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Kommentar zum Ruhestand – Es kommt auch auf den Arbeitgeber an


Gut die Hälfte aller pensionsberechtigten Arbeitnehmer nutzt die Möglichkeit, früher in Rente zu gehen (Symbolbild) (Picture Alliance / dpa / Monika Skolimowska)

Nun rächen sich wohl viele in der öffentlichen Debatte dafür, dass es die SPD war, die mit 63 Jahren die Rente durchgesetzt hat. Die Worte des Bundeskanzlers gelten den Kritikern als spätes Eingeständnis.

Mehr als ein Viertel aller Neurentner nutzt die Möglichkeit, ohne Abschläge in den Ruhestand zu gehen. Das ist offenbar nicht vereinbar mit einem Arbeitsmarkt, auf dem fast überall händeringend nach Fachkräften gesucht wird.

Dabei wird oft vergessen, dass nur derjenige ohne Abschläge in den Ruhestand gehen kann, der 45 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat, also spätestens mit 18 Jahren ins Berufsleben eingetreten ist und dieses weitgehend ununterbrochen bis zum Rentenalter fortgeführt hat.

Wie sind die Arbeitsbedingungen für ältere Arbeitnehmer?

Gleichzeitig wirft der frühere Ruhestand aber auch ein bescheidenes Licht auf die spezifischen Arbeitsbedingungen, mit denen ältere Arbeitnehmer oft noch zu kämpfen haben. Warum sonst geht derzeit ein weiteres Viertel trotz Abschlägen von mehr als acht Prozent vorzeitig in Rente? An der üppigen Rente dürfte das kaum liegen. Es geht vielmehr um die konkreten Arbeitsbedingungen, denen viele dann lieber früher entkommen würden, als es die Regelaltersgrenze vermuten lässt. Diese Fragen wird kaum einer von denen beantworten, die jetzt ein höheres Rentenalter fordern. Es geht auch um die besonderen Bedingungen und Möglichkeiten für ältere Arbeitnehmer.

Stichwort „Möglichkeiten“: Vor gut zwei Wochen hat die Koalition mit breiter Zustimmung eine Reform im Bundestag beschlossen, in der die Zuverdienstgrenzen für Vorruheständler abgeschafft wurden. Auch sie können ab Januar neben ihrer Rente ein unbegrenztes Einkommen erzielen. Für Rentner über der gesetzlichen Altersgrenze war dies schon immer der Fall. Damit hat der Gesetzgeber zumindest seinen Beitrag geleistet, damit künftig wieder mehr ältere Menschen eine Erwerbstätigkeit aufnehmen können, sofern sie dies noch wollen. Aber das Wollen hängt natürlich auch stark davon ab, ob die Rahmenbedingungen stimmen.

Schuld daran sind nicht nur die rechtlichen Rahmenbedingungen

Vor diesem Hintergrund dürfte es den Arbeitgebern überlassen bleiben, unter welchen Bedingungen sie ältere Arbeitnehmer weiterbeschäftigen wollen. Eine klassische Fünf-Tage-Woche wird nur für die wenigsten eine Option sein, denn viele wollen die neuen Freiheiten, die der Ruhestand mit sich bringt, guten Gewissens nutzen.

Deshalb müssen sich Arbeitgeber fragen, warum mehr als die Hälfte aller pensionsfähigen Arbeitnehmer die Möglichkeit nutzen, früher in den Ruhestand zu gehen. An den rechtlichen Rahmenbedingungen allein kann es kaum schuld sein.

Kommentar zum Ruhestand – Es kommt auch auf den Arbeitgeber an
Kommentar zum Ruhestand – Es kommt auch auf den Arbeitgeber an

Volker Finhammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ost-Berlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.