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Nations League 2022: Ein verpasstes Signal (nd-aktuell.de)


Mit vielen Ballgewinnen, starken Dribblings und zwei Torvorbereitungen spielte sich Jamal Musiala (2.vr) schließlich in die DFB-Startelf.

Foto: imago/Phil Duncan

Thilo Kehrer wirkte für einen kurzen Moment so hilflos wie die vielen Touristen, die zum ersten Mal auf den Londoner U-Bahn-Plan blicken. Der einzige Unterschied: Der deutsche Nationalspieler starrte nicht auf verwirrende bunte Linien, sondern auf den Nachthimmel über dem Wembley-Stadion, dessen gigantischer Stahlbogen gerade rot-weiß-rot leuchtete. Der zu West Ham United gewechselte deutsche Verteidiger hatte gefühlt Dutzende Fragezeichen auf der Stirn, als er beim Schlusspfiff des zunächst zähen, später spektakulären 3:3-Erfolgs gegen England an der Außenlinie blieb. Mit erhobenen Händen hinterfragte jemand weniger als zwei Monate vor der umstrittenen WM in Katar (20. November bis 18. Dezember) die Bedeutung des internationalen Klassikers und das Leistungsniveau einer sich selbst zum Rätsel gewordenen deutschen Auswahl. Weshalb kaum einer der deutschen Protagonisten – mit Ausnahme des spät hinzugekommenen Thomas Müller – den versammelten Journalisten später etwas sagen wollte.

Bundestrainer Hansi Flick sprach sich dafür aus. In seinem Berufsleben hat der 57-Jährige festgestellt, dass er seine Mitmenschen besser erreichen kann, wenn das Glas eher halb voll als halb leer ist. „Ich bin von Natur aus positiv“, leitete der Heidelberger seine Grundsatzerklärung aus der Fußballkathedrale ein. Und versprach gleich: „Wenn wir uns Mitte November treffen, fahren wir mit einem positiven Gefühl zur WM. Wir haben vieles gut gemacht.“

Nach dem Wellenbad in Wembley spielte Flick bewusst den Heiler. „Ich bin eher ein Trainer, der die Spieler lieber einen Kopf größer macht. Das bringt am Ende vielleicht noch den einen oder anderen Sieg.« Dennoch blieb sein Team knapp sieben Wochen vor der Abreise in den Oman, wo man sich mit einem Testspiel für die WM auf der arabischen Halbinsel akklimatisieren will, ohne ein Siegessignal . Auch der Geschäftsführer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Oliver Bierhoff, war über das verpasste Erfolgserlebnis sehr verärgert: Der 54-Jährige spürt, wie die Aufbruchsstimmung, die im ersten Flick-Jahr geschürt wurde, bereits schwindet.

Das DFB-Team hat nur eines von sechs Nations-League-Spielen gegen England, Italien und Ungarn gewonnen – gegen die B-Elf des Europameisters Italien, der sich nicht für die WM qualifiziert hat. Bisher hat das Team seinen Plan für die gesamte Saison gegen keine Top-Nation durchgezogen. Anders als bei der WM 2018 mag das diesmal in der Gruppenphase gegen Japan, Spanien und Costa Rica gut laufen, aber Deutschland wäre in einem WM-Achtelfinale gegen Belgien oder Kroatien kein Favorit mehr. Jetzt stehen. Obwohl der Fokus zunächst nur auf dem WM-Auftakt gegen die Japaner liegt, die nicht zu unterschätzen sind, weil sie extrem selbstbewusst und gut eingestellt sind, ist der viermalige Weltmeister keineswegs ein Titelanwärter – zu viel Piñata gibt es im deutschen Team dafür.

Die Leistungsschwankungen der Spiele in Leipzig und London waren enorm. Darüber können die von Flick am Montagabend hervorgehobenen „20 Minuten richtig guten Fußball“ nicht hinwegtäuschen. Die Lockerheit des Youngsters Jamal Musiala – zusammen mit Torhüter Marc-André ter Stegen und Doppeltorschütze Kai Havertz einziger Sieger dieser Länderspiele – fehlte den meisten anderen Spielern. Das Dilemma: Eigentlich hätte das Trainerteam vor der Endrunde noch viel zu tun, aber Flick hat keine Zeit, sich mit seinen Spielern zu beschäftigen. Auf die meisten seiner Protagonisten wartet ein schwieriges Herbstprogramm mit 13 Spielen in Europapokal, Bundesliga und DFB-Pokal. Die Nationaltrainer der europäischen Top-Nationen sind nur noch Beobachter, keine Gestalter mehr.

Das Einzige, was Flick tun kann, ist, möglichst viele Spiele anzuschauen, Trainingsinhalte über eine digitale Plattform zu teilen und persönliche Gespräche zu führen. Er habe bereits darauf hingewiesen, »dass jeder Einzelne in dieser Zeit noch an sich arbeitet, für mehr Fitness, Sicherheit, Überzeugung, Passen. Da müssen wir noch besser werden. Das muss sein.« Schließlich kam in der ersten Halbzeit im Angriffsdrittel kaum Bewegung, weil alles zu ungenau und zu vorsichtig war.

Erschreckend ist auch, warum eine 2:0-Führung in diesem Prestigeduell so naiv verspielt wurde. Luke Shaw, Jason Mount und Harry Kane bewiesen innerhalb von elf Minuten, dass ein Top-Verteidiger wie Antonio Rüdiger auf der deutschen Seite nicht fehlen darf; Wieder einmal verschuldete Vertreter Nico Schlottbeck ungeschickt einen Elfmeter. Die plötzliche Jubelstimmung der 78.949 Fans, die zeitweise völlig verstummt waren, wurde mit Nick Pope und dem schlagfertigen Kai Havertz mit seinem zweiten Tor von einem traditionell ungeschickten englischen Keeper getrübt. Flick wusste: „So können wir das besser verkraften als mit einer Niederlage. Nicht aufgeben ist das, was wir brauchen.«