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Neues Bündnis warnt: „Der Rettungsdienst bricht zusammen“


Stand: 12.12.2022 12:22 Uhr

Das neu gegründete „Bündnis für Rettungsdienste“ warnt: Wenn wir so weitermachen, könnte es bald zur Normalität werden, dass keine Rettungskräfte eintreffen. Die Gründe sind also triviale Aufgaben und ein viel zu hoher Arbeitsaufwand.

Rufen Sie den Notdienst an – und niemand kommt. Das neu gegründete „Bündnis für Rettungsdienste“ warnt davor, dass dies künftig immer mehr Menschen in Deutschland erleben könnten. Insgesamt sechs Verbände und Gewerkschaften, darunter die Deutsche Feuerwehrgewerkschaft, die Arbeitnehmerseite der Caritas und der Deutsche Berufsverband Rettungsdienste (DBRD), sehen derzeit das System zusammenbrechen. Auslöser für die Bildung des Bündnisses ist die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angestrebte Krankenhausstrukturreform.

Bündnis „Pro Rettungsdienst“ warnt vor Zusammenbruch der Notrettung

Kerstin Breinig, RBB, Tagesschau um 20:00 Uhr, 12.12.2022

„Der Handlungsdruck ist enorm. Es ist fünf nach zwölf, das System bricht zusammen. Immer häufiger kommt es vor, dass Einsätze nicht durchgeführt werden können“, sagt Frank Flake aus dem DBRD-Vorstand. Gründe sind Personalmangel, aber auch überlastete Notaufnahmen. „Noch vor wenigen Jahren war es undenkbar, dass man einen Patienten im Krankenwagen eine Stunde vor der Notaufnahme behandelt, weil die Kliniken so überlastet sind. Und jetzt gibt es manchmal einen richtigen Stau.“ Inzwischen werden eigentlich geplante Ambulanzen nicht in Dienst gestellt, weil dort kein Personal vorhanden ist.

Was das in Wirklichkeit bedeutet, zeigt ein tragischer Fall in Berlin am vergangenen Wochenende. Bei einem Unfall mit einem Bus der Berliner Verkehrsbetriebe ist ein 15-Jähriger ums Leben gekommen. Die angeforderten Rettungswagen erreichten den Unfallort erst nach 20 Minuten – die sogenannte Hilfszeit in Berlin beträgt eigentlich zehn Minuten.

Die Arbeitsbelastung für die Einsatzkräfte sei „extrem“

Die Hauptforderung des Bündnisses: Die Arbeit im Rettungsdienst muss attraktiver werden. Dazu soll die Arbeitszeit von derzeit 48 Stunden und mehr pro Woche reduziert und insgesamt mehr Krankenwagen unterwegs sein, um die Arbeitsbelastung während der Schichten zu reduzieren. Allein in Berlin stieg die Zahl der Rettungseinsätze der Berliner Feuerwehr zwischen 2013 und 2021 von rund 305.000 auf 425.000 pro Jahr. Und laut Feuerwehrgewerkschaft sind an manchen Tagen nur etwa halb so viele Rettungswagen im Einsatz wie geplant.

„Es ist nicht akzeptabel, dass man in einer 24-Stunden-Schicht 15, manchmal 20 Einsätze fährt, mit einer durchschnittlichen Dauer von einer Stunde pro Einsatz. Da bleibt keine Zeit zum Essen oder Schlafen.“ Zusammen mit der oft verbesserungswürdigen Bezahlung ist der Beruf für Berufsanfänger wenig attraktiv. Auch sei es vielen Beschäftigten laut Flake schwer, bis zur Pensionierung bei Feuerwehr und Rettungsdiensten mit 60 Jahren durchzuhalten. Auch deshalb habe „die Berufsflucht in den letzten Jahren massiv zugenommen“.

Reform von Gesetzen und Strukturen notwendig

Um den Status des Notfallpatienten abzuschaffen, müssten die Rettungsdienste grundlegend reformiert werden, so das Bündnis. Ein erster Schritt wäre, den Status als reine „Transportdienstleistung“ zu kippen. „Medizinisch völlig unnötige Bagatellfahrten binden Einsatzkräfte und Kapazitäten, die an anderer Stelle dringend benötigt werden“, sagt Frank Hölters von Caritas-Mitarbeiterseite. Der Rettungsdienst wird zu oft als Taxi missbraucht, da auch das ambulante Gesundheitssystem nicht mehr gut funktioniert.

„Wenn der Rettungsdienst nicht reagiert und die Hausärzte angespannt sind, werden wir gerufen.“ In einigen Bundesländern besteht jedoch auch für kleine medizinische Artikel eine Transportpflicht. Solange keine Besserung in der Regelversorgung in Sicht ist, wird der Rettungsdienst weiter mit Problemen kämpfen.

Abhilfe könnten zum Beispiel mehr Befugnisse für Rettungskräfte schaffen. Seit 2013 gibt es Notfallsanitäter. Ihre Ausbildung umfasst laut dem neuen Bündnis für Rettungsdienste deutlich mehr Inhalte, als in vielen Bundesländern tatsächlich abgerufen werden können – denn die genauen Aufgaben der Rettungsdienste sind Ländersache.

Die Bündnispartner sehen auch die Notwendigkeit einer engeren Integration der verschiedenen Teile des Gesundheitssystems auf Augenhöhe. „Der Rettungsdienst muss neben der ambulanten und stationären Versorgung als relevanter Teil des Gesundheitssystems anerkannt werden.“ „Wenn wir einen Kleintransport ablehnen können, weil wir nicht mehr nur ein Fahrdienst sind, werden Kapazitäten frei“, sagt Hölters.