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Nagelsmann-Debüt im Schnellcheck: Aus fliegenden Holzfällern entsteht neue DFB-Spaßmaschine


Der DFB liegt seit Jahren am Boden. Alles ist dunkel, alles ist negativ. Niemand kann das DFB-Team retten. Sie stolpert von Boden zu Boden. Dann kommt Julian Nagelsmann und wird Bundestrainer. Nach seinem 3:1-Debüt sagte plötzlich jeder das Wort „Spaß“. Im DFB-Umfeld war es ausgestorben.

Was ist eigentlich im Pratt & Whitney Stadium in Hartford passiert?

„Unsere Spiele erzeugen eine Aufbruchsstimmung. Aber erst gewinnen, dann Stimmung. Ohne Siege keine Stimmung“, beschrieb Thomas Müller genau acht Monate vor dem Eröffnungsspiel der Heim-Europameisterschaft die Lage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Meisterschaft nächstes Jahr. Für das DFB-Team war das Gewinnen in den letzten Monaten ein Problem. Es war so groß geworden, dass Hansi Flick den Bundestrainerposten räumen musste.

Thomas Müller ist der Hausphilosoph des DFB.

(Foto: IMAGO/MIS)

Nachfolger Julian Nagelsmann muss nun für Siege sorgen. Und einfach die Stimmung. Für seine Premiere gegen die USA hat Nagelsmann einen Kader zusammengestellt, der genau auf dieses Turnier zugeschnitten ist: Mit einem Durchschnittsalter von 28,5 Jahren ist es der älteste Kader seit der bleiernen Ära von Erich Ribbeck um die Jahrtausendwende. Seit 1963 hat kein Bundestrainer jemals eine ältere Startelf (28,97 Jahre alt) aufs Feld geschickt als Nagelsmann in Hartford.

Mit dem Rückkehrer Mats Hummels, dem ewigen Thomas Müller und dem 32-jährigen Neuzugang Kevin Behrens hat sich der Neuzugang einige Spieler geholt, die – ohne allzu respektlos zu sein – wohl kaum in der fernen Zukunft des DFB-Teams zu finden sein werden. Nagelsmann bleiben acht Monate und nur noch eine Handvoll Spiele, um nach drei desaströsen Turnieren endlich eine international ernstzunehmende deutsche Fußballnationalmannschaft zusammenzustellen.

Der erste Schritt ist hier getan Pratt & Whitney Stadion in Hartford. Das DFB-Team besiegte die USA mit 3:1 (1:1) und sorgt damit für gute Stimmung. Nagelsmanns Ensemble reagierte stark auf einen Rückstand und spielte in der zweiten Halbzeit die Amerikaner zeitweise aus. „Das ist das wichtigste Thema, um gute Laune zu bekommen. Im Fußball ist es immer so, wenn man gewinnt, war alles, was man vorher gemacht hat, gut“, sagte Nagelsmann selbst zum Thema Stimmung. Im Moment ist also alles in Ordnung.

Wie kam Julian Nagelsmann eigentlich nach Hartford?

Auch im Stadion war es ungemütlich.

Auch im Stadion war es ungemütlich.

(Foto: IMAGO/MIS)

„Far away in America“ war der letzte Song einer DFB-Nationalmannschaft. Gemeinsam mit den Village People träumten sie davon, ihren Titel bei der Weltmeisterschaft 1994 zu verteidigen. Doch das Ende kam am 10. Juli 1994 im Giants Stadium in Rutherford. Jordan Letschkow ging in der 78. Minute hoch, Thomas Häßler kam nicht mehr ran. Bulgarien 2 Deutschland 1. Nach dem Viertelfinale ging es nach Hause. Die Nationalmannschaft nahm nie wieder im Einzel an einer WM teil. Berti Vogts blieb Bundestrainer, zwei Jahre später gewann Deutschland 1996 in England die Europameisterschaft. Seitdem blieb das DFB-Team auf kontinentaler Ebene ohne Titel.

Im Jahr 2024 soll sich alles ändern. Die Heim-EM soll nicht nur ein neues Sommermärchen sein, sondern den Niedergang der Nationalmannschaft seit dem WM-Titel 2014 in Rio endlich stoppen. Doch das große Ziel ist schon seit einiger Zeit in Gefahr. Weltmeister-Trainer Joachim Löw musste gehen, Hansi Flick kam als All-Winner vom FC Bayern München und wurde schnell zum All-Loser. Er wurde zum Symbol für langweiligen Fußball, für endloses Jammern, für das Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit.

Mit der Ausstrahlung der WM-Dokumentation auf Amazon und einer Niederlage gegen Japan in Wolfsburg ging seine Zeit zu Ende. Der einst mächtige Bundesadler auf seiner Brust war zu einer desorientierten Graugans geschrumpft. Plötzlich stand Rudi Völler an der Seitenlinie. Das letzte seiner 54 Länderspiele bestritt er 1994 gegen Bulgarien, war von 2000 bis 2004 Nationaltrainer und gewann plötzlich auch gegen Frankreich.

