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Wirtschaft und Börse

Mit den Waffen der Schrumpfung (nd-aktuell.de)


Einige Lebensmittel haben versteckte Preise.

Foto: Imago/Stephan Schulz

Alles wird teurer. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, die es der Lebensmittelindustrie erlaubt, den Preis von Gummibärchen, Frischkäse oder Erdbeermarmelade zu erhöhen, ohne dass der Käufer es gleich merkt: Die Hersteller lassen den Verkaufspreis gleich, reduzieren aber den Inhalt. Die Verbraucherzentrale Hamburg sammelt solche versteckten Preiserhöhungen, im Fachjargon „Shrinkflation“ genannt, in einer immer länger werdenden Liste von irreführenden Verpackungen. „Seit Jahren beobachten wir eine Betrugsmasche im Handel und bei Herstellern von Lebensmitteln und anderen Produkten“, erklärt ein Sprecher der Verbraucherzentrale. „Wir nennen sie: weniger drin, Preis gleich.“

Dahinter steckt die Annahme von Marketingexperten, dass sich Kunden in erster Linie an den Preis eines Produktes gewöhnen. Anstatt sie mit einer nominellen Preiserhöhung vom Kauf abzuhalten, wird dies verschleiert. Als Folge beklagen Umweltverbände, es werde noch mehr Verpackungsmüll produziert.

Doch die Lebensmittelbranche hat es derzeit nicht leicht. Produziert werden rund 170.000 Artikel aus den unterschiedlichsten Segmenten, von Fleisch- und Wurstwaren über Molkereiprodukte bis hin zu Fertigprodukten. Dazu bedarf es einer ebenso breiten Palette an Rohstoffen: Fleisch, Fisch und Milch, Getreide, Gemüse und Obst, Ölsaaten, Zuckerrüben, Eier und viele weitere Produkte. Hinzu kommen Zusatzstoffe wie Vitamine, Probiotika wie Milchsäurebakterien oder Aromen. Nur ein Teil der Rohstoffe und Zulieferprodukte kann aus heimischen Quellen – zumindest in ausreichenden Mengen – bezogen werden. „Insgesamt werden rund 25 Prozent der Rohstoffe vor allem aus Europa und Asien importiert“, schreiben Analysten der Nord/LB in einer Studie. Auch Verpackungsmaterial, Flaschen, Folien, Dosen und Tuben werden massenweise benötigt.

Das Geschäft wird in Krisenzeiten nicht einfacher. Der Krieg in der Ukraine hat beispielsweise die Weltmarktversorgung mit Getreide und Sonnenblumen eingeschränkt. Auch Exportverbote aus Ländern wie Russland und Indien wirken bremsend. Auch fehlende Transportkapazitäten führen zu Lieferengpässen. Die Experten führen diese auf Chinas Null-Covid-Strategie, westliche Sanktionen, die russische Fluggesellschaften vom Luftverkehr ausschließen, und einen Mangel an Lkw-Fahrern zurück. Höhere Betriebskosten für Kraftstoff kommen zu dem Problem hinzu.

Doch damit nicht genug: Auch die Lebensmittelindustrie ist besonders energieintensiv und macht rund sechs Prozent des gesamten Energieverbrauchs der deutschen Industrie aus. Einige sehr energieintensive Zulieferprodukte werden importiert. Beispielsweise liefert die Ukraine viele Glasflaschen für Abfüllanlagen. Beim Erdgas ist die Lebensmittelindustrie nach der chemischen Industrie der zweitgrößte Verbraucher. Beispielsweise benötigen Fleischwarenhersteller und Getränkehersteller spezielle Gase, die aus Erdgas hergestellt werden.

Die Industrie versucht, steigende Kosten an die Kunden weiterzugeben. Doch die Verbraucher hierzulande galten in der Branche schon immer als „preisbewusst“. Der Anteil von Lebensmitteln an den Konsumausgaben lag zuletzt bei nur zwölf Prozent. Nur Iren und Luxemburger gaben noch weniger in der EU aus. „Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass der Preis in der aktuellen Situation als Entscheidungsfaktor von noch größerer Bedeutung ist“, so das Fazit der Nord/LB-Experten.

Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK reagieren die Verbraucher „schrittweise“: Zunächst wechseln sie von (teuren) Herstellermarken zu hochwertigen Handelsmarken und bei weiter steigenden Preisen möglicherweise auch zu (billigen) Discountmarken . Markenartikler versuchen dieser Entwicklung mit häufigeren Aktionsangeboten entgegenzuwirken. Und sie versuchen, ihre Verkaufspreise für Einzelhändler zu erhöhen. Allerdings lässt der stark konzentrierte Lebensmitteleinzelhandel – die vier größten machen drei Viertel des Umsatzes – die Muskeln spielen.

Im Streit zwischen Edeka und Coca-Cola um Einkaufspreise verlor Deutschlands größter Lebensmittelhändler zuletzt. Zuvor hatte der Getränkehersteller die Belieferung des Lebensmitteleinzelhandels eingestellt, weil Edeka Preisforderungen des Brausenherstellers zurückgewiesen hatte. Laut Edeka hat Coca-Cola mit seiner Preisstrategie seine marktbeherrschende Stellung missbraucht. Sie befinden sich seit Monaten in harten Verhandlungen mit der Markenartikelindustrie und prüfen jede Preiserhöhung genau. Das Ergebnis: Viele der gestellten Forderungen basieren nicht auf realen Kostensteigerungen. Stattdessen wird der Verweis auf die allgemeine Inflation als willkommenes Argument herangezogen, um die eigene Gewinnspanne weiter zu verbessern. Das Landgericht Hamburg hat in seinem Urteil Ende September die Forderung von Edeka nach einem Lieferstopp-Verbot zurückgewiesen. Das Handelsunternehmen hat nicht hinreichend glaubhaft gemacht, dass die von Coca-Cola verlangten Preise wesentlich von denen abweichen, die sich bei wirksamem Wettbewerb voraussichtlich ergeben würden.



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