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Nazi-Senator sollte vergessen werden (nd-aktuell.de)


Beides ist wichtig: die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und die Benennung der Täter.

Foto: dpa/Michael Matthey

Gibt es ein Recht auf Vergessenwerden? Und gilt es für Personen, die in der Öffentlichkeit standen? Oscar Toepffer stand während der NS-Zeit im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Er war damals Leiter des Landesamtes in Hamburg, Mitglied des Senats und für kurze Zeit sogar Schulsenator.

„Insofern war er mitverantwortlich für die Entscheidungen des NS-Senats“, sagt Hans Peter de Lorent, der sich seit den 1970er Jahren in der NS-Zeit für Hamburger Schulen engagiert. Toepffer nahm ab 1939 als Offizier am Zweiten Weltkrieg teil, zuletzt im Rang eines Majors. Mit seiner Frau Gretchen tauschte er sich regelmäßig per Feldpost aus. Die Briefe sind erhalten und wurden nach dem Krieg von Toepffers Töchtern transkribiert, weil sie in Sütterlin-Schrift geschrieben und kaum lesbar waren. Sie sind ein Zeugnis der Zeit und in vielerlei Hinsicht eine wichtige Quelle für Historiker.

„Bis zur Kriegswende 1943 gab es eine große Begeisterung für das NS-Regime und insbesondere für die Reden Adolf Hitlers“, erklärt Hans Peter de Lorent gegenüber „nd“. Ein Enkel Toepffers machte den Forscher 2013 auf seinen Großvater aufmerksam. In den Briefen an seine Frau berichtet er unter anderem von Plünderungen und erklärt, er sei „stolz, dabei sein zu dürfen“. In einem Brief sagt er, dass künftige Generationen „eines Tages die Frage aufwerfen werden, ob der Führer als Staatsmann oder als Feldherr größer war“. Ab 1943 werden die Briefe nüchterner. Mitte Juli 1944 drückt Toepffer jedoch seine tiefe Betroffenheit über das Attentat auf Hitler aus. Auch nach Kriegsende ist von Läuterung keine Spur. Zuhause in Wohldorf angekommen, vermerkte er im September 1945, dass er bei einem erneuten Krieg gegen Russland sofort wieder dort sein würde, um dann „gemeinsam mit England die DDR zurückzugewinnen“.

Hans Peter de Lorent hat Toepffers Biographie in seine Schriftenreihe »Täterprofile. Verantwortliche im Hamburger Bildungswesen unter dem Hakenkreuz«. In drei Bänden skizziert er die Biographien von 180 Personen. Sie wurden von der Landeszentrale für politische Bildung herausgegeben. Sie erhielten eine breite positive Resonanz. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sprach bei der Vorstellung des zweiten Bandes von „wertvoller Arbeit“.

Aber nicht allen gefiel die Veröffentlichung. 2018 erhielt die Landeszentrale für politische Bildung einen Brief von Toepffers Enkelin Christel S. Sie fand einerseits überrascht die Korrespondenz ihrer Großeltern in einer Veröffentlichung der Landeszentrale und bat um Aufklärung. Hans Peter de Lorent konnte diese liefern, weil ihm die Korrespondenz von zwei Töchtern Toepffers persönlich für seine Recherche zur Verfügung gestellt wurde.

Doch Christel S. gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Gegen die Veröffentlichung klagte sie über ihre eigene Anwaltskanzlei, die sich nach eigenen Angaben »Zukunft durch Tradition« verschrieben hat. Sie sieht Toepffers „postmortales Persönlichkeitsrecht“ verletzt, begründete sie ihren Schritt. Und betonte, dass ihr Großvater 1937 nicht freiwillig in Hitlers NSDAP eingetreten sei.

Zunächst forderte S. die Löschung des gesamten Toepffer-Porträts aus der Online- und Druckversion der Publikation. Die Zivilkammer des Landgerichts lehnte dies vor zwei Jahren mit der Begründung ab, Toepffer sei unter anderem durch seine Senatorenschaft eine Person des öffentlichen Lebens. Das Recht auf Vergessenwerden gilt für ihn daher nicht. Allerdings wies der Richter darauf hin, dass einzelne Passagen der Korrespondenz noch urheberrechtlich geschützt sein könnten und dass de Lorent womöglich doch die Zustimmung aller Hinterbliebenen hätte einholen müssen.

Die Idee, alle überlebenden Angehörigen für ein Forschungsprojekt zu befragen, findet der Historiker „etwas absurd“. Schließlich hätten ihm die beiden noch lebenden Töchter die Korrespondenz zur Verfügung gestellt, „und sie wussten, dass ich daraus zitieren wollte“, erklärt de Lorent. Er hat jedoch keine schriftliche Zustimmung von ihnen erhalten.

S. betonte hingegen, dass zumindest Tochter Gertrud B. der Veröffentlichung niemals zugestimmt hätte. Sie war jedoch nicht anwesend, als die Töchter mit de Lorent sprachen. Das Gericht schlug einen Vergleich vor, bei dem die Zitate aus dem Buch entfernt würden. De Lorent und der für die Landeszentrale zuständige Schulsenator Ties Rabe (SPD) lehnten dies ab.

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Mitte letzten Jahres gab es einen weiteren Verhandlungstag, der eigentlich mit zwei Vergleichsvorschlägen endete. Der Richter schlug vor, dass de Lorent entweder Toepffers Zitate in allen verfügbaren Ausgaben redigiere und sie vollständig aus der Online-Ausgabe lösche. Alternativ könnte die Landeszentrale die Restauflage noch bis Jahresende verkaufen, die Restbestände müssten dann Anfang 2023 ausgestempelt werden. Auch dieser Vergleich wurde verworfen. Senator Rabe erklärte, es sei undenkbar, dass 90 Jahre nach der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten eine derart „einschlägige wissenschaftliche Untersuchung der NS-Geschichte“ eingestellt werde.

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Das Landgericht Hamburg erwägt nun offenbar eine Aufteilung des Verfahrens. Eine Klage gegen de Lorent würde sich weiter mit „Urheberrechtsverletzung“ befassen. Die Kammer erwägt auch, die Befugnisse der Stadt und der Landeszentrale von einem anderen Gericht überprüfen zu lassen. Ende letzten Jahres wurden die Prozessbeteiligten erneut um Stellungnahme gebeten. Danach will das Gericht ohne neue Verhandlung ein Urteil fällen.

Inzwischen wurde die Stellungnahmefrist jedoch auf Antrag des Klägers um einen Monat verlängert. „Sollte der Klage gegen eine angebliche Urheberrechtsverletzung stattgegeben werden, hätte dies weitreichende Folgen für die historische Forschung“, warnt de Lorent. Weder Bücher wie „Soldaten“ des Historikers Sönke Neitzel noch Biographien von Verantwortlichen des NS-Regimes wie Albert Speer wären fortan einfach zu schreiben, weil dann in vielen Fällen Nachkommen um ihr Einverständnis gebeten werden müssten.