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Kurden und die WM: kein eigenes Land, kein eigenes Team


Stand: 25.11.2022 11:40 Uhr

Es gibt keine kurdische Nationalmannschaft, weil es keinen kurdischen Staat gibt. Wen also feuern die kurdischen Fans bei der WM an? Tilo Spanhel besuchte den irakischen Erbil Sports Club.

Von Tilo Spanhel, ARD Studio Kairo

Die Jugendlichen des Erbil Sports Club trainieren auf dem Fußballplatz neben der Hauptstraße. Ali Geywan ist einer von etwa 20 Spielern, die heute zum Training erschienen sind. „Natürlich macht es mir Spaß, hier im Stadion vor Zuschauern zu gewinnen“, sagt er. „Aber es ist auch toll, mit seinen Freunden an einem ruhigen Ort zu spielen – ich liebe Fußball einfach.“

Tilo Spanhel
ARD-Studio Kairo

Der 22-Jährige spielt in der Abwehr. Seit seiner Kindheit trainiert er, um eines Tages zu den Profis zu gehören. Und erhalten Sie die Chance, für einen der großen europäischen Klubs zu spielen. „Ich habe so viele Träume – auch im Fußball. Aber die werde ich hier nicht verwirklichen können.“

Verein versteht sich als kurdisch

Der Fußballverein, in dem Geywan spielt, hat eine lange Tradition: Der Erbil Sports Club wurde 1968 gegründet, vor mehr als 50 Jahren. 1992 zog der Verein dann in das neu erbaute Stadion neben der Hauptstraße – fast 25.000 Zuschauer finden hier Platz. Und obwohl der Klub in der ersten irakischen Liga spielt, auf irakischem Territorium beheimatet ist und mehrere irakische Meisterschaften gewonnen hat, versteht sich der Erbil Sports Club eindeutig als kurdisch.

„Es ist unser Traum, dass Kurdistan eines Tages ein eigenes Land wird“, erklärt der Trainer der Mannschaft. „Und wir hoffen, dass dieser Traum Wirklichkeit wird.“

Im Irak ist der Erbil Sports Club eine große Sache. Er ist der erste irakische Klub, der Spieler aus dem Ausland kauft. Und er war der erste Klub des Landes, der sich für die asiatische Champions League und die arabische Champions League qualifizierte.

„Niemand wird dich hier entdecken“

Doch Glanz und Glamour großer europäischer Klubs wie Bayern München, Real Madrid oder Liverpool findet man nicht auf der Hauptstraße in Erbil. Geywan, der 22-jährige Verteidiger, will unbedingt so schnell wie möglich weg von hier. „Hier wird dich niemand entdecken“, sagt er. „Und du wirst auch nicht berühmt. Du musst nach Europa gehen, um dir einen Namen zu machen.“

Was ihn länger halten würde, wäre eine offizielle kurdische Nationalmannschaft. Aber das gibt es nicht. Es gibt auch keinen kurdischen Staat.

Trotzdem lässt sich der 22-Jährige die WM nicht entgehen – auch wenn er sich ein anderes Land, eine andere Mannschaft zum Anfeuern aussuchen müsste. „Ich unterstütze dieses Jahr Brasilien. Sie spielen einfach großartig!

Kein eigenes Land, kein eigenes Team: Kurden und die WM

Tilo Spanhel, ARD Kairo, 25.11.2022 10:26 Uhr

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