Politische Nachrichten

Mexiko: Anatomie der Macht (nd-aktuell.de)


Mexikos Präsident mit Verteidigungs- (links) und Marineministern (rechts) bei einer Militärparade

Foto: imago/ZUMA Wire

Ein historisches Datenleck offenbart tiefe Einblicke in das Innenleben des mexikanischen Militärs. Der Journalist Carlos Loret de Mola bezeichnet es sogar als »Radiographie der Macht«. Eine aktivistische Hackergruppe erbeutete sechs Terabyte an Daten, die den Zeitraum von 2016 bis September 2022 abdecken. Darunter sind Millionen von E-Mails, vertrauliche Dokumente, Berichte über verfolgte Personen, detaillierte Kenntnisse über Akteure der organisierten Kriminalität. Pikant: Darunter sind nicht nur E-Mails der Bundeswehr; Es erscheinen auch Mails, die an ausländische Regierungen und Botschaften anderer Länder adressiert sind.

Das bisher größte Datenleck in der mexikanischen Geschichte enthüllt ernsthafte Cybersicherheitsprobleme im mexikanischen Verteidigungsministerium (Sedena) und zeichnet ein hässliches Bild davon, wie leicht Hacker heute die nationale Sicherheit bedrohen können. Nicht nur Mexiko ist betroffen, auch die Streitkräfte von Chile, Peru, El Salvador und Kolumbien wurden gehackt. Der Umfang der geleakten Dokumente ist so enorm, dass der Umfang wohl erst in den kommenden Wochen und Monaten wirklich deutlich werden wird. Aufgrund der Brisanz der Dokumente ist das Material nur bestimmten Redakteuren und Journalisten zugänglich. Der Cybersicherheitsexperte Alberto Escorcia sagte kürzlich gegenüber der BBC, dass die Informationen einen „Zusammenbruch von Institutionen“ verursachen könnten.

Hinter dem großangelegten Angriff steckt eine Hackergruppe, die sich »Guacamaya« nennt. Die Guacamayas, benannt nach einem farbenfrohen mittelamerikanischen Vogel, nutzten eine Sicherheitslücke im Mailprogramm aus. Die Nachlässigkeit der Bundeswehr bei der IT-Sicherheit zahlte sich für die Hacker aus, denn einfacher hätte es nicht sein können: Die Bundeswehr beließ elf Monate lang ein Sicherheitsupdate für die „Exchange“-Software. Der Hersteller Microsoft mahnte damals eindringlich, den Patch zu installieren – was offenbar niemanden interessierte.

In Mexiko hat die Presse bereits eine Bombe platzen lassen. Immerhin ist sie selbst betroffen – denn ein alter Skandal der Vorgängerregierung holt die aktuelle ein. Dokumente aus den Guacamaya-Leaks zeigen deutlich, dass die derzeitige Regierung in Mexiko Medienschaffende und Menschenrechtsaktivisten ausspioniert. Und dies trotz der ausdrücklichen und wiederholten Betonung des Präsidenten, dass dies kalter Kaffee von der alten Regierung sei. Bisher ist die Überwachung der Telefone von mindestens zwei Journalisten und einem Menschenrechtsverteidiger bekannt geworden. Auch das Handy des Oppositionspolitikers Agustín Basave Alanís war nachweislich infiziert. Die Guacamaya-Leaks zeigen, dass das Verteidigungsministerium entgegen der Behauptung des Präsidenten Verträge mit der zwischengeschalteten Firma Antsua hat. Sie vertritt die israelische NSO Group, die ihrerseits die Spyware Pegasus vertreibt.

Es ist nicht der erste Coup des Hacker-Kollektivs: Laut der Plattform DdoSecrets.com haben die Guacamayas bereits im August mehr als ein Terabyte an Daten von Bergbau- und Ölkonzernen in Brasilien, Kolumbien, Chile, Ecuador, Guatemala und Venezuela gestohlen Jahr. Das erste betroffene Land war Chile. Am 19. September tauchte die Meldung auf: Rund 400.000 E-Mails von Stabschefs der chilenischen Streitkräfte seien gehackt worden. Chiles Verteidigungsministerin Maya Fernández Allende beendete umgehend ihren Aufenthalt in den USA und bildete einen Krisenstab. Eine der ersten Folgen war der Rücktritt des Stabschefs Guillermo Paiva drei Tage nach Bekanntwerden der Schwachstelle.

In Mexiko zirpen derweil politische Grillen. Der Politologe und freie Journalist Témoris Grecko betont, dass der Chef des Verteidigungsministeriums (Sedena), Luis Cresencio Sandoval, längst hätte zurücktreten müssen. Stattdessen passiert das, was normalerweise in Mexiko passiert: nichts. Allein die bisherigen Enthüllungen sind alarmierend. Durchgesickerte Dokumente zeigen, dass Angehörige des Militärs auf organisierte Weise Waffen an Kriminelle verkauften.

So geschah es im Mai 2019 in Mexiko-Stadt. Ein Soldat stand in Kontakt mit einer kriminellen Bande, um Waffen zu verkaufen, darunter Granaten für jeweils 26.000 Pesos (rund 1.300 Euro). Laut Sedena-Berichten landeten acht von ihnen in den Händen von Kriminellen. Zudem sollen Informationen über geplante Einsätze der Streitkräfte an eine im Bundesstaat Mexiko ansässige Zelle der organisierten Kriminalität verkauft worden sein. Präsident Andrés Manuel López Obrador versucht derweil, den Spielraum herunterzuspielen. Das Durchsickern der Informationen sei „keine Neuigkeit“, und unter den Dokumenten sei nichts Neues zu finden.

Bewegungsprofile relevanter Drogenbarone, Wohnorte, abgehörte Telefonate: All das findet sich auch unter den vielen als geheim eingestuften Militärberichten. Die Guacamaya-Leaks zeichnen ein Bild vom Innenleben eines politischen Systems, in dem das Militär zwar immer mehr an Macht gewinnt, aber offenbar wenig damit zu tun hat – zumindest gegen die organisierte Kriminalität. Davor warnten die Vereinten Nationen Mexiko immer wieder. Ohne Erfolg.



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