Politische Nachrichten

Parasite macht Wölfe zu Rudelführern


  1. tz
  2. Welt

Erstellt:

Teilt

Graue Wölfe, die mit dem Neuroparasiten Toxoplasma gondii infiziert sind, werden mit 46-mal höherer Wahrscheinlichkeit Rudelführer als ihre nicht infizierten Artgenossen. © Ingo Wagner/dpa

Er führt Mäuse direkt vor das Katzenmaul und macht Hyänenwelpen todsorglos: Der Toxoplasmose-Erreger verändert das Verhalten von Tieren – und wohl auch von Menschen – zu seinen Gunsten.

Missoula/Yellowstone National Park – Eine Krankheit, die ihr Opfer zum Boss macht: An Toxoplasmose erkrankte Grauwölfe werden viel eher zum Rudelführer als nicht infizierte Artgenossen. Das berichten US-Wissenschaftler im Fachblatt „Communications Biology“. Der Neuroparasit macht die Tiere vermutlich aggressiver, was im Kampf um die Führung von Vorteil sein könnte. Wölfe, die mit dem Einzeller Toxoplasma gondii infiziert sind, werden mit 46-mal höherer Wahrscheinlichkeit Rudelführer.

Bei vielen Tierarten ist bereits bekannt, dass eine solche Infektion ihr typisches Verhalten deutlich verändert. Ob der Neuroparasit beim Menschen Verhaltensänderungen auslöst, ist noch umstritten. Studien berichten unter anderem von leichtsinnigerem Verhalten im Straßenverkehr bei Infizierten, einem größeren Drang zum Unternehmertum und einem Zusammenhang mit krankhafter Jähzornigkeit.

Alle diese Studien zeigen jedoch nur Korrelationen, keinen kausalen Zusammenhang. Fest steht jedoch, dass der mit dem Malaria-Erreger verwandte Parasit bei den meisten Menschen keine Symptome oder nur leichtes Fieber verursacht und weit verbreitet ist. Schätzungen zufolge sind 30 Prozent der Weltbevölkerung infiziert. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts ergab, dass die Hälfte der Deutschen entsprechende Antikörper im Blut hat, bei den über 50-Jährigen sogar 70 Prozent.

Untersuchung im Yellowstone-Nationalpark

Für die aktuelle Studie analysierte das Team um die US-Biologen Connor Meyer und Kira Cassidy Daten zum Verhalten und zur Verbreitung von Grauwölfen (Canis lupus), die zwischen 1995 und 2020 im Yellowstone-Nationalpark im US-Bundesstaat Wyoming gesammelt wurden. Außerdem entnahmen sie 229 narkotisierten Tieren Blutproben, die sie auf Antikörper gegen Toxoplasma gondii untersuchten.

Der eigentliche Endwirt des Neuroparasiten sind Katzen (Feliformia) – auch Pumas leben im Yellowstone, deren Verbreitung ebenfalls dokumentiert ist. Außerdem wurden Blutproben von 62 Großkatzen untersucht.

Die Biologen fanden heraus, dass Wölfe in Gebieten mit einer höheren Dichte an Pumas eher mit T. gondii infiziert waren als Wölfe, die nicht in der Nähe von Pumas lebten. Sie beobachteten vor allem, dass sich infizierte Wölfe riskanter verhielten. Dies spiegelte sich einerseits in einer größeren Wahrscheinlichkeit wider, das Rudel früher zu verlassen, sowohl bei den Männchen als auch bei den Weibchen. Sinnvolles Verhalten im Hinblick auf die Ausbreitung des Erregers: Der Erreger gelangt eher in Bereiche, in denen er vorher nicht zirkuliert hat.

Steigern Sie den Testosteronspiegel

Andererseits beobachteten die Wissenschaftler, dass Wölfe, die positiv auf T. gondii getestet wurden, viel häufiger Rudelführer wurden. Der Parasit könnte den Testosteronspiegel der Tiere erhöhen, vermuten sie. Auf der anderen Seite führen risikofreudigere Anführer ihre Gruppe möglicherweise eher in Gebiete, die sich mit Pumas überschneiden – was dem Parasiten neue Ansteckungschancen bietet.

Laut den Autoren zeigt die Studie erstmals, dass eine Parasiteninfektion das Verhalten von Wölfen beeinflussen kann. Für andere Arten ist längst bewiesen, wie effektiv T. gondii seinen Zwischenwirt in die Nähe von Katzenarten lockt: Infizierte Mäuse und Ratten beispielsweise werden vom Geruch von Katzenurin magisch angezogen und laufen ihren Fressfeinden buchstäblich ins Maul .

Ein Forschungsteam beobachtete einen ähnlichen Mechanismus bei Schimpansen: Erkrankten sie an Toxoplasmose, übte Leopardenurin eine krankhafte Anziehungskraft auf sie aus. Und im vergangenen Jahr berichteten US-Forscher in der Fachzeitschrift Nature Communications, dass eine Infektion Tüpfelhyänen-Welpen viel sorgloser macht. Anstatt in der sicheren elterlichen Höhle zu bleiben, kommen sie Löwen gefährlich nahe – zu nahe: Infizierte Welpen werden viel häufiger getötet, sagten die Forscher. dpa

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"