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Lithium für Batterien: Der Traum vom sauberen Auto



Exklusiv

Stand: 24.11.2022 17:00 Uhr

Elektroantriebe statt Verbrennungsmotoren – so sollen Autos sauber werden. BMW gibt an, Lithium für Batterien von einem nachhaltigen Hersteller zu beziehen. Noch NDR-Die Forschung lässt daran Zweifel aufkommen.

Von Lutz Ackermann, Stefan Borghardt, Sebastian Friedrich, Lisa Hagen, Nadia Kailouli, Simon Zamora Martin und Salome Zadegan, NDR

Lithium gilt als das weiße Gold der Energiewende. Vor allem das Bedürfnis der Automobilindustrie nach E-Mobilität lässt die Nachfrage nach dem Alkalimetall explodieren. Der Preis für Lithiumcarbonat ist in den letzten zwei Jahren um das Fünfzehnfache gestiegen.

Eines der größten Vorkommen befindet sich in Südamerika, wo Lithium aus Salzseen gewonnen wird. Autobauer BMW bezieht Lithium nach eigenen Angaben direkt von einem besonders nachhaltigen Hersteller: Livent. Im März 2021 unterzeichnete BMW einen Vertrag über 285 Millionen Euro mit dem US-Konzern, der am Salar del Hombre Muerto, einem Salzsee in Argentinien, Lithium abbaut.

„Besonders nachhaltig“

In einer Pressemitteilung behauptet BMW, dass das Verfahren von Livent im Vergleich zum konventionellen Lithiumabbau im Länderdreieck zwischen Argentinien, Bolivien und Chile „besonders nachhaltig“ sei. Livent verwendet „ein innovatives Verfahren, das eine nachhaltige Wassernutzung sicherstellt und die Auswirkungen auf lokale Ökosysteme und Gemeinschaften minimiert“.

Tatsächlich klingt Livents Vorgehen zunächst vorbildlich. Die meisten Lithiumminen in Südamerika verdampfen lithiumhaltiges Salzwasser mit Chemikalien, bis das Lithium zurückbleibt. Stattdessen nutzt Livent das „Direct Lithium Extraction“-Verfahren, bei dem das Salzwasser direkt in eine Aufbereitungsanlage gepumpt wird, wo das Lithium durch chemische Prozesse extrahiert wird. Ein Vorteil des Verfahrens: Anders als beim Verdunstungsprozess beispielsweise in der Atacama-Wüste von Chile müssen nicht unzählige Verdunstungsbecken geschaffen werden. Der Flächenverbrauch ist daher bei der direkten Methode, wie sie von Livent verwendet wird, geringer.

Hoher Frischwasserverbrauch

Allerdings ist das direkte Verfahren im Hinblick auf den Frischwasserverbrauch weniger nachhaltig als das herkömmliche Verdunstungsverfahren. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von ARD-Zeitschrift Panorama und das Online-Format STRG_F. Laut den Jahres- und Umweltverträglichkeitsberichten des Unternehmens verbraucht Livent fast 900 Liter Frischwasser, um ein Kilogramm Lithium zu produzieren. Das ist mehr als das Fünffache der Frischwassermenge, die bei der Verdunstungsmethode in den Atacama-Salzebenen in Chile verbraucht wird. Das chilenische Unternehmen SQM benötigt dort nach Angaben seines Nachhaltigkeitsberichts und eines eigenen Online-Monitorings 173 Liter Frischwasser pro Kilogramm.

BMW entgegnet, die Projekte seien nicht vergleichbar. Der Hombre Muerto Salt Lake, wo Livent Lithium abbaut, hat mehr Niederschlag und verfügbare Wasserressourcen als der Atacama Salt Lake. Laut dem Aqueduct Water Risk Atlas des World Resources Institute befindet sich die Livent-Mine tatsächlich in einer Region mit geringem Wasserrisiko – der niedrigsten Kategorie. Das verwundert zunächst, denn das wüstenähnliche Gebiet gilt als sehr trockene Region. Tatsächlich betrachtet der Risikoatlas die Wasserressourcen im Verhältnis zu den Wassernutzern, beispielsweise basierend auf der Bevölkerungsdichte. Entsprechend haben auch Teile der libyschen Wüste die niedrigste Kategorie. Ostfriesland gilt dagegen als riskanter.

