna Bondar. Ihr Mann kämpft seit 21 Monaten an der Front. Jetzt ist er erschöpft.

Wie viele andere meldete sich Bondars Ehemann zu Beginn des russischen Angriffskrieges als Freiwilliger. „Wir gingen davon aus, dass er nach anderthalb Jahren die Möglichkeit zur Demobilisierung haben würde, wie es 2015 der Fall war“, erklärt Julia Pawlienko. Die Frauen berichten, dass von der einst hohen Motivation ihrer Männer nicht mehr viel übrig sei. Der Dauereinsatz zermürbt die Truppe. Ihr Mann wolle einfach nur überleben, sagt Pawlienko. Er hat kaum noch Kraft zum Kämpfen.

Proteste von Soldatenfrauen in Kiew.

Systematische Probleme bei der Rekrutierung

Es gibt systematische Probleme, mit denen sich die ukrainische Führung nun auseinandersetzen muss. Während es an der Front an gut ausgebildeten Soldaten mangelt, verstecken sich viele Männer vor den Wehrbehörden oder erkaufen sich einen Ausweg. Andere werden mit teilweise harten Methoden auf der Straße erwischt und zur Armee geschickt. Die ukrainische Regierung müsse nun unpopuläre Entscheidungen treffen, sagt der Veteran und Militärexperte Yevhen Dykyj.

Wie die Frauen auf dem Unabhängigkeitsplatz schlägt Dykyj vor, vorübergehend Militärdienst zu leisten. Zwei Jahre sind mehr als genug. Nach den aktuellen Vorschriften ist kein Ende in Sicht. Jeder, der sich freiwillig meldet, erhält eine einfache Eintrittskarte in den Krieg. „Gleichzeitig müssen die Schrauben angezogen werden“, sagt Dykyj. „Kein Land der Welt hat jemals einen so großen Krieg nur mit Freiwilligen gewonnen“, sagt Dykyj.

Personalvermittlungsunternehmen sollte helfen

Viele Männer sagen, sie seien immer noch bereit, ihr Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Auch einzelne Einheiten, die ihre Soldaten selbst rekrutieren, zeigen, dass in der Bevölkerung noch genügend Mobilisierungspotential vorhanden ist.

Sie werben oft mit heroisch anmutenden Plakaten. Freiwillige können sich auf eine bestimmte Stelle bewerben und ein Auswahlverfahren durchlaufen. Die Nachfrage nach diesen Einheiten ist so groß, dass nicht alle Kandidaten angenommen werden. Die ukrainische Führung will daher verstärkt auf Rekrutierungsfirmen wie Lobby X setzen.

„Bei uns können sich Menschen je nach Eignung freiwillig auf eine bestimmte Position in einer bestimmten Einheit bewerben“, sagt Lobby-X-Chef Vladyslaw Hresjew. Doch wer von den Behörden eingezogen werde, erhalte oft nur eine kurze Einarbeitung und individuelle Fähigkeiten würden nicht berücksichtigt, heißt es in der Kritik.

Die Nutzung sollte zeitlich begrenzt sein

Der Verteidigungsausschuss des ukrainischen Parlaments arbeitet seit Monaten an einem neuen Gesetzentwurf zur Lösung des Problems. Auch Headhunting-Unternehmen sind nicht in der Lage, die benötigten 100.000 Soldaten zu rekrutieren. Die Reform muss schnell erfolgen, sagt Yevhen Dykyj. Besonders wichtig ist die Begrenzung der Dienstzeit.

„Damit lösen wir gleich zwei Probleme: die derer, die gerade im Einsatz sind. Und die der neuen Kandidaten. Für ein, zwei oder sogar drei Jahre in den Krieg zu ziehen, ist etwas anderes, als mit einem One-Way-Ticket in den Krieg zu ziehen.“ Fahren an unsicheren Orten.

Proteste stoßen auf Ablehnung

Eine Ausweitung der Wehrpflicht dürfte in der Bevölkerung kaum auf Begeisterung stoßen. Die Frauen, die auf dem Maidan protestieren, erfahren viel Ablehnung, berichten sie. „Die Leute verstehen: Damit mein Mann nach Hause kommt, muss ihr Mann gehen“, berichtet Julia Pawlienko. Und auch Hanna Bondar berichtet von negativen Kommentaren in den sozialen Netzwerken: „Sie schreiben: Dann gehst du nach vorne.“

Doch davon wollen sich die Frauen nicht entmutigen lassen. Damit die Armee die Ukraine weiterhin verteidigen kann, braucht sie frische und gut ausgebildete Soldaten. Eine müde und unmotivierte Truppe wäre nicht in der Lage, die russische Armee aufzuhalten.

Rebecca Barth, ARD Kiew, tagesschau, 04.12.2023 6:00 Uhr

Proteste in der Ukraine gegen Armeeabzug: „Kaum noch Kraft zum Kämpfen“

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