Deutschland Nachrichten

Kurdische Ziele in Nordsyrien: Türkische Luftangriffe gehen offenbar weiter


Stand: 24.11.2022 19:01 Uhr

Aktivisten berichten von weiteren türkischen Luftangriffen auf kurdische Stellungen in Nordsyrien. Mehrere Dörfer sollen beschossen worden sein. Die USA drängen auf eine sofortige Deeskalation.

Die Türkei hat den fünften Tag in Folge kurdische Ziele in Nordsyrien angegriffen, sagen Aktivisten. Streitkräfte aus Ankara hätten auf mehrere Dörfer geschossen und ein Gebiet mit einer Drohne angegriffen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Ein Militärstützpunkt der syrischen Regierungstruppen in der Nähe von Kobane soll bombardiert worden sein.

Die Türkei fliegt seit Tagen Luftangriffe gegen kurdische Milizen in Nordsyrien und im Nordirak. Dutzende Menschen wurden getötet. Die Türkei geht nach eigenen Angaben nur gegen Stellungen der syrischen Kurdenmiliz YPG vor und nennt ihre Angriffe „Vergeltung“ für einen Anschlag am 13. November in Istanbul, bei dem sechs Menschen ums Leben kamen.

Vereinigten Staaten zutiefst besorgt

Die USA unterstützten die kurdische Miliz YPG in Nordsyrien im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS), dessen Zellen immer noch im Land aktiv sind. Die Regierung in Washington forderte eine sofortige Deeskalation. Der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price, sagte, man sei „zutiefst besorgt“ über die jüngsten Militäraktionen, die die Region destabilisieren. Sie bedrohten das gemeinsame Ziel, den IS zu bekämpfen.

Sie gefährdeten auch Zivilisten und in der Region stationierte US-Soldaten. „Wir verstehen, dass die Türkei berechtigte Sicherheitsbedenken wegen Terrorismus hat“, sagte Price. Gleichzeitig haben die USA wiederholt ernsthafte Besorgnis über die Auswirkungen der Eskalation in Syrien geäußert.

Telefonat mit dem russischen Verteidigungsminister

Unterdessen telefonierten die Verteidigungsminister Russlands und der Türkei erstmals seit den türkischen Angriffen auf Ziele in Syrien und im Irak. Die türkische Seite erklärte mit Blick auf Syrien, sie sei entschlossen, weiter gegen „terroristische Bedrohungen“ vorzugehen.

Russland unterstützt Präsident Bashar al-Assad im Krieg in Syrien, die Türkei unterstützt Rebellengruppen. Das russische Verteidigungsministerium unter Minister Sergej Schoigu bestätigte den Aufruf.

Erdogan droht mit Bodenoffensive

Nach eigenen Angaben hat die Türkei seit Sonntag Hunderte von Zielen angegriffen und insgesamt 254 Terroristen „neutralisiert“. Unterdessen schürt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan weiterhin die Besorgnis über eine Bodenoffensive. Damit hatte er in den vergangenen Tagen mehrfach gedroht. Erdogan sagte: „Bis die terroristische Bedrohung unseres Landes vollständig endet, werden wir unseren Kampf innerhalb und außerhalb unserer Grenzen ununterbrochen fortsetzen.“

Hurcan Asli Aksoy vom Zentrum für Türkeistudien (CATS) in Berlin geht davon aus, dass auch Erdogan die Truppen schicken wird: „Wenn er es ankündigt, wird es wahrscheinlich passieren.“ Wenn die Türkei mit Bodentruppen in Syrien einmarschiert, werde es wahrscheinlich vor allem Kobane treffen, sagte Aksoy.

Die Region war bisher fest in der Hand der von der YPG geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF). Hier müsste die Türkei auf den geringsten Widerstand aus Russland, den USA und dem Iran gefasst sein. Laut Aksoy ist Russland in der Ukraine beschäftigt. „Und die USA warten offenbar darauf, dass Ankara Schweden und Finnland in die Nato winkt.“ Das blockierte das Nato-Mitglied bislang unter anderem mit dem Hinweis auf seine angebliche Unterstützung der YPG.

Berichte über türkische Luftangriffe auf das berüchtigte Flüchtlingslager Al-Hol und ein Gefängnis in Al-Kamischli haben in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt. Beide beherbergen IS-Anhänger.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben bei dem Angriff auf das Lager acht Wachen. Die Menschen hätten versucht zu fliehen. Die SDF warnten, dies würde den Kampf gegen den IS gefährden. Die Hintergründe der Anschläge waren zunächst unklar. Die Türkei besetzt bereits nach vier vorangegangenen Militäroffensiven Grenzgebiete im Norden Syriens. Ankara unterhält seit 2016 mehrere Militärbasen im Irak.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"