Politische Nachrichten

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Illegal, aber aktiv (nd-aktuell.de)


Im Iran sind unbedeckte Frauenhaare zu einem Symbol des Protests gegen Gewalt gegen Frauen und staatlichen Frauenmord geworden.

Foto: AFP PHOTO / UGC-BILD

Seit 70 Tagen protestieren Menschen im Iran im ganzen Land. Trotz der harten Repression gehen täglich zahlreiche Menschen auf die Straße. Frauen sind die Anführer dieser Revolution. Nach Angaben der in Oslo ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights wurden seit Beginn der Proteste 416 Menschen von Polizei und Militär getötet, darunter 51 Kinder und 21 Frauen. Am heutigen Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen protestieren die Menschen im Iran unter dem Motto »Frau, Leben, Freiheit«.

Auslöser für die größten und nachhaltigsten landesweiten Proteste in der Geschichte des Iran war die Ermordung einer jungen Kurdin: Mahsa Jina Amini wurde von der Polizei zu Tode geprügelt. Es ist nicht das erste Mal, dass die iranische Gesellschaft mit einem solchen Fall konfrontiert wird. Aber viele Menschen im Iran können sich mit Mahsa Jina Amini identifizieren. Sie ist eine Frau und Kurdin, sie stammt aus ärmlichen Verhältnissen und aus einer Kleinstadt. Jede Person, ob weiblich, trans-männlich oder nicht-binär, die die Zwangsverschleierung im Iran erlebt hat, weiß, wie es ist, von Sittenkommandos auf der Straße angesprochen oder festgenommen zu werden. Männer können sich mit ihrem Bruder identifizieren, der seit dem ersten Tag darauf achtet, der staatlichen Version des Todes seiner Schwester zu widersprechen. Jina ist ein Aushängeschild für Kurden und andere ethnische Minderheiten, die Unterdrückung erfahren haben. Alle Menschen im Iran, die staatliche Gewalt auf der Straße erlebt haben, können sich damit identifizieren. Denn auch ihr Körper steht für diese Gewalt. Zum ersten Mal erlangt die iranische feministische Bewegung, die diese Proteste anführt, weltweite Aufmerksamkeit. Aber sie war die ganze Zeit aktiv, wenn auch illegal.

Seit der Islamischen Revolution hat der iranische Staat durch repressive Maßnahmen gegen Frauen und die Hinrichtung politischer Gegner die Gesellschaftsordnung des Landes verändert. Nachdem Ruhollah Khomeini nach der Islamischen Revolution 1979 an die Macht kam, erklärte er das Familienschutzgesetz für ungültig und forderte die Verschleierungspflicht im Iran. Damals protestierten Frauen wochenlang. Ihr Hauptslogan: »Freiheit ist weder östlich noch westlich. Freiheit ist international. Ohne Frauenfreiheit gibt es keine Freiheit für die Gesellschaft.« Sie wurden von der Mehrheitsgesellschaft allein gelassen. Trotzdem wehrten sich die Frauen im Alltag – soweit es ging.

1981 ordnete Khomeini an, dass Frauen in Regierungsämtern fortan Kopftuch tragen müssen. Audiodateien zeigen, dass er die Anwesenheit von Frauen am Arbeitsplatz als „unrein“ und „unmoralisch“ bezeichnete. Auch dagegen gab es Proteste. Ganz in Schwarz gekleidete Frauen demonstrierten vor dem Arbeitsministerium. Nach der Niederschlagung der Proteste trugen diese Frauen monatelang schwarze Kleidung bei der Arbeit – viele von ihnen wurden festgenommen und entlassen, es ist nicht genau bekannt, was mit ihnen passiert ist.

Nur ein Jahr später wurde die Verschleierungspflicht in allen öffentlichen Räumen zum Gesetz. Gleichzeitig wandte das iranische Regime bereits Gewalt gegen Kurden an, die sich lautstark gegen die Islamische Republik auflehnten. Tausende Oppositionelle wurden festgenommen und ermordet. 1988 wurde das Massaker von Khawaran zum Sinnbild der Gewalt des Regimes, in Khawaran wurden vor allem linksgerichtete politische Gefangene begraben, die vom Regime hingerichtet wurden. Die Initiative der Mütter von Khawaran hält dieses Ereignis bis heute im kollektiven Gedächtnis der Iraner. Viele Forschungen großer Menschenrechtsorganisationen wären ohne diese Frauen nicht möglich gewesen.

In den letzten Jahrzehnten kam es im Iran wiederholt zu zivilem Ungehorsam iranischer Frauen und Feministinnen gegen den Hijab und andere frauenfeindliche Gesetze. 1994 beispielsweise verbrannte sich die Ärztin und Frauenrechtlerin Homa Darabi aus Protest gegen die Unterdrückung öffentlich. Auf Widerstand reagierte die Regierung mit Verhaftungen und Gewalt. Etwa 20 Jahre nach der Einführung der Kopftuchpflicht begann sich der Protest dagegen politisch zu formieren. Kampagnen wie »My Hidden Freedom« und »White Wednesday« haben viel dazu beigetragen, die Sichtbarkeit des zivilen Ungehorsams von iranischen Frauen und später auch von trans- und nicht-binären Menschen zu erhöhen. 2018 wurden die »Töchter der Revolutionary Street« zu einem weit verbreiteten Phänomen. Beginnend mit Wida Mowahed legten Frauen jeden Alters ihre Kopftücher ab und stellten sich auf Stromkästen und andere Erhöhungen, oft bis sie von der Polizei festgenommen wurden.

Bei den aktuellen Protesten sieht man all die sozialen Bewegungen, die in den letzten Jahren im Iran unsichtbar waren, vereint auf den Straßen – und an der Spitze steht die feministische Bewegung. Am Anfang der Gewalt des Regimes stand die Verschleierungspflicht. Jetzt kehrt die Protestbewegung dorthin zurück und berührt den Kern der Islamischen Republik. Der Kampf gegen Gewalt an Frauen ist dabei auch ein Kampf für die Freiheit aller Menschen.



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