Skip to content
Neonazismus: Werbeplattform für Neonazis (nd-aktuell.de)


Graffiti und zwei geschmückte Häuser sollen einen »Nazikiez« in Dortmund beanspruchen.

Foto: picture alliance/dpa | Fabian Strauch

»Michi Brück, YouTube-Star – Antifa hat dein Handy!« war lange Zeit einer der beliebtesten Parolen unter Linken bei Neonazi-Krawallen in Dortmund. Michael Brück, ein inzwischen nach Sachsen gezogener Neonazi-Kader aus Dortmund, verlor im Frühjahr 2013 bei einer Rangelei mit Linken am Rande einer Kundgebung sein Handy und versuchte unter Tränen bei der Polizei Anzeige zu erstatten.

Youtube-Stars ganz anderer Art interessieren sich jetzt für Dortmunds Neonazis. Den Anfang machte Ahmed Sharif vor gut drei Wochen. Auf seinem YouTube-Kanal »Beast Kitchen« geht es meistens ums Essen. Wie gut ist der Döner im Fünf-Sterne-Hotel? „Döner für drei Euro, wie lecker?“ ist der Titel eines Videos. Sharif veröffentlicht auch kontroverse Artikel, in denen der erklärte Fleischliebhaber mit einem Vegan-Aktivisten diskutiert. Was liegt da näher, als mit einem Neonazi essen zu gehen.

Sharif wählte dafür Steven Feldmann aus Dortmund. Beide treffen sich im angeblichen Nazi-Viertel Dortmund-Dorstfeld und gehen dort in einen türkischen Imbiss. Bei Reis und Gemüse – der Neonazi will keinen Döner essen – unterhalten sich die beiden beiläufig über Feldmanns Weltanschauung. Er plaudert über seine Vertreibungspläne. Sharif und seinem Kameramann fällt nicht viel mehr ein, als zu fragen, ob sie der deutschen Wirtschaft nicht schaden würden. Auf YouTube wurde das Video mittlerweile mehr als 600.000 Mal aufgerufen.

Das nächste Video mit Steven Feldmann, der wegen zahlreicher Gewaltverbrechen vorbestraft ist und mehrere Jahre inhaftiert war, wurde am vergangenen Wochenende veröffentlicht. Es stammt von „TomSprm“, einem YouTuber, dessen Videos mehr als 83 Millionen Mal angesehen wurden und der seinen Kanal so beschreibt: „Ich bin ein normaler Junge, der versucht, Leute zu unterhalten und sie zum Lachen zu bringen.“ Dementsprechend wenige kritische Nachfragen gibt es im Video. „TomSprm“ hat Geschichten von Feldmann und anderen Neonazis. Sie können sich als harmlos darstellen, wegen ihrer Musik und ihrer Hobbys vom Staat verfolgt.

Bisher ist »TomSprm« nicht durch die Auseinandersetzung mit politischen Ideologien aufgefallen. In anderen Videos fragt er Pornodarstellerinnen auf der Erotikmesse »Venus«, wann sie ihr erstes Mal hatten, oder probiert aus, ob ein Ferrari beim Ankommen hilft. „TomSprm“ löschte das auf Youtube veröffentlichte Video mit den Dortmunder Neonazis nach wenigen Stunden. Fragen zu seiner Motivation, mit den Rechten zu drehen, blieben unbeantwortet.

Die Autonome Antifa 170 aus Dortmund ärgert sich über die unwidersprochene Darstellung der neonazistischen Ideologie. Aktivistin Kim Schmidt erklärt gegenüber »nd«, dass die Rechten mit ihren »Nazi-Homestorys« die Chance bekommen, »ihre menschenverachtende Ideologie einem großen Publikum zu vermitteln und gleichzeitig den Mythos des ‚Dortmund-Dorstfeld Nazikiez‘ weiterzustricken“. «. Diesen „Nazikiez“ gebe es gar nicht, sagt Schmidt.

Auch Kim Schmidt ist verärgert darüber, dass die Neonazis ihre Propaganda unangefochten präsentieren können. Die Videos seien „eine Werbeplattform für Neonazis und ihre Ideologie“. Es fehlt die Einordnung des Gesagten, man merkt die Unwissenheit der Youtuber. Durch den Bruch des Tabus, Nazis zu interviewen, würde die Zahl der Klicks steigen. Die Neonazis und ihre Ideologie würden heruntergespielt. Für Schmidt von Antifa 170 ist es ein Fehler, überhaupt mit Nazis zu reden. Durch die „geringere Regulierung und fehlendes Verantwortungsbewusstsein“ entfalte sich in den Videos auf YouTube eine „völlig neue Dimension der Schädlichkeit“.