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Preise, Service, Baustellen – was sich bei der Bahn ändern muss


Kein Zugverkehr wegen Oberleitungsschaden: Technische Probleme sind einer von vielen Gründen für die häufigen Verspätungen. (Picture Alliance / dpa / Christoph Schmidt)

Die Deutsche Bahn ist nach zwei schwierigen Corona-Jahren finanziell wieder im Aufwind. Doch seit Monaten offenbart das Schienennetz den Fahrgästen, was während der Pandemie vergessen wurde: Es ist stark renovierungsbedürftig. „Qualität und Pünktlichkeit sind derzeit nicht akzeptabel“, sagt Bahn-Chef Richard Lutz. Doch was muss passieren, damit sich der Schienenverkehr in der Bundesrepublik verbessert? Ein Überblick.

Für einen besseren Schienenverkehr ist mehr finanzielle Unterstützung durch die Politik wichtig. Experten zufolge wird das System Bahn langfristig einen dreistelligen Milliardenbetrag benötigen. In der Bundesrepublik gibt es noch Luft nach oben: Andere europäische Länder geben pro Einwohner deutlich mehr für den Schienenverkehr aus als Deutschland.

Preise, Service, Baustellen – was sich bei der Bahn ändern muss

Mit seinen Pro-Kopf-Investitionen liegt Deutschland in diesem Vergleich auf dem neunten Platz (Statista)

Während das Neun-Euro-Ticket für die freie Fahrt in allen Regionalzügen ein Verkaufsschlager war, gab es unter Bahnangestellten einigen Unmut über die Überlastung im Arbeitsalltag. Die Vorbereitungszeit für das im Juni gestartete bundesweite Ticket war zu kurz, um rechtzeitig zusätzliches Personal zu rekrutieren.

Die Debatte über ein Nachfolgeangebot dauert an. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) lehnt eine Fortführung der günstigen Monatskarte ab. Andere Politiker fordern eine Fortführung oder vergleichbar günstige Angebote – auch um den Umstieg vom Auto auf die Bahn weiter voranzutreiben. Eine Fortführung des Neun-Euro-Tickets würde den Bund jährlich rund zehn Milliarden Euro kosten.

Unter den Bundesländern gibt es keine einheitliche Position, was für ein Ticket als Nachfolgemodell sinnvoll wäre – auch der Zeitpunkt dafür ist offen. In den Bundesländern wird ein Monatsticket für 29, 49 oder 69 Euro diskutiert. Wie das im Einzelnen finanziert werden soll, wenn es keine Bundeszuschüsse mehr gibt, ist unklar.

In einer Runde von Bund und Ländern sollen die komplizierten Finanzierungs- und Organisationsstrukturen des ÖPNV diskutiert werden. In vielen Bundesländern wird darüber diskutiert, mehr Transparenz zu schaffen und die unübersichtliche Zahl der regionalen Verkehrsverbünde zu reduzieren. Auch eine Vereinfachung des Tarifsystems für den öffentlichen Personennahverkehr steht auf der Agenda. Das Neun-Euro-Ticket war und ist in den Fernzügen der Deutschen Bahn nicht gültig.

Ein Dauerthema bei der Deutschen Bahn: (Un-)Pünktlichkeit. Fast jeder dritte Zug hatte im ersten Halbjahr mehr als fünf Minuten Verspätung. Ein Grund dafür: Die Reisenden steigen nach zwei Jahren Corona-Krise wieder in die Bahn ein. Die Fahrgastzahlen im Fernverkehr werden laut DB 2022 leicht unter dem Rekordwert aus dem Vor-Corona-Jahr 2019 liegen, als er bei rund 151 Millionen lag. „Leider kann die aktuelle Schieneninfrastruktur mit dem Verkehrswachstum nicht Schritt halten“, teilte die Deutsche Bahn Bahncard-Inhabern im August 2022 per E-Mail mit. Weitere Staus auf den Schienen und Verspätungen seien die Folge.

