Deutschland Nachrichten

Mythos Flamengo – der Club aus der Favela greift nach der Krone | Sport | DW


Eigentlich sind es noch fast zwei Stunden bis zum Spielbeginn, doch Katia Ciline Pereira Lima und ihre Familie haben es sich mit ein paar Klappstühlen vor dem legendären Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro bequem gemacht und warten auf Einlass. Gegen den FC Santos, den Klub von Pelé, begann die Karriere von PSG-Star Neymar. Doch Katia Cilines Herz schlägt nur für die „rot-schwarze Nation“, wie sich die Anhänger von Rios Kultklub Flamengo selbst nennen.

„Flamengo bedeutet mir alles. Flamengo ist mein Volk, meine Liebe, meine Leidenschaft. Ich brenne für mein Team. Flamengo ist für mich das Beste auf der Welt“, sagt die 31-jährige Altenpflegerin der DW.

Was es bedeutet, wenn Flamengo das Leben dominiert, wird deutlich, wenn man sich ihren Stundenplan ansieht: Katia lebt in Itaborai, einem Industrievorort von Rio de Janeiro. Es dauert etwa anderthalb Stunden, um zum Stadion zu gelangen, da das Spiel an diesem Abend spät beginnt, wird sie erst gegen 2 Uhr morgens wieder zu Hause sein. „Und morgen muss ich um 5 Uhr wieder arbeiten.“ Katia nimmt die kurze Nacht gerne in Kauf für das Erlebnis, Teil von Flamengo zu sein. Aufgrund der hohen Eintrittspreise muss sie ihren Besuch jedoch auf ausgewählte Spiele beschränken.

Greifen Sie nach Südamerikas Fußballkrone

Am Samstag im Finale der Copa Libertadores im Estadio Monumental in Guayaquil/Ecuador (17 Uhr Ortszeit/22 Uhr MESZ) spielt Flamengo im rein brasilianischen Endspiel gegen Athletico Paranaense aus Curitiba um Südamerikas Fußballkrone.

Die roten und schwarzen Farben des Flamengo sind in Brasilien allgegenwärtig

Fast jeder vierte Brasilianer wird die Daumen drücken, wenn der Klub aus Rio nach 1981 und 2019 nach dem dritten Titel der Copa Libertadores greift. Laut Umfragen hat der Klub in Brasilien rund 45 Millionen Fans und ist damit der beliebteste des Landes. Dahinter kommt Corinthians, der Lokalrivale des Copa-Gewinners von 2020 und 2021 Palmeiras aus Brasiliens größter Stadt Sao Paulo mit rund 32 Millionen Followern.

„Die Klubs aus Sao Paulo und Rio de Janeiro haben die größte Fangemeinde in Brasilien, was auch daran liegt, dass diese Metropolregionen in den letzten Jahrzehnten massiv gewachsen sind“, sagt Fußballhistoriker David Gomes der DW. „Die Popularität ist auch darauf zurückzuführen, dass es eine der erfolgreichsten Zeiten des Vereins war, als das Fernsehen zum Leitmedium in Brasilien wurde [Flamengo, Anm. d. Red.] gab.“

Spieler von Flamengo (rechts) und Palmeiras vor einem Ligaspiel im Maracanã im Jahr 2019

Spieler von Flamengo (rechts) und Palmeiras vor einem Ligaspiel im Maracanã im Jahr 2019

Dann ist da noch Flamengos Heimatstadion Maracanã – eines der berühmtesten Stadien der Welt. „Das Maracanã ist das große Symbol des brasilianischen Fußballs“, erklärt Gomes den Mythos des Stadions, das Ende der 1940er Jahre für die Weltmeisterschaft 1950 gebaut wurde und in dem Flamengo viele Titel gewann.

Club der Armen

Flamengo sei ein Verein, dessen Anhänger überwiegend Arme, Schwarze und die Favela-Bevölkerung seien, erklärt Geschichtsdozent Rubens (45), der sich in der antirassistischen Fanszene engagiert und dessen voller Name aus Gründen der persönlichen Sicherheit nicht genannt wird. Die Identifikation mit den Favela, den Slums in Brasiliens Großstädten, ist so groß, dass das Team auch „Favela-Team“ genannt wird.

Fußballhistoriker David Gomes aus Rio de Janeiro

Fußballhistoriker und Lehrer David Gomes: „90 Prozent der Schüler von Flamenguista“

„Wenn die Gegner uns schlagen, singen sie im Stadion „Silence in the Favela“, sagt Rubens. „Ich bin Lehrer, ich arbeite in der Favela Complexo Alemão und 90 Prozent meiner Schüler sind Flamenguistas.“ Gibt es aber Auch Studenten, die noch nie im Maracanã waren. Ein Besuch dort ist für viele einfach unerschwinglich – vor allem seit der WM 2014, als Deutschland im Maracanã gegen Argentinien den Titel gewann.“ Das Maracanã hat sich zu einem entwickelt Elitestadion wegen der hohen Eintrittspreise“, sagt Rubens.

Ähnlich sieht Salino eine antirassistische Fan-Initiative, die sich dem Gedenken an die vor fünf Jahren ermordete lesbische afro-brasilianische Lokalpolitikerin Marielle Franco verschrieben hat. „Die Bedeutung von Flamengo für die brasilianische Gesellschaft liegt darin, dass der Club heute eine Massenbewegung ist.“ Deshalb ist der Verein so attraktiv für politische Einflussnahme.

Tatsächlich ist Flamengo so etwas wie ein Schmelztiegel der Brasilianer. Inzwischen dominiert im Stadion zunehmend die wirtschaftlich besser gestellte weiße Bevölkerung, auf der Straße sind es die Armen, die schlecht bezahlten Arbeiter, die Flamengo offen unterstützen. Wenn am Samstag das dritte rein brasilianische Copa-Finale in Folge stattfindet, werden sich nicht nur in Rio, sondern in ganz Brasilien Menschenmassen vor Bildschirmen in Bars und Restaurants versammeln. Und die meisten von ihnen hoffen auf ein nächstes erfolgreiches Kapitel in der Geschichte von Flamengo.



Schaltfläche "Zurück zum Anfang"