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„Jewish Club war eine Erzählung zur Entlastung“ (nd-aktuell.de)


1944 nahm der FC Bayern die Ehrung zum Gewinn der Südbayerischen Meisterschaft von Gausportleiter Franz Breithaupt gerne entgegen. Er war damals Leiter der Hauptstelle des SS-Gerichtes in München und einer der engsten Mitarbeiter Heinrich Himmlers.

Foto: STADTAM. FS-ER GP-0088

Herr Hofmann, bevor ich auf die Forschungsergebnisse und Inhalte Ihres Buches eingehe: Wie ist die Idee dazu entstanden?

Eigentlich auf Initiative des FC Bayern München. Der Verein trat 2017 an das Institut für Zeitgeschichte in München heran und übernahm die Finanzierung eines Forschungsprojekts für drei Jahre. Das Institut hat das Projekt daraufhin als Promotionsstelle ausgeschrieben. Ich habe mich erfolgreich auf diese Stelle beworben.

Man kann also sagen, dass der FC Bayern Ihre Doktorarbeit finanziert hat, aus der das Buch entstanden ist?

Exakt. Bei solchen Projekten ist es üblich, dass die Forschungsergebnisse veröffentlicht werden.

Was waren die Beweggründe des FC Bayern, das Forschungsprojekt zu fördern?

Da kann ich nicht für den FC Bayern sprechen. Doch bislang fehlt eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Vereinsgeschichte in der NS-Zeit, es gibt kontroverse Einschätzungen.

Welches Budget hatten Sie zur Verfügung?

Ich war am Institut für Zeitgeschichte angestellt und hatte dort sehr gute Forschungsbedingungen. Ich konnte rund 60 Archive und Bibliotheken recherchieren. Ich war zum Beispiel eine Woche in Tschechien, um über den sogenannten Vereinsführer des FC Bayern München, Josef Kellner, zu recherchieren, der von 1938 bis 1943 Präsident des Vereins und ein einflussreicher Nazi war. Ich hatte die Gelegenheit, tiefer zu graben als irgendjemand zuvor.

Wie selbstständig können Sie bei heiklen Anliegen des Auftraggebers recherchieren und Ergebnisse präsentieren?

Es ist eigentlich eine durchaus übliche Struktur wissenschaftlicher Arbeit. Und das ist vielleicht sogar unvermeidlich, wenn man wie der FC Bayern wissen will: Was ist zwischen 1933 und 1945 aus uns geworden? Dann ist es meiner Meinung nach legitim, zu einer wissenschaftlichen Einrichtung zu gehen, die das unabhängig erfassen kann.

Aber kann das unabhängig sein, wenn es vom FC Bayern bezahlt wird?

Ich hatte nie das Gefühl, dass sich beim FC Bayern jemand einmischen oder beeinflussen oder etwas vorenthalten wollte, sondern dass es ein ehrliches Interesse an der eigenen Vereinsgeschichte gab und gibt. Diesen Eindruck machte auch Karl-Heinz Rummenigge, der während meiner Recherchen noch Vorstandsvorsitzender war. Der FC Bayern hatte Lücken in seiner Geschichte gefunden, die er nicht richtig beurteilen konnte. Und das wollte er ändern. Eine Einflussnahme wäre schwierig gewesen, weil die Quellen nicht beim Verein, sondern überwiegend in öffentlichen Archiven aufbewahrt werden. Diese Quellen sind überprüfbar. Das bedeutet auch, dass ich keine tendenziöse Arbeit hätte präsentieren können.

Welches Material haben Sie in den Archiven gefunden?

Ein großer Teil waren Akten, beispielsweise des Münchner Sportamtes, aber auch eine Vielzahl von Personalakten, Entnazifizierungsakten, NSDAP-Korrespondenz über Funktionäre des FC Bayern und Entschädigungsakten über verfolgte jüdische Mitglieder. Dazu kamen die Periodika und die Tagespresse, vom »Kicker« bis zum »Völkischen Beobachter«. Der FC Bayern selbst hat relativ wenige Quellen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945. Ich durfte in alle Schränke des Vereinsarchivs einsehen. Leider gibt es fast keine interne Tradition, zum Beispiel keine Protokolle von Vorstandssitzungen. Besser sind die Akten aus der Zeit nach 1945, die sich auf die NS-Zeit beziehen.

Wie vollständig ist das resultierende Bild?

Ich würde es als abgeschlossen bezeichnen. Natürlich ist es immer so, dass man nicht alles rekonstruieren kann, weil hier und da Lücken sind. Ob ungewollt durch Kriegsverluste oder vorsätzlich, weil Akten vernichtet wurden. Aber auf Basis der gefundenen Daten kann man sich ein absolut valides und fundiertes Urteil erlauben. Ich weiß nicht, was das Puzzleteil sein soll, das alles über den Haufen wirft.

Und zu welchen zentralen Erkenntnissen sind Sie letztendlich gekommen?

Grundsätzlich kann man sagen: Die Vergangenheit des FC Bayern nähert sich der anderer Vereine an. Der FC Bayern sei anderen Klubs ähnlicher als bisher angenommen. Auch beim FC Bayern war Mitmachen in der NS-Zeit Normalität. Eine Ausnahmerolle, wonach der Verein durch die Nazis benachteiligt worden wäre, lässt sich nicht feststellen. Dennoch gibt es Besonderheiten, die den FC Bayern von anderen Vereinen abheben.

Inwiefern?

