Skip to content
Klimawandel und Migration – ein Plädoyer für mehr Verantwortung der Industrieländer und der „Klimapass“


In „Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns unsere Heimat raubt“ übernimmt Kira Vinke die Verantwortung für die westlichen Industrieländer als Verursacher der Erderwärmung. (Buchcover: dtv, Hintergrund: Gerda Bergs)

Khulna ist die drittgrößte Stadt in Bangladesch. Einer, der in den Slums am Stadtrand lebt, ist der ehemalige Fischer Abir:

„Abir ist 30 Jahre alt. Die harte körperliche Arbeit hat ihn erschöpft. […] Sturm „Aila“ zerstörte sein kleines Häuschen und das umliegende Land, das er bewirtschaftete. Die Fluten haben alles weggeschwemmt. Dann zog er nach Khulna und lebte die ersten Monate irgendwo am Ufer eines Flusses. Dann fand er in einem Slum Unterschlupf. Weil er die Miete für die Armenwohnung nicht bezahlen konnte, zog er in den nächsten Slum.“

Die Klimaforscherin Kira Vinke möchte mit ihrem Buch „Sturmnomaden“ all jenen eine Stimme geben, die – wie der Bangladesch Abir – aufgrund der Folgen der Klimakrise gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und oft täglich ums Überleben kämpfen. Und das nicht nur in Bangladesch, sondern beispielsweise auch in Burkina Faso, Äthiopien, den Philippinen, den Marshallinseln im Nordpazifik oder der als „Kleine Antillen“ bekannten Inselkette in der Karibik:

„Viele von ihnen sind zu obdachlosen Migranten geworden, deren Häuser zerstört wurden und deren Zukunft ungewiss ist – auch weil zunehmende Stürme, Dürren und Überschwemmungen sie immer wieder vertreiben könnten. Diese ‚Sturmnomaden‘ haben ein klares Bild von den Schäden, die die Atmosphäre auf der Welt, in der wir leben, angerichtet hat.“

Klimakrise kein anerkannter Fluchtgrund

Die Klimakrise ist laut Vinke noch nicht der dominierende Faktor, wenn Menschen ihre Heimat verlassen – „Menschen migrieren aus vielen Gründen: zum Beispiel, weil sie bessere Jobmöglichkeiten suchen, weil der Bevölkerungsdruck zunimmt oder wegen familiärer Schwierigkeiten – aber Klimafolgen können bestimmte Menschen treffen. Migrationstreiber wirken sich aus, zum Beispiel wenn Stürme und Überschwemmungen die Ernte von Kleinbauern zerstört haben oder wenn Hitzewellen die Arbeit im Freien unerträglich machen.“

Die Erderwärmung würde so indirekt zum Fluchtgrund. Laut Vinke ist die Klimakrise jedoch kein legitimer Grund in den bestehenden internationalen Rechtsvereinbarungen, um eine Aufenthaltserlaubnis in einem anderen Land zu erhalten. Es gibt laut der Autorin noch Hoffnung – sie nennt lokale Abkommen zu Fluchtursachen, die für internationale Abkommen übernommen werden könnten:

„Die von den lateinamerikanischen Staaten vereinbarte Erklärung von Cartagena von 1984 beispielsweise definiert den Flüchtlingsbegriff weiter als die Genfer Konvention und schließt Situationen als Fluchtgrund ein, in denen die öffentliche Ordnung schwer gefährdet ist. […] Es könnte auch im Kontext des Klimawandels relevant werden.“

Die westlichen Industrieländer verursachen den größten Teil der gravierenden Klimaschäden, unter denen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern leiden. Und doch, so der Leiter des Zentrums für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, entziehen sich viele ihrer ethischen Schutzverantwortung. Bislang sind sie kaum bereit, den von ihnen verursachten Schaden zu ersetzen – oder Klimaflüchtlinge aufzunehmen.

Ermöglichen Sie eine menschenwürdige Migration

Mit dieser Verantwortungslosigkeit schadeten die Industrieländer letztlich sich selbst, schreibt der Autor. Denn auch wenn viele „Sturmnomad:innen“ innerhalb des eigenen Landes an einen anderen Ort flüchteten oder sich in benachbarten Entwicklungs- und Schwellenländern eine neue Existenz aufbauten, so werde Migration, so Vinke, zu einem, Zitat, „unvermeidlichen Anpassungsmittel“. Daher ist es wichtig, diese Fluchten gezielt zu organisieren und zu begleiten:

„Während strategisch geplante Migration oft zu positiven wirtschaftlichen Effekten für Migranten, Aufnahme- und Herkunftsgemeinschaften führt, ist Ad-hoc-Migration als letzte mögliche Reaktion auf den Klimawandel oft nachteilig für Betroffene und Aufnahmegemeinschaften. Um leidgetriebene Überlebensmigration zu vermeiden, ist politisches Handeln zur Unterstützung und Legitimierung von Migration als Anpassungsstrategie notwendig.“

Eine solche unterstützende Maßnahme ist laut Vinke der sogenannte „Klimapass“, für den sich der Autor einsetzt – ein Reisedokument, das es Klimaflüchtlingen ermöglicht, sich im Notfall auch über Landesgrenzen hinweg in Sicherheit zu bringen.

Kira Vinke hat hervorragende Arbeit geleistet und über ein Thema geschrieben, das zunehmend politisch instrumentalisiert und medial inszeniert wird. Der Autor verwebt Einzelschicksale und übergreifende, fakten- und lösungsorientierte Analysen harmonisch miteinander. Gleichzeitig betont sie mit gebührendem Pathos die monumentale Verantwortung, die die Industrieländer für die Zukunft der Menschheit auf der Erde tragen – Verantwortung dafür, den Klimawandel dort aufzuhalten, wo es noch möglich ist, und dafür zu sorgen, dass Menschen anderswo ein neues Leben aufbauen können – in Sicherheit und vor allem in Würde.

Kira Vinke: „Sturmnomaden. Wie uns der Klimawandel unsere Heimat raubt“
Dtv, 320 Seiten, 23 Euro.