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Deutschland Nachrichten

Inflation: „Die Notenbank hat die Lage nicht mehr im Griff“


Herr Issing, wie sehr schmerzt es Sie als Architekt des Euro, wenn Sie sehen, wie unsere Währung an Wert verliert?

Ottmar Issing: Das liegt mir sehr nahe. Denn ich habe immer betont, dass der Euro genauso stabil sein wird wie die D-Mark. Dafür wurde ich oft kritisiert, manchmal sogar verspottet. In den ersten 25 Jahren seines Bestehens hat der Euro bei der Inflationsrate sehr gut abgeschnitten. Aber das ist vorbei. Leider allzu deutlich.

Hätte die EZB die Inflation nicht kommen sehen sollen?

Issing: Um ehrlich zu sein, niemand hätte den Krieg und die Auswirkungen des Krieges vorhersehen können. Dieser Anstieg der Energiepreise ist ein externer Schock, den die EZB in diesem Ausmaß nicht vorhersehen konnte. Andererseits können sie nichts sofort tun. Steigende Gaspreise können Sie nicht mit höheren Zinsen bekämpfen. Aber wenn man bedenkt, dass der Chefvolkswirt der EZB, also einer meiner Nachfolger, im März dieses Jahres erklärt hat, dass die Inflationsrate innerhalb von zwei Jahren wieder bei zwei Prozent oder darunter liegen wird, und das ohne dass wir monetär etwas tun Politik, dann ist es eine Aussage, die aus heutiger Sicht absurd klingt. Auch aus damaliger Sicht. Aber das eigentliche Versagen der EZB reicht viel weiter zurück. Spätestens im Sommer vergangenen Jahres dürfte die EZB den Krisenmodus verlassen haben.

Inwiefern?

Issing: Die EZB steckte geldpolitisch in einem Krisenmodus fest, den sie nach der Finanzmarktkrise 2008 eingeleitet und während der Pandemie noch einmal intensiviert hatte. Doch dieser Krisenmodus war lange Zeit nicht mehr zu rechtfertigen. Es war daher unvermeidlich, dass ein Festhalten an einem solch expansiven Kurs lange nach einer deutlichen Erholung der Wirtschaft irgendwann den Preisdruck verschärfen würde.

„Die EZB hat die Lage nicht mehr im Griff“

Hat die EZB die Inflationslage derzeit noch im Griff?

Issing: Offenbar hat sie die Situation nicht im Griff. Denn im September sind die Erzeugerpreise in Deutschland erneut um 45,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Ähnlich hoch ist die Quote für den gesamten Euroraum. Das bedeutet, dass noch ein gewisser Preisdruck in der Pipeline ist. Und die gemessene Inflationsrate ist sowieso verzerrt, da sie viele staatliche Maßnahmen ignoriert. Denken Sie an das 9-Euro-Ticket oder den Tankrabatt. Das sind Effekte, die den Ernst der Lage noch verschleiern.

Was sollten Zentralbanker jetzt tun?

Issing: Die EZB muss entschlossen deutlich machen, dass sie alles tun wird, um diese hohe Inflation einzudämmen. Nicht ruckartig, das wäre sicherlich nicht gut. Aber der Schlüssel liegt darin, die Inflationserwartungen jetzt in den Griff zu bekommen. Ich sehe hier große Gefahren. Umfragen zeigen, dass die Inflationserwartungen weiter steigen. Es ist schon fast grotesk – als italienische Staatsanleihen Zinserhöhungen aufwiesen, berief die EZB sofort eine Sondersitzung ein, um sich mit dem Phänomen zu befassen. Es bedurfte einer Sitzung, um die erste Zinserhöhung einzuleiten, nur um sie überhaupt anzukündigen.

In den USA hat die Notenbank ihre Rhetorik bereits komplett geändert. Warum zögert die EZB noch?

Issing: Nun, der Ton in den USA ist immer etwas anders. Da spielen die Erfahrungen der 1970er Jahre eine große Rolle. Es hat sich damals gezeigt, dass man die Zinsen umso mehr erhöhen muss, wenn man die Inflation laufen lässt. Aber das ist eine Erfahrung, aus der die EZB hätte lernen müssen. Wenn Sie zu lange warten, könnten Sie am Ende die Zinsen erhöhen, wenn sich die Wirtschaft bereits in einem Abwärtstrend befindet. Und genau in dieser Situation befindet sich die EZB jetzt. Dies ist die unangenehmste Situation für eine Zentralbank.