Román Guitian, Sprecher der indigenen Gemeinschaft „Atacameños del Altiplano“, kritisiert Livents Frischwasserverbrauch in der Region. Livent hatte bereits in den 1990er Jahren einen Damm an einem Fluss zur Lithiumproduktion gebaut, der dann unterhalb des Damms versiegte. Das hat zum Beispiel verheerende Folgen für die lokale Viehwirtschaft. Guitian befürchtet, dass bei steigender Lithiumnachfrage sogar der größte Fluss der Region austrocknen könnte.

Für die Batterie eines Elektro-SUV werden mehrere Kilogramm Lithium benötigt, für den BMW iX M60 beispielsweise sogar rund zehn Kilogramm. Wenn das Lithium komplett von Livent käme, wären das fast 9.000 Liter Frischwasser.

Sorgen Sie sich um den Grundwasserspiegel

Wichtig für die Trockenregion ist der Grundwasserspiegel, für den der Umgang mit dem Salzwasser unter den Salzseen eine Rolle spielt. BMW hebt den diesbezüglichen Ansatz von Livent positiv hervor. Tatsächlich wird beim herkömmlichen Verdunstungsverfahren das Salzwasser, auch Sole genannt, aus dem Untergrund der Salzseen gepumpt, bevor es in große Verdunstungsbecken geleitet wird. Das Problem dabei ist, dass verschiedenen Studien zufolge nicht nur der Pegel des unterirdischen Salzsees durch den Verbrauch oder die Verdunstung großer Solemengen sinken kann, sondern auch das Grundwasser am Rand der Salzseen.

Mit dem von Livent angewandten Verfahren kann die aufbereitete Sole wieder in den unterirdischen Salzsee gepresst werden. Dadurch kann ein Absinken des Seespiegels und des Grundwassers in der Umgebung verhindert werden. BMW behauptet, dass „der größte Teil der verwendeten Sole“ nicht verdunstet. Das wäre ein plausibles Vorgehen, wenn es so umgesetzt würde.

Doch ob das Verfahren so umgesetzt wird, ist fraglich. In Livents eigenen Umweltberichten findet sich beispielsweise keine Erwähnung der Rückführung der verbleibenden Sole in den Untergrund. Was aber in den Berichten zu lesen ist: Laut Livent wird nach Neutralisierung des pH-Wertes die Restsole in einen künstlichen See am Salar del Hombre Muerto geleitet.

Zweifel an der Umsetzung

Broder Merkel, Professor für Hydrogeologie an der Bergakademie Freiberg, sieht nur zwei Möglichkeiten, was mit der Restsole passiert: „Die Restsole wird entweder zurück in die Sole gepumpt oder sie wird zum Salar geleitet, wo sie verdunstet.“ Merkel geht auf Grund NDR-Die Forschung geht davon aus, dass letzteres der Fall ist. Entgegen den Aussagen von BMW sieht er daher keinen positiven Effekt in Bezug auf den Solespiegel. BMW und Livent gingen NDR-Anfragen, was mit der eingesetzten Sole passiert, bleiben unbeantwortet.

BMW betont, dass es seine Verantwortung im Rahmen von Umwelt- und Sozialstandards bei der Lithiumbeschaffung sehr ernst nimmt. Die Gruppe verweist auf in Auftrag gegebene wissenschaftliche Studien zum Lithiumabbau in Chile und Argentinien. Konkrete Fragen zur Demontage durch Livent beantwortete BMW nicht. Darin heißt es auf Nachfrage: „Wir verpflichten alle unsere Lieferanten zur Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards, Menschenrechten und dem Einsatz von Managementsystemen für Arbeitssicherheit und Umweltschutz. So auch bei unserem Lieferanten Livent.“ Livent beantwortete auch keine Fragen zum Produktionsprozess und zur Nachhaltigkeit.

Bis 2040 könnte sich die weltweite Nachfrage nach Lithium im Vergleich zu heute mehr als verzehnfachen. Die ökologischen Folgen des Bergbaus für die Ökosysteme in den Abbaugebieten sind nicht absehbar.

Darüber berichtet Panorama heute um 22:20 Uhr im Ersten

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