Skip to content
Kommentar zu Zinserhöhung – EZB erinnert an vergangene Fehler


EZB-Präsidentin Christine Lagarde versucht, die galoppierende Inflation im Euroraum mit erneuten Zinserhöhungen einzudämmen. (Picture Alliance / dpa / Arne Dedert)

Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen noch nie so schnell angehoben wie seit dem Sommer. Der Leitzins liegt nun bei zwei Prozent, was für Sparer grundsätzlich eine gute Nachricht ist. Aber bei einer Inflationsrate von fast zehn Prozent im Euroraum verlieren sie immer noch Geld. Allerdings wird die Verschuldung nun deutlich teurer, und wenn es nach der EZB geht, wird diese Zinserhöhung nicht das Ende sein.

EZB hat Energiekrise zu lange unterschätzt

Es wird spannend sein zu sehen, wie lange sie diese Entschlossenheit in die Tat umsetzen kann. Geldpolitiker wollen eigentlich vermeiden, die Zinsen zu erhöhen, wenn sich gleichzeitig die Konjunktur verschlechtert. Daran ist aber auch die EZB selbst schuld. Zu lange hat sie unterschätzt, wie schnell und in welchem ​​Umfang sich hohe Energiepreise auf die Gesamtwirtschaft auswirken können.

Zu ihren Lasten musste sie auch unvorhersehbare schwere Krisen wie die Corona-Pandemie und dann seit Ende Februar die Folgen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine bewältigen. 2019 bot sich die Chance, die Zinsen anzuheben oder zumindest die Negativzinsen abzuschaffen.

Es mag billig sein, die EZB jetzt an frühere Fehler zu erinnern. Aber man sollte es trotzdem tun. Dass sie Kritik von Politikern, insbesondere von Regierungsvertretern in Südeuropa, anhört, bestreitet sie immer sehr weit. Ihr Auftrag ist die Wahrung der Preisstabilität.

Die straffere Geldpolitik stößt bereits auf Kritik

Aber wie unabhängig wird es sein, wenn die europäische Wirtschaft in diesem Winter in eine Rezession schlittert und die Regierungen gerne mehr Schulden machen würden, um die schlimmsten Exzesse aufzufangen? Diese Sorge und Kritik ist bereits vom italienischen Ministerpräsidenten laut zu hören, und auch der französische Präsident Emmanuel Macron ist besorgt über die Folgen einer strafferen Geldpolitik für die Wirtschaft.

Die EZB sollte sich nicht von Aufrufen wie denen aus Paris oder Rom leiten lassen, will sie nicht noch mehr Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verlieren. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat wiederholt darauf hingewiesen, dass es Monate dauern wird, bis die Zinserhöhungen greifen, also die Inflationsrate spürbar gebremst wird. Aber haben die Regierungen diese Geduld? Oder werden sie versuchen, noch mehr Druck auf die Zentralbank auszuüben? Der Schaden, nämlich eine anhaltende Inflation bei schwacher Konjunktur, wäre auf Dauer enorm. So weit sollte es die EZB nicht kommen lassen.

Kommentar zu Zinserhöhung – EZB erinnert an vergangene Fehler

Kommentar zu Zinserhöhung – EZB erinnert an vergangene Fehler

Bridget Schotes, Jahrgang 1958, Studium der Wirtschaftsgeschichte und Anglistik in Aachen und Bonn mit Abschluss als Lehramt an Gymnasien. Sie arbeitete zunächst bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die damals auch Radiosendungen für den Privatsender RPR produzierte, bevor sie zur Nachrichtenagentur Bloomberg Business News wechselte. Seit 1992 Partner in der Geschäftsbericht-Redaktion, die 1998 die Geschäftskorrespondenz aus Frankfurt für das Deutschlandradio übernahm.