Ich akzeptiere dieses Argument nicht.“

Kann sich die EZB dann überhaupt angemessen um die Geldwertstabilität kümmern? Schließlich muss es viele unterschiedliche Ökonomien gleichzeitig unter einen Hut bringen.

Issing: Ich akzeptiere dieses Argument nicht. Die EZB hat ein klares Mandat zur Wahrung der Preisstabilität. Dass der Euroraum sehr heterogen ist, ändert daran nichts. Meiner Meinung nach konzentriert sich die EZB in ihren Beratungen viel zu sehr auf die Situation der hochverschuldeten Länder. Die Zentralbank hat kürzlich auch angekündigt, dass sie eingreifen könnte, wenn die Zinsen in bestimmten Ländern zu stark steigen. Dies zeigt die große Sorge der EZB, dass es zu politischen Umwälzungen kommen könnte. Dieser Stolperstein für die Geldpolitik ist jedoch nicht neu. Es zieht sich seit vielen Jahren hin. Dazu gehört auch der Kauf von Staatsanleihen, den die EZB schon längst hätte stoppen sollen.

Ist es überhaupt möglich, so viele unterschiedliche Wirtschaftsräume unter eine Währungsobergrenze zu bringen? Oder was ist mit dem System falsch?

Issing: Diese Frage hat den Euro von Anfang an begleitet. Ich war immer einer von denen, die davor gewarnt haben, dass die Währungsunion zu früh und mit viel zu heterogenen Ländern umgesetzt wurde. Es ist kein Zufall, dass wir ständig über Italien sprechen. Damals wurde Italien entgegen den Konvergenzkriterien mit rund 120 Prozent Staatsverschuldung akzeptiert. Obwohl das Land meist sogar einen primären Haushaltsüberschuss hatte, fehlte es an Wachstum. Das ist heute noch so. Als Regierungschef leitete Mario Draghi hier wesentliche Reformen ein. Doch das Draghi-Experiment ist nun zu Ende. Man kann nur hoffen, dass die neue Regierung diesen Kurs fortsetzt.

„Der Euro wird überleben – aber was für ein Euro wird es sein?“

Wie lange kann der Euro das alles eigentlich überstehen?

Issing: Ich habe vor langer Zeit in einem Interview gesagt, dass der Euro mich lange überleben wird. Jetzt bin ich ein bisschen älter geworden und ich denke immer noch so. Der Euro bleibt. Es wurde so viel politisches Kapital in die Gemeinschaftswährung investiert, dass der Euro nicht zusammenbrechen darf. Aber die Frage ist, welcher Euro wird überleben? Wird der Euro als stabile Währung überleben, die einen großen Inflationsschock vorübergehend überstanden hat, dann aber wieder an Stabilität gewonnen hat – dank der Geldpolitik der EZB und der disziplinierten öffentlichen Finanzen und der anhaltenden Reformpolitik? Oder wird es zu einer weichen Währung verkommen? Und bei den heutigen Finanzmärkten ist es in der heutigen Welt äußerst gefährlich, von einer stabilitätsorientierten Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik abzuweichen.

Brauchen wir am Ende eine harte Währungsreform?

Issing: Die Währungsreform ist nach meinem Verständnis das, was wir 1948 in Deutschland hatten. Das wird meiner Meinung nach nicht passieren. Das ist einer der Gründe dafür: Wenn wir von einem schwachen Euro sprechen, denke ich nicht an einen Euro, der mit anhaltend zweistelligen Inflationsraten in eine Hyperinflation abgleitet. Ich spreche von einer zu hohen, aber nicht außer Kontrolle geratenen Inflation.

Wird Europa durch die Krise vielleicht sogar noch enger zusammenrücken?

Issing: Damit wäre ich sehr vorsichtig. Ich kann dafür plädieren, in Stabilität zusammenzuwachsen. Aber sicher nicht in einer Schuldenunion zusammenwachsen. Sehr oft ist aber genau das mit dem Umhang „Wir brauchen mehr Miteinander“ gemeint. Wenn man gemeinsam hohe Schulden macht, Reformen verpasst und nicht für Wirtschaftswachstum arbeitet, dann ist das eine Gemeinsamkeit, die unweigerlich ins Chaos führt.



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