Doch Völler, der erst im Februar 2023 aus dem Ruhestand zum DFB zurückgekehrt war, wollte nicht und so kam das einstige Trainer-Wunderkind Julian Nagelsmann im Rahmen einer geradezu bundesweiten Anstrengung aus dem Exil. Er wurde im März von den Bayern verjagt und wartete seitdem auf ein echtes Angebot. Er hat den Größten bekommen. Führen Sie die Nationalmannschaft durch das Heimturnier. „Das klingt gar nicht so schlecht“, sagte er vor seinem Debüt gegen die USA über seine neue Berufsbezeichnung „Nationaltrainer“. Es stand im Pratt & Whitney Stadium in Hartford, keine drei Autostunden vom Ort der Katastrophe von 1994 entfernt. Damals war ein Aus im WM-Viertelfinale eine Katastrophe, jetzt träumt der DFB von einer nach der anderen Desaströse letzte WM-Turniere in Russland und WM-Viertelfinale in Katar. Julian Nagelsmann soll dieses Comeback ermöglichen.

Wie konnte das DFB-Team einen Rückstand umdrehen?

Nicht nur Lothar Matthäus war begeistert. Zum zweiten Mal starteten Jamal Musiala und Florian Wirtz gemeinsam in einem Nationalmannschaftsspiel. „Das sind Künstler. Ich bin wirklich glücklich“, sagte der RTL-Experte vor dem Spiel über das neue DFB-Duo in der Zentrale. Matthäus liebt schönen Fußball und natürlich gefallen ihm die beiden derzeit größten Versprechen der Nationalmannschaft.

Aber Musiala und Wirtz waren natürlich eine Ausnahme. Schon bei seiner Nominierung war klar: Nagelsmann sieht seinen Job so, wie er ihm in der Stellenausschreibung vorgestellt wurde. Kümmern Sie sich zunächst einmal um die Europameisterschaft – mit Erfahrung. Insgesamt sechs Spieler über 30 standen in Hartford in der Startelf. Ihr Alter merkten sie zunächst nicht. Sie drückten hoch, gewannen Bälle, profitierten von der Begeisterung von Wirtz und Musiala und natürlich von Leroy Sané.

Niclas Füllrkug (m.) jubelt nach seinem Treffer zum 2:1.  Auch Ilkay Gündogan und Jamal Musiala punkteten.  Mats Hummels grätschte.

Niclas Füllrkug (m.) jubelt nach seinem Treffer zum 2:1. Auch Ilkay Gündogan und Jamal Musiala punkteten. Mats Hummels grätschte.

(Foto: IMAGO/Student)

„Wir müssen uns defensiv nachhelfen“, sagte Nagelsmann vor dem Spiel. Er bat Toni Rüdiger, Mats Hummels und Jonathan Tah, miteinander zu reden. In der 27. Minute war dafür keine Zeit mehr. Der ehemalige BVB-Spieler Christian Pulisic erregte die Aufmerksamkeit des Trios und lief durch. Es war die kurze Rückkehr der Orientierungslosigkeit. Rüdiger verpasste die Gelegenheit, Pulisic zu stören, der ins lange Eck zirkelte und traf.
Genau davor hatte Nagelsmann gewarnt und auch zur Ruhe aufgerufen.

Nicht alles wird sofort funktionieren. Und so war es. In der 39. Minute brachten sie den Ball durch Gündogan zum 1:1 ins Tor. Anfangs waren es oft nur Einzelaktionen, Musiala blieb oft hängen, Wirtz fehlte die Schlusssicherheit, Linksverteidiger Robin Gosens drängte oft nach Wunsch nach, fehlte dann hinten in der Abwehr. Bis zum 2:1 in der 58. Minute. Dann hat es Klick gemacht. Gosens stand groß und rechts, Füllkrug punktete souverän. Sein achtes Tor in seinem zehnten Länderspiel. Musiala wirbelte erneut herum. Das Spiel war lebendig und der Bayern-Star punktete. Die Nationalmannschaft hatte ein Spiel gedreht. Und wie: ruhig und zielstrebig, konzentriert und nicht panisch. Das Selbstvertrauen ist zurück. Lothar Matthäus hatte erneut allen Grund zur Vorfreude. „Das Spiel hat mich aufgewärmt“, sagte er nach dem Spiel: „Es hat mir Spaß gemacht.“

Was nehmen wir jetzt aus dem Spiel mit?