Preise, Service, Baustellen – was sich bei der Bahn ändern muss

Angesichts der vielen Verspätungen sollten Bahnreisende auf hunderten Fernverbindungen längere Umsteigezeiten einplanen. In der Fahrplanauskunft und im Buchungssystem würden standardmäßig ein paar Minuten mehr eingestellt. Zudem sollen knapp 1.000 zusätzliche Mitarbeiter in Fernzügen und Bahnhöfen eingesetzt werden. Sie sollen den Fahrgästen beispielsweise beim Ein- und Aussteigen sowie bei der Sitzplatzsuche helfen.

Ein weiteres Dauerproblem: die sogenannte Aufenthaltsqualität. Ein Beispiel: Nur rund die Hälfte aller 295 Bahnhöfe, Bahnhöfe und Haltestellen im Gebiet des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) befand sich im Jahr 2021 in einem guten Zustand. Das geht aus dem aktuellen Bahnhofsbericht hervor, den der VRR im Frühjahr 2022 veröffentlicht hat Das war ein besseres Ergebnis als im Vorjahr. Doch viele Kunden beschweren sich noch immer über Müll und andere Mängel in und um die Bahnhöfe und an den Zügen. Die Deutsche Bahn reagiert darauf unter anderem mit Sicherheits- und Ordnungspartnerschaften. Reisende werden ermutigt, Müll und Mängel zu melden.

Ein Grund für die vielen Verzögerungen ist die große Zahl an Baustellen. Die Bahn kämpft mit einem Sanierungsstau. Mehr als 17.500 Kilometer Gleis und 1.000 Eisenbahnbrücken sind sanierungsbedürftig. Das geht aus einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor.

Im Juni 2022 kündigte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) an, dass die Bundesregierung das marode Schienennetz grundlegend sanieren wolle. Die ersten Arbeiten auf überlasteten Strecken sollen demnach 2024 beginnen. „So wie es ist, kann es nicht bleiben“, sagte Wissing. „Ich möchte die Probleme angehen und sie lösen, indem ich sie zur obersten Priorität mache.“ Auch für die Klimaziele der Regierung ist ein besserer Schienenverkehr essenziell. Die genaue Investitionssumme nannte Wissing nicht.

Preise, Service, Baustellen – was sich bei der Bahn ändern muss

Volker Wissing (FDP, r), Bundesverkehrsminister, und Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn (DB) (Picture Alliance / dpa / Arne Dedert)

Die Nutzungsintensität des Schienennetzes ist seit der Bahnreform 1994 bis 2021 um mehr als 60 Prozent gestiegen. „Im Moment ist auf unseren Netzen so viel los wie nie zuvor“, sagte Bahn-Chef Richard Lutz. Lutz sagte im Juni, dass mehr Verkehr auf einer ohnehin schon knappen und durch Baustellen weiter eingeschränkten Infrastruktur zu Staus und Verzögerungen im Personen- und Güterverkehr führe.

Das stark ausgelastete Netz, rund zehn Prozent des Gesamtnetzes, erstreckt sich aktuell über rund 3.500 Kilometer und ist ohne Baumaßnahmen bereits zu 125 Prozent ausgelastet. Zu den besonders stark frequentierten Strecken gehören Strecken an Rhein und Ruhr, in Hamburg, Frankfurt und Stuttgart. Das Baustellenmanagement soll durch eine sogenannte Flursanierung verbessert werden. Die Idee ist, stark frequentierte Korridore auf Baustellen zu sperren und über eine alternative Route zu umgehen. Ebenfalls ab 2024 soll eine neue Infrastrukturgesellschaft an den Start gehen. Vielerorts wird auch über die Reaktivierung alter Bahnstrecken diskutiert.

Quellen: Nadine Lindner, Axel Schröder, Dieter Nürnberger, dpa, Reuters, tei