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Klimaretter oder Kunstschreiber: Pro & Contra: Sind Angriffe auf Gemälde legitim?


Klimaretter oder Kunstschreiber
Pro & Contra: Sind Angriffe auf Gemälde legitim?

Drei berühmte Gemälde geraten schnell ins Visier von selbsternannten Klimaaktivisten. Aber ist es legitim, Tomatensuppe auf ein Van-Gogh-Gemälde zu schütten? Hilft Kartoffelpüree auf einem Monet dem Klima? Oder ist das dumm? Ein Pro & Contra.

Es geht ums Überleben

Ein Profi von Kai Stoppel

Komiker Louis CK fragt während seiner Bühnenshow: Warum sind Anti-Abtreibungs-Proteste so „schrill und erschreckend“? Er liefert auch die Antwort: Weil Babys in ihren Augen ermordet werden. „Was erwartest du von ihnen? Solltest du sagen: ok, es ist nicht cool, aber ich will ihnen nicht den Tag verderben, während sie mehrere Babys ermorden.“

Genauso ist es mit den Malkritzeln. Viele Menschen finden den Protest übertrieben, ärgerlich und unangemessen. Doch aus Sicht der Aktivisten, das ist auf der Website der britischen Kampagne „Just Stop Oil“ nachzulesen, geht es um Leben und Tod. In ihren Augen soll „unser Überleben“ mit dem – von ihnen geforderten – Verzicht auf fossile Brennstoffe gesichert werden.

Was erwartest du also von den Aktivisten? Dass sie sagen: „Nun, das Überleben der gesamten Menschheit steht auf dem Spiel, aber ich möchte Ihnen nicht den Nachmittag im Museum verderben“? Denn das ist wirklich alles, da die bisher angegriffenen berühmten Gemälde durch Glas geschützt waren. Aber selbst wenn nicht, was wäre die Erhaltung eines Gemäldes im Vergleich zur Rettung der gesamten Menschheit?

Natürlich müssen Sie nicht die Perspektive aller einnehmen. Aber der Protest wäre ein guter Grund, sich zu fragen: Ist die Sichtweise dieser schrillen Demonstranten vielleicht gerechtfertigt? Könnte nicht das Überleben der Menschheit oder zumindest der Zivilisation auf dem Spiel stehen?

Auch wenn sich die meisten genervt abwenden, besteht die Chance, dass der schrille Protest schon einige nachdenklich macht. Das wäre der Beginn aller Veränderung, die sich viele gleichzeitig wünschen. Und kaum jemand wird bestreiten wollen, dass dringender getan werden muss, um den Klimawandel zu stoppen.

Aber Bilder haben nichts mit dem Klimawandel zu tun, oder? Nein, aber der Zweck heiligt in diesem Fall die Mittel. Denn es geht darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Es ist so, als würde man sagen, die Melodie meines Weckers hat nichts mit meiner Arbeit zu tun – deshalb muss ich morgens nicht aufstehen.

Viele Menschen regen sich über diese Art von Protest auf. Und das ist gut. Weil sie sich aufregen, ohne vorher zu wissen warum. Aber irgendwann werden sie sich genau diese Frage stellen. Und es besteht die berechtigte Hoffnung, dass sie die Sichtweise der Aktivisten dann zumindest teilweise nachvollziehen können.

Auch wenn das nicht passiert, war es den Versuch wert. Denn wie wenig geht durch die verschmierten Bilder verloren – und wie viel ist zu gewinnen, wenn sie zu einem Umdenken beitragen. Denn am Ende geht es (vielleicht) tatsächlich ums Überleben.

Kleiner Effekt, großes Rauschen

Ein Contra von Barbara Mauersberg

Jahrelang machten sich bekennende Autohasser der vorletzten Generation in Berlin darüber lustig, bei Nacht und Nebel Hundescheiße auf die Windschutzscheiben dicker SUVs zu reiben, die auch gerne auf dem Bürgersteig parkten. Oft wurde das Schloss der Fahrertür besonders gründlich imprägniert. Widerlich? Keine Frage. Wirksam? Unbedingt. Auch die verbesserten Parkmanöver konnten die „Aktivisten“ vor Ort kontrollieren. Bei fehlendem Lernerfolg wurde der Vorgang wiederholt. Eine Berichterstattung über die Tat in der Lokalpresse war nicht Teil des Programms.

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Bei den „Klima-Aktivisten“ der selbsternannten letzten Generation scheint das gegenteilige Kalkül zu herrschen: Viel Aufmerksamkeit, wenig Wirkung. Großer Lärm, Mangel an Logik. Warum sollte ein Angriff auf museale Ölgemälde aus vorindustrieller Produktion ein passendes Symbol des Protests gegen die schleppende Klimapolitik der westlichen Industrieländer sein? Das versteht selbst der wohlmeinende Beobachter nicht. Darüber hinaus lässt die Tatsache, dass weltweite Berichterstattung mit minimalem persönlichen Aufwand gewährleistet ist, den Verdacht aufkommen, dass Wichtigtuerei der eigentliche Motor ist.

Unbekannte Täter, die niemand jemals „Flüchtlingsaktivisten“ nennen würde, verübten in der Nacht zum Freitag einen Brandanschlag auf eine Unterkunft für Ukrainer in Sachsen. Der sächsische Innenminister wartete nicht einmal auf die Ermittlungen, um die Motive zu benennen und zu verurteilen: „Häuser aus Hass anzuzünden, weil man keine Flüchtigen in seiner Nähe haben will, ist zutiefst primitiv und menschenverachtend.“ Weniger verbreitet sind entsprechende Reflexe auf das Handeln von „Klimaaktivisten“. Warum eigentlich? Weil es je nach Zielsetzung gute und schlechte Sachschäden gibt?

Aber auch der Hinweis auf gute Ziele und berechtigte Anliegen würde die Umwelt nicht retten. Die Begrenzung des Klimawandels braucht nicht mehr Meinungen. Sicher keine unintelligente Besserwisserei. Stattdessen: der ganz persönliche Verzicht auf Auto und Führerschein, ein Nein zu Städtereisen mit dem Flugzeug oder Zurückhaltung im Sommerschlussverkauf. Diese Rezepte waren alten Aktivisten schon von Anfang an bekannt. In einer Hinsicht hat die „letzte Generation“ der Klimakunstschreiber aber wohl recht: Sie haben Druck gemacht, Druck auf die Museumsputzer.

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