Spaß! Die Leichtigkeit ist zurück im deutschen Spiel. Während der Erfolg gegen Frankreich fast als Geschenk des französischen Nationaltrainers Didier Deschamps an seinen alten Freund Rudi Völler angesehen werden könnte, war dieser Comeback-Sieg in den USA von einer anderen Qualität. Die Gelassenheit der Flick-Tage war verflogen und das Glück kehrte zurück. Das DFB-Team, so abgedroschen es auch klingen mag, hatte darauf hingearbeitet. Pulisics Defizit empfand sie als Aufforderung, sich zu wehren und nicht nachzugeben. Sie war immer präsent.

Das Fehlen von Joshua Kimmich ermöglichte es Nagelsmann, Pascal Groß ohne große Beeinträchtigung in die Startelf zu schmuggeln. Der 32-Jährige aus der Premier League dankte es ihm – mit seinem hervorragenden Passspiel, mit einigen guten Spielzügen in der Offensive und als Abräumer im Mittelfeld. Er war in beiden Strafräumen zu finden und schloss unermüdlich die einstmals klaffenden Löcher im Zentrum. Die USA hatten kaum Übergangsmomente und wurden nach außen gedrängt.

Das Stoppschild, das der Mannschaft lange gefehlt hatte, war groß und an der Spitze trieben Sané, Wirtz, Musiala und Füllkrug ihr Unwesen. Mit ihrer Unnachgiebigkeit stellten sie ihre Gegner vor zu viele Aufgaben. Sie konnten einfach nicht alle lösen. Die Suche nach dem perfekten Spiel geht weiter und mit einer Antwort hat zu diesem Zeitpunkt ohnehin niemand gerechnet. In genau acht Monaten, zum ersten EM-Spiel, muss die Nationalmannschaft dabei sein. Allerdings hat Bundestrainer Nagelsmann sein erstes Versprechen gehalten. „Ich bin zuversichtlich, dass wir das Spiel genießen können“, sagte er vor dem Spiel. Und so war es.

Was trug der stets modebewusste Bundestrainer eigentlich?

Julian Nagelsmann sah wieder großartig aus.

Julian Nagelsmann sah wieder großartig aus.

(Foto: IMAGO/MIS)

Julian Nagelsmann packte im hohen Norden der USA das Holzfällerhemd aus und Mats Hummels sah darin wohl eine Handlungsempfehlung. Der 34-jährige Rückkehrer verstand es immerhin als Aufforderung zu etwas, das im besten Fall als heroischer Schachzug bezeichnet werden würde und im schlimmsten Fall eine Rote Karte zur Folge hätte.

Der frühere Barcelona-Spieler Sergino Dest lief in der 44. Minute auf der linken Angriffsseite davon, Dortmunds Rekordspieler (207 Bundesliga-Siege) sprang und zielte auf den Ball zu. Aber es war schon lange vorbei. Anstatt den Ball mit dem linken Bein zu sichern, wehrte Hummels den 22-jährigen US-Nationalspieler ab. Es flog und flog und landete. Schiedsrichter Fernando Guerrero beließ es überraschenderweise bei einer Gelben Karte. Julian Nagelsmann hat sein Holzfällerhemd angepasst.

Ist Hartford nun endlich ein magischer Ort für den deutschen Sport?

Es war der 24. Juli 1987, als Boris Becker in Hartford ein Stück deutsche Sportgeschichte schrieb: In einem monumentalen Tennismatch besiegte der damals 18-Jährige den großen John McEnroe: 4:6, 15:13, 8:10 ,6: Nach ewigen 6 Stunden und 39 Minuten stand es 2,6:2 für den Deutschen im zweiten Einzel einer legendären Davis-Cup-Begegnung. „Der Tag ist vorbei“, sagen die Kommentatoren. Als Becker den Matchball verwandelte, war die Sonne in Deutschland bereits wieder aufgegangen.

Jetzt, 36 Jahre später, kehrt der deutsche Sport nach Hartford zurück. Und nun lässt er die Deutschen in die Nacht frei. Wieder mit einem Sieg, wieder nach einem Rückstand. Doch anders als der Tennis-„Krieg“, wie Becker sein Duell nannte, wird Nagelsmanns Debüt in 36 Jahren wohl längst vergessen sein. Es sei denn, dieses Debüt ist der Ausgangspunkt für etwas Großes. Ein EM-Titel zum Beispiel. Wir werden sehen.

Die Stimmen zum Spiel

Mats Hummels (Rückkehrer): „Es hat sehr viel Spaß gemacht. Der Schlüssel war unser Ballbesitz. In der ersten Halbzeit hatten wir ein paar unvorsichtige Ballverluste. In der zweiten Halbzeit waren wir viel souveräner.“

Julian Nagelsmann (Debütant): „Wir sind nach dem Rückstand sehr gut zurückgekommen. Das war nach den letzten Monaten und dem Rückstand nicht so einfach. Fußballerisch war es sehr gut. Wir haben den Sieg nicht einfach nur erstickt. Das war sehr gut.“ Schritt heute.“


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