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Deutschland Nachrichten

Proteste im Iran: Kurden „an vorderster Front der Proteste“



Interview

Stand: 25.11.2022 10:41 Uhr

Die Proteste im Iran sind in den kurdischen Gebieten besonders groß – und das Regime geht besonders brutal gegen sie vor. Der Kurdenexperte Matin erklärt, warum sich jetzt andere Iraner mit den Kurden solidarisieren.

ARD: Seit zehn Wochen gibt es im Iran Proteste gegen das Regime. Besonders stark ist der Widerstand in den kurdischen Gebieten des Iran. Was sind die Gründe?

Kamran Matin: Die Geschichte des kurdischen Widerstands gegen die Islamische Republik geht auf die Gründung des neuen Regimes in der Revolution von 1979 zurück. Die kurdischen Teile des Iran wurden dann eher von säkularen, sozialistischen Kräften als von islamistischen Kräften dominiert, die in den anderen Teilen des Iran vorherrschend waren. Es dauerte zwei, drei Jahre, bis die neue Regierung die kurdischen Truppen tatsächlich aus den Städten vertreiben konnte.

Zur Person

Kamran Matin ist Assistenzprofessor für Internationale Beziehungen an der University of Sussex in England. Er ist Kurde iranischer Herkunft.

Unter den Kurden gibt es eine nationale Bewegung, und unter anderen Minderheiten im Land gibt es etwas Ähnliches. Aber sie ist unter den Kurden besonders ausgeprägt, weil sie transnational ist. Es gibt auch Kurden im Irak, in Syrien und in der Türkei. Und was dort passiert, hat direkte Auswirkungen auf die Kurden im Iran und umgekehrt. Auch politisch ist Kurdistan sehr gut organisiert: Es gibt viele politische Gruppierungen und Organisationen und ein hohes politisches Bewusstsein.

Nicht zuletzt stammt der Slogan „Frauen, Leben, Freiheit“, das Motto der aktuellen Proteste, von den Kurden. Und weil sie an vorderster Front der Proteste sehr aktiv sind, greift die Regierung in den Kurdengebieten deshalb auch am meisten zur Gewalt – nicht nur in den letzten zwei Monaten, sondern im Grunde seit der islamischen Revolution 1979.

„Als ob eine fremde Armee einmarschiert wäre“

ARD: Sie haben Gewalt gegen Demonstranten erwähnt. Im Vergleich zu denen in Städten wie Teheran oder Isfahan scheint es noch brutaler zu sein. Welche Informationen haben Sie darüber?

Matine: Die Regierung entsendet dort Armee und Revolutionsgarden. Über den Städten kreisen Helikopter. Das Internet ist ausgefallen, der Strom ist ausgefallen. Es gibt Bilder von Menschen, die mit Maschinengewehren beschossen werden.

Viele Verletzte trauen sich nicht in ein Krankenhaus, weil die Behörden nur darauf warten, die Menschen im Krankenhaus festzunehmen. Die Menschen müssen sich also mit mehr oder weniger nichts zu Hause behandeln lassen. Viele Menschen beschreiben die Situation in den kurdischen Gebieten so, als ob eine fremde Armee in ein fremdes Land einmarschiert wäre, ähnlich wie Russland in die Ukraine einmarschiert ist.

Unterstützung für Kurden

ARD: Die Führung in Teheran bedient sich immer wieder des Narrativs, dass den kurdischen Gebieten eine Sezession droht. Was steckt dahinter?

Matine: Es gibt diesen Diskurs des Separatismus, dass die Kurden sich vom Iran abspalten wollen. Und der iranische Nationalismus als Ideologie ist in vielen Teilen des Iran sehr stark. Auf diese Weise kann die Regierung ihre Gewalt gegen die Bevölkerung historisch rechtfertigen. Aber die Art der Rechtfertigung, die in der Vergangenheit funktioniert hat, funktioniert nicht mehr. Wir sehen immer mehr Menschen, ob Aserbaidschaner, Perser und andere, die ihre Solidarität bekunden, auf die Straße gehen und ihre Unterstützung für die Kurden zeigen.

ARD: Warum funktioniert das Narrativ des Regimes nicht mehr?

Matine: Der Rest des Iran hat verstanden, dass die Kurden dieses Regime lange vorher als das erkannt haben, was es ist. Im Frühjahr 1979, wenige Monate nach der Revolution, gab es ein Referendum: Das Volk konnte wählen, ob es die Islamische Republik als Regierungsform wollte oder nicht. Wie beim Brexit: ja oder nein. Und Kurdistan boykottierte dieses Referendum komplett und verweigerte die Teilnahme. Im restlichen Iran wurde gewählt, auch wenn die meisten es später bereuten.

Ich denke, diese Erkenntnis hilft vielen Iranern, offener und sogar sympathischer gegenüber der kurdischen Forderung nach nationaler Gleichberechtigung zu sein. Keine der kurdischen politischen Kräfte fordert derzeit die Unabhängigkeit. Was sie fordern, ist die Anerkennung der Kurden als nationale Minderheit oder nationale Gruppe mit den damit verbundenen Rechten.

Kein Anspruch auf Selbständigkeit

ARD: Sie sagen, dass es kein Erfordernis der Unabhängigkeit gibt. Sollte es zu einem Machtwechsel im Iran kommen, würden sich die Kurden weiterhin als Teil des Iran sehen?

Matine: Ich glaube schon. Solange sie anerkannt und gleich behandelt werden. Und das sollte in die Verfassung geschrieben werden. Ein Beispiel: Trotz aller dort bestehenden Probleme ist der Nachbarstaat Irak in der irakischen Verfassung als binationaler Staat aus Kurden und Arabern definiert.

Die nationalistische Stimmung ist unter den Kurden sehr stark, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand sagen kann, dass die Kurden im Iran die Unabhängigkeit wollen.

Wie es weiter geht

ARD: Was glauben Sie, was der Staat als nächstes tun wird?

Matine: Das Regime will die Region militarisieren. Der Iran hat auch kurdische politische Stützpunkte im Irak bombardiert, um eine militärische Reaktion zu provozieren, damit sie selbst mehr Gewalt und ein Durchgreifen rechtfertigen können.

Auch das Schüren eines zwischenstaatlichen Konflikts kann nicht ausgeschlossen werden. Ich vertraue darauf, dass der Iran in die Region Kurdistan im Irak einmarschiert, wie es die Türkei in Syrien getan hat. Viele sind der Meinung, dass die kurdischen Parteien, die über bewaffnete Streitkräfte verfügen, eingreifen sollten. Aber sie weigern sich, weil sie glauben, dass dies das Spiel ist, das die iranische Regierung mit ihnen spielen will.

Ich denke also, dass jetzt viel davon abhängt, was im Rest des Iran passiert. Die kurdischen Parteien haben den Rest des Iran aufgerufen, auf die Straße zu gehen und ihre Solidarität zu zeigen, was den Druck auf die kurdischen Gebiete verringern würde.

Das Interview führte Katharina Willinger, ARD Studio Istanbul

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