Deutschland Nachrichten

Nach seiner Festnahme sitzt Hannas mutmaßlicher Mörder unter Schock im Gefängnis


Regenwolken lagen am Donnerstagmorgen über Aschau im Chiemgau. Der Gipfel der nahe gelegenen Kampenwand verschwindet im Nebel. In der knapp 6.000-Einwohner-Gemeinde läuft alles seinen beschaulichen Lauf.

Allerdings steht der Ort seit Wochen im Fokus des Medieninteresses. Seit der Nacht zum 3. Oktober, als Hanna W. nach dem Besuch der Diskothek „Eiskeller“ in der Nähe eines Baches getötet wurde.

Die 23-jährige Studentin war auf dem Heimweg, als sie ihren Mörder traf. Ihr Körper wurde in den Fluss Prien gespült und zehn Kilometer tiefer an Land gespült.

Wochenlang suchte die Sonderkommission „Club“ nach dem Täter. Mit enormem Aufwand wurde jeder Flusskilometer zwischen Tatort und Fundort abgesucht. Am nahe gelegenen Bärbach, der in die Prien mündet, wurden ein Ring des Opfers und eine fast vollständig aus Holz gefertigte Uhr gefunden.

Kannte Hanna ihren Mörder?

Die Ermittler suchten auch nach einem Jogger, der in der Todesnacht gesehen wurde und möglicherweise Hinweise zu dem Fall geben könnte. Der Läufer meldete sich nach einem öffentlichen Aufruf. Die Polizei teilte jedoch zunächst mit, seine Aussage habe nichts Nennenswertes ergeben.

Der Fall ist seit langem in aller Munde. Beim Bäcker, im Wirtshaus oder im Supermarkt wird über das schreckliche Schicksal der jungen Frau gesprochen. Als die Polizei vor sechs Tagen die Festnahme eines jungen Tatverdächtigen meldete, brodelten erneut Spekulationen.

Kannten sich der mutmaßliche Mörder und das Opfer vorher? Oder hatten sie sich beide nur in der Diskothek kennengelernt? Gehörte die gefundene Uhr dem Verdächtigen? Wer ist der Mann? Von wo kommt er?

Inzwischen lichtet sich der Nebel etwas. Wie die „Bild“-Zeitung berichtete, handelte es sich bei dem festgenommenen Tatverdächtigen um den Jogger, der bereits in der Vergangenheit als Zeuge gedient hatte.

Der Tatverdächtige soll eigentlich der Jogger sein

Die Polizei wollte sich dazu nicht äußern. Nach FOCUS-Online-Informationen wurde der Freizeitsportler tatsächlich wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft genommen. Offenbar ein 20-jähriger Jugendlicher, der ebenfalls in Aschau aufgewachsen ist.

Offenbar hatte die Polizei den begeisterten Läufer schon länger im Auge behalten. Ein Zeuge aus seinem Umfeld soll den entscheidenden Tipp gegeben haben.

Eine Seniorin, die mit Freunden beim Bäcker frühstückt, ruft beim Blick auf die Überschrift: „Ach, das soll der Jogger gewesen sein?“ Es gibt ein kurzes Gespräch, dann wendet sich die Gruppe anderen Themen zu.

Ein anderer Gast empört sich über den Medienlärm. Welcher Ort steht unter diesen negativen Vorzeichen gerne im Fokus der Berichterstattung. Die Menschen scheinen von Hansas Schicksal betroffen. Niemand lässt den Fall kalt. Einige wollen nichts sagen, um das Leid der Familie des Opfers nicht zu vergrößern.

„Schock, wenn ein Mandant zum ersten Mal ins Gefängnis kommt“

Andere wiederum beantworten die Fragen der Reporter – ruhig und sachlich, aber bestimmt. Vielleicht liegt es an der oberbayerischen Herzlichkeit, vielleicht haben die Menschen eine Routine im Umgang mit den Medien entwickelt.

Denn die Reporter laufen ihnen seit Wochen über den Weg. Nach der Festnahme des Verdächtigen fühlt sich ein Anwohner wieder etwas sicherer. „Vor allem beim abendlichen Spaziergang“, sagt die Frau mit der Einkaufstüte in der Hand.

Harald Baumgärtl hatte einen langen Prozesstag. Am Telefon berichtete der Verteidiger des Verdächtigen gegenüber FOCUS online, dass er die Akten zunächst genau lesen müsse, um sich ein Urteil über den Sachverhalt bilden zu können.

Er habe oft das Phänomen erlebt, „dass sich eine Art starrer Schock einstellt, wenn ein Klient zum ersten Mal ins Gefängnis muss. Das ist hier nicht anders“, sagt der Jurist.

Beim ersten Besuch habe er mit seinem Mandanten nicht über die Vorwürfe gesprochen, „sondern über alle rechtlichen Möglichkeiten, die es hier gibt“.

Bisher keine belastenden Tatortspuren oder DNA-Spuren zu sehen

Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Antrag auf Haftprüfung beim Amtsgericht, gefolgt von einer Beschwerde beim Amtsgericht, sollten Zweifel an der Beweiskette gegen seinen Mandanten bestehen.

Aber so weit sind wir noch nicht. „Bisher“, gesteht Baumgärtl, „konnte ich keine belastenden Spuren vom Tatort entdecken, auch habe ich keine DNA-Spuren gesehen.“

Das Ergebnis der Hausdurchsuchung bei seinem Mandanten steht noch aus. Bei der Demonstration in der Haft stellte der Haftrichter fest, dass aufgrund des Tippgebers aus dem Umfeld des Angeklagten ein dringender Tatverdacht bestehe.

„Die Polizei wird den Fall umfassend weiter untersuchen, um belastende, aber entlastende Beweise zu sammeln“, ist sich der Anwalt sicher. Sollte es zu einer Anklage kommen, muss eine weitere Frage geklärt werden: War es Mord oder Totschlag? „Am Ende muss die Staatsanwaltschaft beweisen, ob es Anzeichen für einen Mord gab oder nicht.“

Der SOKO Klub arbeitet weiterhin alle Spuren ab

Währenddessen arbeitet der SOKO Klub alle Tracks weiter ab. Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, spricht von rund „400 noch anhängigen Zeugenvernehmungen“.

200 Gäste der Disco wurden bereits befragt, weitere 200 sind noch geplant, dazu kommen etwa 180 aus dem Umfeld des Tatverdächtigen und des Opfers. Auch die im Bach nahe dem Tatort gefundene Holzuhr ist ein wichtiges Beweisstück.

Bisher konnten die Ermittler den Timer nicht dem 20-jährigen Tatverdächtigen zuordnen. Den Worten vom Sonntag ist zu entnehmen, dass die Beweiskette offenbar noch sehr dünn ist.

Deshalb wird auch seitens der Polizei weitgehend über die Person des Verdächtigen bis hin zur Herkunft und den Angaben des Kronzeugen geschwiegen. Das Präsidium betont stets: „Bis zu einer Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.“



Schaltfläche "Zurück zum Anfang"