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Musik gegen die Polizeibande (nd-aktuell.de)


Willkommen im Polizeistaat! Auch die Polizei in Moskau ist jederzeit bereit.

Foto: dpa

Trotz der Kälte versammeln sich die Demonstranten Tag für Tag hinter den Barrikaden auf dem Poshtova-Platz. Und Tag für Tag nimmt der ehemalige Rockstar Josip Rotzky an einem Straßenklavier Platz und spielt »Klassik, Jazz und Prog« gegen die »Polizeibande mit ihren Knüppeln«. Das optimistische Motto der Aufständischen lautet: „Wir stoppen die Todesschwadronen mit einer Musikwand!“ Bis die Panzer eintreffen und der Revolutionsheld am Klavier zum Abschusslisten-Namen wird.

Juri Andruchowytsch, der mit seinen Essays und literarischen Texten zu den wichtigsten intellektuellen Stimmen der Ukraine zählt, wirft in seinem neuesten Roman »Radio Nacht« einen Blick auf die Umbrüche und Kontinuitäten in Osteuropa im 21. Jahrhundert. Erneut verwebt er meisterhaft Motive aus Mystik, Literatur und Popkultur zu einem vielschichtigen Panorama, aus dessen Verwischung die wahren Begebenheiten umso deutlicher hervortreten. Die Beschreibungen erinnern an den Euromaidan in der Ukraine, aber auch an die unterdrückten Proteste in Weißrussland, die Brutalität des Putin-Regimes und die Besetzung ukrainischen Territoriums durch russische Truppen.

Im Zentrum des Romans steht der einzelgängerische Rockmusiker Josip Rotzky. Der Name ist, wie am Anfang des Textes erwähnt, ein „Hybrid“ der Schriftsteller Joseph Roth und Joseph Brodsky und erinnert auch an Leo Trotzki. In jedem Fall verweist der Name auf ein von politischer Verfolgung und Exil geprägtes Schicksal zwischen Ost und West. Rotzkys Geschichte, in der Andruchowytsch das Realistische mit dem eher Unwahrscheinlichen und Phantastischen mischt, führt von Gauklern im 15. Jahrhundert zu den politischen Konstellationen der Gegenwart. Erzählt wird die Geschichte von einem Autor, der im Auftrag des »International Interactive Biographical Committee« in die Fußstapfen Rotzkys tritt. Unterbrochen werden die Schilderungen des Biografen von einer nächtlichen Radiosendung, in der Rotzky selbst aus seinem Leben erzählt, über Gott und den Teufel philosophiert und natürlich die passende Musik spielt. Einen Link zur Playlist finden Sie am Anfang des Buches.

Rotzky ist nicht besonders sympathisch, er ist ziemlich eingebildet und „ein altmodischer, patriarchalischer, melancholischer Sexist“, der trotz seiner revolutionären Ansichten letztlich auffallend passiv und abhängig von seinem Umfeld bleibt. Seine musikalische Laufbahn führt ihn von Band zu Band, von Folk über New Wave und Punk bis hin zu Death Metal und Zen Post-Ambient. Sein Lieblingsinstrument ist immer das Klavier. Als seine Karriere ins Stocken geriet, schlug sich Rotzky als Pianist auf Kreuzfahrtschiffen durch.

Dann kehrt er in seine Heimat zurück, wo es bereits brodelt: Die Politik „schlich sich ins Private und vermischte sich mit dem Alltag“, Demonstranten versammeln sich in der Hauptstadt, um gegen das Regime zu demonstrieren, und Rotzky setzt sich ans Straßenklavier. Nach dem Scheitern der Revolution entkam Rotzky nur knapp den Fängen des Geheimdienstes und landete in der Schweiz, wo er sich als Hotelpianist versuchte.

Als im Hotel ein Gipfeltreffen stattfindet, an dem auch »der vorletzte Diktator Europas«, der über Rotzkys Heimat regiert, teilnehmen soll, hat Rotzky die unerwartete Chance, mit einem Attentat zum Revolutionshelden zu werden. Die offizielle Ankündigung des Gipfeltreffens ist nur eines von vielen Beispielen für Andruchowytschs bissigen politischen Humor: Der Gipfel soll „ein hoffentlich freundschaftliches Arbeitstreffen zwischen unseren Verfechtern des demokratischen Dialogs und dem vorletzten Diktator der Östlichen Partnerschaft werden ( …) für Frieden, Sicherheit, Stabilität und Wachstum, für den ungestörten Waren- und Kapitalfluss, den garantierten Transit von Energieträgern«.

Auch wenn das Attentat nicht nach Plan verläuft, läutet es doch das Ende des »vorletzten Diktators« ein. Doch in Rotzkys Heimatland änderte sich wenig, die Strukturen des Regimes waren stark und es wurde reformiert. Als Rotzkys Biograf einige Jahre später die Bürger nach der Revolution befragte, wollte sich niemand daran erinnern, niemand wollte etwas damit zu tun gehabt haben. Kein Wunder, denn: „Eine solche Staatsmacht verdirbt die Menschen noch schneller als sie selbst“, wie der Erzähler feststellt.

Rotzky flieht nach Nashorn, einer ungewöhnlichen Stadt in den Karpaten, die ein „freundliches, postliberales Image“ pflegt und zum Zufluchtsort für viele wird, die wie Rotzky zur Emigration gezwungen wurden. Er bezieht eine Wohnung über dem Club „Xata morgana“, wo er bald jeden Donnerstag Musik auflegt und neue Verbündete findet – zum Beispiel den zweihundertjährigen Raben Edgar und den Clubbesitzer Meph, der über nützliche Kontakte in die Unterwelt verfügt . Rotzky kann durchatmen – bis ihn die Diener des Regimes erneut aufspüren und eine abenteuerliche Odyssee durch Europa beginnt.

Wie immer in seinen Romanen präsentiert Andruchowytsch auch in »Radio Nacht« einen höchst anspruchsvollen literarischen Genre-Mix, in dem Märchen ebenso vorkommen wie Komödien. Es finden sich Anklänge an die Popliteratur ebenso wie Anspielungen auf Klassiker der Weltliteratur. Rotzky’s Story ist ein fantastisches, unterhaltsames Spiel, das einen den politischen Ernst des Ganzen nie vergessen lässt. In diesem außergewöhnlichen Roman steckt der vergebliche, aber unerschütterliche Glaube, dass Musik etwas verändern kann und stärker ist als Polizeiknüppel und Panzer.

Juri Andruchowytsch: Radionacht. Anzeige Ukraine. v. Sabine Stöhr, Suhrkamp, ​​​​472 S., geb., 26 €.



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