Zum Beispiel, dass der FC Bayern 1935 seine jüdischen Mitglieder ausschloss. Das war bei vielen anderen Vereinen so, zum Beispiel beim 1. FC Nürnberg im Mai 1933. Der FC Bayern war in dieser Hinsicht ein Nachzügler. Andererseits findet man hier – und auch das unterscheidet den Verein von anderen – vergleichsweise viele frühe NSDAP-Mitglieder. Das hat damit zu tun, dass die Wurzeln der NS-Bewegung in München lagen. Beim TSV 1860 München gab es auch Frühnationalsozialisten. Beim FC Bayern stiegen in der NS-Zeit ab 1933 sogenannte Altkämpfer allerdings nicht in gleichem Maße in Ehren- und Funktionsämtern auf wie beim TSV 1860. Lokale Nazi-Prominenz übernahm dort Ämter, beim FC ist das nicht der Fall Bayern.

Neu ist Ihre Erkenntnis, dass der jüdische Bundespräsident Kurt Landauer von der Liste der FC-Bayern-Mitglieder gestrichen wurde.

Kurt Landauer trat nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1933 als erster Vorsitzender zurück. Diese Entscheidung trifft er selbst, analog zu jüdischen Funktionären anderer Vereine, etwa dem zweiten Vorsitzenden des FC Schalke 04, Paul Eichengrün, oder dem Schatzmeister der Eintracht Frankfurt, Hugo Reiß. Oft kündigen sie mit der Begründung, Schaden vom Verein abwenden zu wollen. In einem Entnazifizierungsverfahren gab Kurt Landauer bekannt, dass er von der Mitgliederliste gestrichen worden sei. Damit ist das Jahr 1935 gemeint, in dem der FC Bayern per Satzungsbeschluss seine jüdischen Mitglieder in zwei Schritten ausschloss. Das betraf auch verdiente Persönlichkeiten wie Kurt Landauer oder Alfred Bernstein, einen Torhüter aus den 1920er Jahren, der Süddeutscher Meister wurde. Zumindest bis 1935 warf der FC Bayern seine jüdischen Mitglieder nicht wie anderswo üblich aus eigenem Antrieb aus dem Verein.

Als problematisch bezeichnen sie, dass für den Verein der Name „Jewish Club“ verwendet wurde, zumal dieser Begriff wohl erst nach dem Krieg auftauchte.

Die Beschimpfung des FC Bayern als jüdischer Verein vor 1945 wurde nach 1945 von Beamten im Entnazifizierungsverfahren als Entlastungsnarrativ begründet. Wahrscheinlich galten die Bayern irgendwie als jüdisch, denn das entsprach schon vor 1933 antisemitischen Vorurteilen gegenüber einem vermeintlich wohlhabenden Innenstadtclub. Allerdings ist der Begriff weder vor 1945 in den Quellen belegt, noch aus heutiger Sicht geeignet, genau zu beschreiben, was der FC Bayern war und welche Rolle Juden beim FC Bayern spielten.

Stimmt es, dass der Anteil jüdischer Mitglieder beim FC Bayern vergleichsweise hoch war?

Die Zahlen zeigen, dass 1933 etwa zehn Prozent der Mitglieder Juden waren. Dieser Anteil liegt deutlich über dem damaligen Münchner Bevölkerungsdurchschnitt und auch über dem Anteil anderer Vereine. Eintracht Frankfurt und der 1. FC Nürnberg könnten vergleichbar sein. Keine Frage, Juden fühlten sich vor 1933 beim FC Bayern wohl. Viele Sponsoren kamen von den jüdischen Textilhändlern, in denen auch die Familie Landauer ihre geschäftlichen Wurzeln hatte.

Nach dem Krieg kehrte nicht nur Kurt Landauer zum FC Bayern zurück, sondern auch ehemalige NSDAP-Mitglieder, die vom NS-System profitierten. Was sagt es über den FC Bayern aus, dass Opfer und Täter zum Verein zurückkehrten?

Auch das zeigt, dass sich der FC Bayern dem Image anderer Vereine annähert, aber dennoch einige Besonderheiten beibehält. So erneuerten nach 1945 13 jüdische Mitglieder ihre Mitgliedschaft beim FC Bayern – manche sogar aus dem amerikanischen Exil. Oder der spektakuläre Fall von Kurt Landauer, der aus der Schweiz zurückkehrte und 1947 wieder für vier Jahre den Vorstandsvorsitz des FC Bayern übernahm. Aber es gibt auch die andere Seite, dass zum Beispiel ein Nationalsozialist wie Adolf Fischer stark profitierte Ausmaß der sogenannten „Arisierung“ (Judenenteignung, Anm. d. Red.), wird 1953 zum Präsidenten gewählt. Mit dieser Wiedereingliederung der Nazis ist der FC Bayern keine Ausnahme unter den deutschen Fußballvereinen und auch nicht in der deutschen Gesellschaft.

Wie hat der FC Bayern auf Ihre Erkenntnisse reagiert?

Die Ergebnisse haben bereits für eine gewisse Überraschung gesorgt, nachdem zuvor in der NS-Zeit ein überwiegend positives Bild vom Verein geherrscht hatte. Umso mehr finde ich den Umgang des FC Bayern mit den wenig erfreulichen Ergebnissen sehr professionell. Diese entwerten in keiner Weise die jahrelange Arbeit des Vereins zur Erinnerung an die Biografien der Opfer.

Ist Ihnen klar, dass Ihre Forschung das Selbstbild des FC Bayern verändert hat?

Sie können es bereits im Museumskatalog sehen. Und die Ausstellung wird gerade überarbeitet.

Gregor Hofmann: »Ein Mitspieler in der ›Volksgemeinschaft‹. Der FC Bayern und der Nationalsozialismus« erscheint am 28. September im Wallstein-Verlag auf 562 Seiten, gebunden, 28 Euro.



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