Politische Nachrichten

Kommentar zu Putins Rede – Das System ist selbst für brave Untertanen gefährlich geworden


An der russischen Grenze zu Georgien haben sich lange Autoschlangen gebildet, weil viele Menschen nach Bekanntgabe der Teilmobilmachung das Land schnell verlassen wollen (IMAGO/SNA/Olga Smolskaya)

Mit dem Krieg gegen die Ukraine zerstört der russische Präsident nicht nur das Nachbarland, sondern zunehmend auch seine eigene Machtbasis. Drei Ereignisse haben dies in dieser Woche gezeigt: Das erste mag zunächst wie eine Kleinigkeit erscheinen. Doch dass die Pop-Ikone Alla Pugacheva am vergangenen Sonntag den Krieg klar verurteilte und den Scheintod junger Menschen anprangerte, traf das Büro des Kreml schwer. Die 73-Jährige, die ihre Karriere unter Breschnew begann, ist ein Vorbild für Millionen Menschen, die den Verlust der Sowjetunion betrauern. Genau aus diesem Milieu kommen Putins treueste Anhänger. Die Idee: „Wir führen eine schnelle Spezialoperation durch, von der Sie nicht einmal wissen, während die Unterhaltung weitergeht.“ Diese Idee funktioniert nicht mehr.

Gefangenentausch macht die Falken wütend

Das zweite Ereignis war der Austausch von 215 ukrainischen Kriegsgefangenen gegen 55 Russen. Am Mittwoch begründete Putin die Mobilmachung erneut mit dem Kampf gegen die Nazis. Doch nur einen Tag später wurden ausgerechnet jene Kommandeure der Asowschen Stahlwerke in Kiew, die die Russen eigentlich in Schauprozessen verurteilen wollten, als Helden begrüßt, als Beleg für eine angeblich erfolgreiche Entnazifizierung. Das verärgert die Falken und Agitatoren in Russland.

Der wirkliche Wendepunkt ist jedoch die Mobilisierung selbst. Bisher konnte man unter Putin ganz gut auskommen, solange man sich an eine alte Maxime aus der Sowjetzeit hielt: Nicht auffallen! Oppositionspolitiker wurden ermordet. Journalisten wurden ermordet. Oligarchen und NGO-Vertreter kamen in die Lager. Demonstranten wurden gejagt und geschlagen. Aber wer sich aus allem heraushielt, immer nett und unpolitisch war und an staatlichen Feiertagen eine Fahne schwenkte, konnte mit etwas Glück ein ungestörtes Leben führen.

Mit dem ungestörten Leben ist Schluss

Das ist jetzt vorbei. Seit Mittwoch werden Polizisten und Beamte dabei beobachtet, wie sie normale Bürger jagen. Junge und nicht mehr ganz junge Männer werden auf der Straße oder am Arbeitsplatz abgefangen, um ihnen einen Mahnbescheid zu überreichen.

In mehr als 40 Städten gab es Proteste. Flüge ins Ausland sind ausgebucht, an den Grenzen bilden sich Schlangen. Das System ist selbst für gut erzogene Probanden gefährlich geworden. Das muss nicht heißen, dass die Stimmung jetzt umschlägt. Vor allem aus den armen Regionen gibt es auch Bilder von Männern, die schicksalsergeben in die Busse zur Kaserne steigen. Aber die Ernennung ist nur der Anfang. Bald werden die ersten Familien ihre Söhne, Väter und Brüder begraben, die dachten, sie könnten in Frieden leben, wenn sie sich einfach aus allem heraushielten.

Die Wahrheit über den Krieg wird sich nun sehr schnell verbreiten. Nicht umsonst führte der Kreml gleich zu Beginn des Angriffs eine strenge Militärzensur ein. Hunderte Journalisten verließen das Land. Jetzt schickt Putin Hunderttausende Männer in die Ukraine, um ihren Verwandten zu Hause zu erzählen, was dort vor sich geht. Und diese Berichte werden anders sein als der Jubelschrei staatlicher Sender. Das wird die Stimmung im Land ändern – wenn nicht über Nacht.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"