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„Insider-Info: Kinderklinik in Frankfurt – Mütter liegen mit ihren Kindern auf dem Flur. Eine von ihnen ist erst wenige Tage alt. Keine Betten, kein Personal. So darf es nicht weitergehen!“ Diesen dramatischen Lagebericht sendete Pfleger Ricardo Lange am Sonntag. Und tatsächlich ist Frankfurt kein Einzelfall. In ganz Deutschland schlagen Kinderkliniken Alarm. Sie sind überlastet, in den ersten Bundesländern gehen die Betten zur Neige.

„Katastrophenlage“: In den ersten Bundesländern sind die Betten knapp

In mehreren Bundesländern gebe es bereits kaum noch ein kostenloses Kinderbett in Kliniken, sagte Kinderintensiv- und Notarzt Florian Hoffmann, darunter Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Oberarzt der Dr. von Hauner Kinderklinik in München sprach von „Katastrophenzuständen“: Familien mit kranken Kindern mussten im Notfall teilweise auf einer Pritsche schlafen Zimmer. Das ist ein Armutszeugnis für Deutschland. Viele betroffene Kinder sind schwer erkrankt und müssen beatmet werden.

„Eine absolute Katastrophe“: Familienvater schildert Klinik-Odyssee

Wie schlimm die Lage ist, zeigt auch ein Fall aus München. Ein Vater berichtet, dass seine Tochter wegen einer Mittelohrentzündung, die zu geschwollenen Augen geführt habe, dringend Antibiotika brauchte. Andernfalls besteht die Gefahr einer Meningitis. „Wir wurden vom Augenarzt direkt in die Klinik geschickt, aber dort war alles völlig überlastet“, erinnert er sich gegenüber FOCUS online. „Eine absolute Katastrophe.“

Der Arzt hatte zunächst einer Aufnahme in die Klinik in Unterhaching zugestimmt. Aber als sie dort ankamen, wussten sie nichts. „Aber ich habe den Arzt am Telefon gehört, also muss die Nachricht unterwegs verloren gegangen sein.“ Nach langem Hin und Her klappte die Einweisung ins Krankenhaus Schwabing am späten Abend schließlich. Insgesamt acht Stunden hätte er mit seiner Tochter gewartet, bis kurz vor Mitternacht endlich die erste Antibiotika-Infusion verabreicht werden konnte. „Dem Personal in den Kliniken mache ich keinen Vorwurf, die arbeiten alle auf Anschlag. Aber wenn das eigene Kind dringend Hilfe braucht und das so extrem verzögert, dann fängt man an, darüber nachzudenken“, sagt der Vater.

„Rechts eine Mutter mit einem kleinen Jungen, der 14 Treppenabsätze heruntergefallen war“

Auch eine Niedersächsin schildert eine Odyssee. Ihre Tochter musste am Freitag mit ihrem Sohn in die Notaufnahme, erzählt sie FOCUS online. „Mein Enkel hatte eine beidseitige schwere Mittelohrentzündung mit 41 Grad Fieber und starken Schmerzen.“ Aber die Kinderklinik Wolfsburg war unglaublich überlastet. „Meiner Tochter wurde gesagt, dass sie entweder sechs bis sieben Stunden warten oder auf die Behandlung verzichten und nach Hause gehen müsse.“

Auch für andere Patienten war die Situation nicht besser: „Da nicht genügend Stühle vorhanden waren, lagen die Eltern mit ihren teils schwer verletzten oder kranken Kindern auf den Fluren. Links von meiner Tochter war eine Mutter mit einem Baby, das einen roten Ausschlag hatte und nach Luft schnappte. Rechts von ihr war eine Mutter mit einem kleinen Jungen, der 14 Stockwerke heruntergefallen war und bei dem der Verdacht auf eine Gehirnblutung bestand. Die Mutter sollte die Aktivität der Schüler überwachen und den Jungen ständig wach halten.“

RS-Virus grassiert: „Keine Kurve mehr, Werte gehen senkrecht nach oben“

Den Kleinen geht es im Moment schlecht. Das zeigt auch ein Blick in den RKI-Wochenbericht: Immer mehr Null- bis Vierjährige müssen zum Arzt. „Das ist keine Kurve mehr, sondern die Werte gehen senkrecht nach oben“, kommentierte Hoffmann.

Vergleicht man die zugrunde liegenden Atemwegserkrankungen, wird deutlich: Corona spielt hier eine untergeordnete Rolle. Insbesondere Infektionen mit dem Respiratory Syncytial Virus (RSV) führten bei Kleinkindern zu einer erhöhten Erkrankungshäufigkeit und Krankenhauseinweisungen. Laut Wochenbericht sollen die Zahlen in den kommenden Wochen weiter steigen. Hoffmann sprach auch von einer sehr frühen und sehr schweren Grippewelle, die sich seit einiger Zeit parallel bemerkbar mache.

Grundsätzlich kann man sich in jedem Alter mit RSV anstecken, besonders bedeutsam ist der Erreger jedoch bei Säuglingen und Kleinkindern. Es kann sich um einen einfachen Atemwegsinfekt handeln, aber auch schwere Verläufe bis hin zum Tod sind möglich. Zu den Risikopatienten zählt das RKI zum Beispiel Frühgeborene und Kinder mit Lungenvorerkrankungen, aber auch Menschen mit Immunschwäche oder geschwächtem Immunsystem im Allgemeinen.

Normalerweise hätten 50 bis 70 Prozent innerhalb des ersten Lebensjahres mindestens eine Infektion mit RSV gehabt und fast alle Kinder bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. Im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen blieben jedoch viele solcher Infektionen zeitweise aus.

Lesen Sie hier: Immer mehr RSV-Fälle – worauf Eltern achten müssen

„Wir müssten Notfallmechanismen aktivieren Sie

Schon im Spätsommer 2021 habe es eine ungewöhnlich hohe RSV-Welle gegeben – aktuell sei die Lage aber noch schlimmer, sagte Hoffmann. Nicht nur in Deutschland, sondern allgemein auf der Nordhalbkugel gebe es ein „dramatisches Seuchengeschehen“. Hoffmann erklärte, dass viele Kinder im Alter von ein oder zwei Jahren betroffen seien, die – auch angesichts der Corona-Pandemie und der dagegen ergriffenen Maßnahmen – keinen Kontakt zum RSV gehabt hätten.

Zur Situation in der pädiatrischen Intensivmedizin will die Divi diese Woche neue Zahlen präsentieren – und die damit verbundenen Forderungen und Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Versorgung schwerkranker Kinder. „Wir werden diesen Winter nicht in der Lage sein, uns um alle zu kümmern. Die Kollegen im ganzen Land wissen nicht, was sie mit unseren kleinen Patienten anfangen sollen“, sagte Hoffmann. Strukturen zur Bewältigung der Situation sind nicht vorhanden und die vorhandenen Register zur Bettensituation sind oft mangels aktueller nicht aktuell „Wir sollten jetzt tatsächlich Notfallmechanismen aktivieren, zum Beispiel Pflegekräfte aus der Erwachsenenmedizin hinzuziehen.“