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Leben und Tod des Hans von Dohnanyi (nd-aktuell.de)


Die Büste des Rechtsanwalts Hans von Dohnanyi erinnert an seinen Widerstand gegen die Nazis und seine Ermordung im KZ Sachsenhausen.

Foto: dpa/Soeren Stache

Am 22. April 1945 befreiten sowjetische und polnische Soldaten 3.000 kranke Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen. Für den kranken Hans von Dohnanyi, der zum Kreis der Verschwörer des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 gehörte, kam diese Rettung 14 Tage zu spät. In der Kommandantur Sachsenhausen verurteilte ihn ein Standgericht zum Tode. Der Angeklagte lag auf einer Trage, nachdem er misshandelt und mit Diphtherie infiziert worden war. Er hatte keinen Verteidiger an seiner Seite. Fraglich ist, ob der mit Beruhigungsmitteln betäubte Dohnanyi etwas von dem Vorgang mitbekommen hat. Fakt ist: Ein Standgericht der SS war für ihn nicht zuständig, es hätte nach amtlichen Vorschriften ohnehin nur für einen Akutfall tagen dürfen. Allerdings bezogen sich die Vorwürfe gegen Dohnanyi auf Tatsachen, die mehr als ein Jahr zurückliegen.

Aber all das interessierte Adolf Hitler nicht. Bevor er sich das Leben nahm, wollte er die Männer, die versucht hatten, den Nazi-Verbrechen ein Ende zu bereiten, schneller töten. Das Standgericht, sofern es überhaupt stattfand, wie die Täter später behaupteten, diente nur dazu, den Mord an Dohnanyi als legale Hinrichtung darzustellen. So beschreibt es Christoph U. Schminck-Gustavus in seinem Buch »Der Tod auf dem steilen Berg«. Es ist den Prozessen gegen Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen und gegen Dietrich Bonhoeffer und andere im KZ Flossenbürg und den späteren Prozessen gegen ihre Mörder in der Bundesrepublik gewidmet. Diese endeten mit Freisprüchen oder leichten Strafen, die Verurteilten wurden vorzeitig aus der Haft entlassen.

Die Todesstrafe wurde 1949 in Westdeutschland abgeschafft – nicht zuletzt um Kriegsverbrecher davor zu schützen. Hans von Dohnanyi musste jedoch sterben. Seine Henker ermordeten ihn ungeachtet seiner Gesundheit. Im Hinrichtungsgraben, der heute in der Gedenkstätte Sachsenhausen besichtigt werden kann, wurde Dohnanyi an einem Strick von seiner Trage gezogen und erdrosselt. In einer ehemaligen Kaserne im Krankenbau erinnert eine Dauerausstellung an sein Schicksal.

Hans von Dohnanyi, dessen Sohn Klaus von 1981 bis 1988 Bürgermeister der Hansestadt Hamburg war, wurde im April 1943, also deutlich vor dem 20. Juli 1944, verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, die Flucht von Juden in die Schweiz veranlasst zu haben. Der Jurist im Dienst des Amtes für Auswärtiges/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht verteidigte sich jedoch geschickt, dass die Juden für Hitlerdeutschland im Ausland spionieren sollen. Doch dann wurden in Zossen in einem Tresor Dokumente gefunden, die ihn schwer belasteten. Eigentlich hätten die Unterlagen vernichtet werden sollen. Aber sie blieben erhalten, weil sie der Geschichtsschreibung beweisen sollten, dass der militärische Widerstand schon 1938 und 1939 zuschlagen wollte und nicht erst 1944, als die deutsche Niederlage deutlich wurde.

Autor Schminck-Gustavus dokumentiert und kommentiert die skandalösen Urteile der 1950er Jahre gegen SS-Standartenführer Walter Huppenkothen, der den Ankläger am Schmierentheater in Sachsenhausen und Flossenbürg spielte, und SS-Sturmbannführer Otto Thorbeck, der den fleißigen Richter im vermeintlich ordentlichen Gericht spielte -kriegerischer Prozess in Flossenbürg. Dass es irgendwie Vaterlandsverrat und damit richtig war, die Aufständischen gegen Hitlers Terrorregime zum Tode verurteilt zu haben – diese Einschätzung der nationalsozialistisch durchsetzten deutschen Nachkriegsjustiz verwundert nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr. Es ist immer noch schockierend, dies im Detail zu lesen. Huppenkothen lebte bis 1979, Thorbeck bis 1976, was ihren Opfern nicht vergönnt war. Erst 1998 wurde ein Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Fehlurteile erlassen.

In einem Nachwort schildert Schminck-Gustavus seine Besuche in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zum 50., 60. und 70. Jahrestag der Ermordung von Hans von Dohnanyis Schwager Dietrich Bonhoeffer. Zum 50. Jahrestag traf er dort Uwe, den erstgeborenen Sohn des SS-Richters Otto Thorbeck, der „Gerechtigkeit“ für seinen Vater forderte, der „nichts anderes hätte tun können“.

Zum 70. Jahrestag lernte er seinen Bruder Hartmut kennen. »Ich kannte Hartmut Thorbeck bereits aus einer Fernsehdokumentation, in der er über sein schmerzhaftes Aufwachsen als Sohn eines SS-Oberrichters und über die Auseinandersetzungen mit seinem Vater sprach, der sich nie von seiner NS-Vergangenheit distanzierte, geschweige denn Reue zeigte oder machte eine Bitte um Vergebung.“

Schließlich beschreibt der Autor, der Rechtshistoriker ist und sich bisher an die Fakten gehalten hat, sehr poetisch eine Erscheinung. Nachts in Flossenbürg sieht er: Eine Menschenmenge mit Kerzen zum Gedenken an die Opfer drängt zwei Männer in grauen Anzügen in eine Arrestzelle. Schminck-Gustavus öffnet diese Zelle morgens. Sie ist leer.

Christoph U. Schminck-Gustavus: Tod am steilen Berg. Die „Kriegsrechtsprozesse“ gegen Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi und der Freispruch ihrer Mörder. Donat-Verlag, 384 S., gebunden, 29,80 €.



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