Politische Nachrichten

Kein akademisches Prekariat mehr sein (nd-aktuell.de)


Die Gewerkschaft Bildung und Wissenschaft fordert „Feststellen für Daueraufgaben“.

Foto: dpa/Christophe Gateau

Noch immer sind die meisten jungen Akademiker an den Universitäten und Hochschulen hierzulande nur befristet beschäftigt. Da bei einer Karriere in der Wissenschaft eine große Abhängigkeit vom Wohlwollen der Vorgesetzten besteht, trauten sich Beschäftigte in diesem Bereich lange nicht, offen für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Das hat sich nun geändert. Seit einigen Jahren gibt es an vielen Institutionen „unbestimmte“ Initiativen. Und seit gut einem Jahr machen Betroffene in den sozialen Medien unter dem Stichwort #IchbinHannah auf ihre Situation, Dauerstress und schlechte Teilzeitvergütung, die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft aufmerksam.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kämpft seit vielen Jahren für bessere Arbeitsbedingungen an Hochschulen. Die „vorübergehenden Einschränkungen“ eskalierten jedoch weiter. Erst seit der letzten Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) im Jahr 2020 ist der Anteil der Zeitarbeitskräfte im wissenschaftlichen Mittelbau leicht zurückgegangen – von 92 auf aktuell 84 Prozent.

Vertreter aller demokratischen Parteien haben nun ihren Willen bekundet, die Situation zu verbessern. Auch CDU-Politiker befürworten einen 50-prozentigen Anteil an fest angestelltem wissenschaftlichem Personal. Die Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP hat in ihrem Koalitionsvertrag sogar die langjährige Parole der GEW, „Dauerstellen für Daueraufgaben“, aufgegriffen und eine echte Reform des WissZeitVG angekündigt.

Die GEW will der Ampel nun auf die Sprünge helfen. Am Freitag stellte sie ihren eigenen Entwurf für ein „Wissenschaftsanspruchsgesetz“ vor. „Verlässliche Karrierewege und Chancengleichheit für alle“ müssten endlich geschaffen werden, forderte der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller bei einer Online-Pressekonferenz. Denn die Arbeitsverträge der Betroffenen haben immer noch eine durchschnittliche Laufzeit von nur 18 Monaten. Und laut einer im Mai veröffentlichten Auswertung zur Wirkung des WissZeitVG im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beträgt die Laufzeit der befristeten Verträge bei mehr als 40 Prozent der Betroffenen sogar weniger als ein Jahr.

Das 2007 in Kraft getretene und seitdem zweimal halbherzig reformierte WissZeitVG legitimiere laut Keller weiterhin eine „hemmungslose“ Befristungspraxis an Hochschulen und Forschungseinrichtungen – zu Lasten der Zukunftsperspektiven von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern , „die Kontinuität und Qualität von Forschung und Lehre sowie die Attraktivität des Arbeitsplatzes Hochschule und Forschung“. Damit muss Schluss sein.

Geht es nach den Vorstellungen der GEW, sollen die Vertragslaufzeiten, die der Qualifizierung dienen, „in der Regel sechs, mindestens aber vier Jahre“ betragen und den „Anspruch auf Qualifizierung während der Arbeitszeit“ beinhalten. Promovierende müssen ihre wissenschaftliche Arbeit aufgrund der Vielzahl an Aufgaben, beispielsweise bei der Betreuung von Studierenden, häufig in ihrer Freizeit erledigen. Umfasst eine Stelle überwiegend solche Daueraufgaben, muss dafür eine Dauerstelle eingerichtet werden, fordert die GEW.

Keller betonte, er betrachte die akademische Qualifikation als »mit der Promotion abgeschlossen«. Wer sich dann wissenschaftlich weiter entwickelt, soll „entweder eine Festanstellung oder einen befristeten Vertrag mit verbindlicher Zusage auf eine Festanstellung erhalten“. Entsprechende Regelungen finden sich im Gesetzentwurf der GEW. Zudem müsse jeder, der Kinder betreue, chronisch krank sei oder in der Corona-Pandemie Beeinträchtigungen erlitten habe, „einen Rechtsanspruch auf Vertragsverlängerung haben“.



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