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Nach Teilmobilmachung: Fast 100.000 Russen brachen nach Kasachstan auf


Stand: 27.09.2022 14:29 Uhr

Weniger als eine Woche nach der Anordnung der Teilmobilmachung verließen weit über 100.000 Russen ihr Land in alle Himmelsrichtungen. Georgien meldet Staus an seiner Grenze. Allein in Kasachstan sollen seit der Ankündigung 98.000 russische Staatsbürger eingereist sein.

Zehntausende Russen haben das Land verlassen, seit das russische Militär vor knapp einer Woche teilweise mobilisiert hat. Nach Angaben der Agentur Interfax, der Migrationsbehörde des kasachischen Innenministeriums, sind seit dem 21. September allein rund 98.000 russische Staatsbürger nach Kasachstan eingereist. Mehr als 8.000 Russen erhielten eine persönliche Identifikationsnummer, die Voraussetzung für die Registrierung und Eröffnung von Bankkonten in dem zentralasiatischen Land ist. Seit Anfang April haben mehr als 93.000 russische Staatsbürger Identifikationsnummern und mehr als 4.000 Aufenthaltsgenehmigungen für Kasachstan erhalten.

Am Mittwoch vergangener Woche kündigte der russische Präsident Wladimir Putin die Teilmobilmachung von Hunderttausenden Reservisten an. Die teilweise Mobilisierung hatte landesweite Proteste und einen Ansturm russischer Männer in die Nachbarländer ausgelöst. Die meisten Direktflüge in Länder ohne Visumspflicht für Russen waren schnell ausverkauft, und die Ticketpreise schossen in die Höhe.

Kasachstan sagt Schutz zu

Der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew hat den Russen, die vor der teilweisen russischen Mobilisierung nach Kasachstan fliehen, Schutz zugesagt. „In den vergangenen Tagen sind viele Menschen aus Russland zu uns gekommen. Die meisten von ihnen müssen wegen der aussichtslosen Lage gehen“, erklärte Tokajew. „Wir müssen uns um sie kümmern, für ihre Sicherheit sorgen.“ Es sei ein „politisches und humanitäres Problem“, sagte er. Gleichzeitig betonte Innenminister Marat Akhmetdschanov, dass gesuchte russische Kriegsdienstverweigerer ausgeliefert werden müssten.

Der kasachische Führer, normalerweise ein Verbündeter Moskaus, hält seit der russischen Offensive in der Ukraine Abstand. Tokajew verurteilte den Konflikt erneut. „Die territoriale Integrität eines Staates muss unveräußerlich sein, das ist ein Schlüsselprinzip“, sagte er. Russland führt derzeit in vier ukrainischen Regionen sogenannte Referenden über die russische Annexion durch. „In unserer unmittelbaren Umgebung findet ein großangelegter Krieg statt. Daran müssen wir uns erinnern und vor allem an unsere Sicherheit denken“, so Tokajew weiter.

Langer Stau nahe der russischen Grenze zu Georgien: Regionalbehörden sprechen am Dienstag von 5.500 Autos.

Bild: über REUTERS

Staus an der georgischen Grenze

Tausende Russen versuchten auch, nach Georgien zu gelangen. An der Grenze südlich von Wladikawkas stauten sich nach Angaben der regionalen Behörden am Dienstag rund 5500 Fahrzeuge, darunter rund 3600 Personenwagen. Das Innenministerium der russischen Republik Nordossetien erlaubte den Menschen, die Grenze zu Fuß zu überqueren. Gleichzeitig kündigten die Behörden nach Angaben der russischen staatlichen Nachrichtenagentur TASS an, dass an der Grenze bald ein Einberufungszentrum für den Krieg in der Ukraine eingerichtet werde.

„Vor vier oder fünf Tagen kamen täglich 5000 bis 6000 Russen in Georgien an“, sagte der georgische Innenminister Wachtang Gomelauri in Tiflis. Mittlerweile ist diese Zahl auf „10.000 pro Tag“ angewachsen. In den ersten vier Monaten des Ukraine-Krieges flohen fast 50.000 Russen nach Georgien, wo sie ein Jahr ohne Visum bleiben dürfen.

Die massenhafte Ankunft von Russen, die vor der Wehrpflicht fliehen, löst in Georgien gemischte Gefühle aus. Schließlich sind die Erinnerungen an die russische Invasion in Georgien im Jahr 2008 noch lebendig. Russische Soldaten sind seit dem Fünf-Tage-Krieg in zwei abtrünnigen Regionen Georgiens stationiert.

Auch Finnland meldet deutlich mehr Ankünfte von Russen

Auch von den Grenzen zu Finnland und der Mongolei war in den vergangenen Tagen ein Ansturm von Russen gemeldet worden. Die finnische Grenzschutzbehörde verzeichnete am Wochenende einen Rekord für dieses Jahr bei den Ankünften aus Russland. „Das vergangene Wochenende war das verkehrsreichste Wochenende des Jahres an der Ostgrenze“, sagte Mert Sasioglu vom finnischen Grenzschutz. Nach Angaben der Behörde vom Montag überquerten am Samstag fast 8600 Russen die Landgrenze, 4200 die Grenze in die andere Richtung. Mehr als 8.300 Russen kamen am Sonntag an, fast 5.100 verließen das Land. „Die Ankunftsrate ist ungefähr doppelt so hoch wie vor einer Woche“, sagte Sasioglu.

Sofi Donges, ARD Stockholm, derzeit Nuijamaa/Finnland, über die verstärkten Ankünfte aus Russland und die Situation an der finnisch-russischen Grenze

tagesschau24 15:00 Uhr, 27.9.2022

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