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In der Krise Lebensmittel von hier (nd-aktuell.de)


Wie lange noch? Die Havita GmbH in Berlin-Lichtenberg verarbeitet Gemüse aus Brandenburg.

Foto: dpa/Monika Skolimowska

»Kaufen Sie regionale Lebensmittel – jetzt noch mehr!« Mit einem leidenschaftlichen Appell wandten sich die Vertreter der brandenburgischen Lebensmittelunternehmen am Montag an die Kunden in Berlin und Brandenburg. Die Auswahl von Produkten hier ist entscheidend für das Überleben einer ganzen Branche.

Einen Vorwurf an die Kunden werde es nicht geben, denn „alle Marktpartner können diese Krise nur gemeinsam meistern“, versicherte die Vorsitzende der Marketingorganisation Pro Agro. Hanka Mittelstädt ist selbst Landwirtin und Inhaberin der Ucker-Ei GmbH. „Uns steht das Wasser bis zum Hals“, sagte Mittelstadt. Während ihre GmbH im vergangenen Jahr noch 120.000 Eier pro Tag an den Handel lieferte, sind es jetzt 100.000. „Die gesamte Branche meldet einen Umsatzrückgang von 20 bis 30 Prozent, die einen mehr, die anderen weniger“, fügte sie hinzu. Hofläden erleiden ihrer Meinung nach Umsatzeinbußen von rund 40 Prozent. Vor allem kleine und kleinste Unternehmen haben Probleme, aber auch die großen haben zu kämpfen. Auf Nachfrage bestätigte der Bauer, dass die realen Lebensmittelpreise nicht nur um die offiziell angegebenen zehn Prozent gestiegen seien, sondern um bis zu 50 Prozent und mehr. Die Aktion wird im Radio und auf Wochenmärkten beworben. Mittelstädt forderte die Politik auf, Botschafter der heimischen Ernährungswirtschaft zu werden.

Der erzwungene Sparzwang führt dazu, dass viele Menschen in den Kaufhäusern zu sogenannten No-Name-Produkten greifen, weil sie immer noch am günstigsten sind. Der Handel reagiert auf dieses Käuferverhalten und kauft weniger Produkte von den regionalen Bauern.

„Wir wollen zeigen, dass es zehn nach zwölf ist“, warnte Sebastian Kühn, Geschäftsführer des Fleischwerks der Eberswalder Gruppe, das 505 Mitarbeiter beschäftigt. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die schwierige Situation sei laut Kühn keineswegs durch den Krieg in der Ukraine verursacht, sondern durch den Krieg verschärft worden. Preissteigerungen bei Rohstoffen, Energie und Gewürzen waren bereits vorher zu beobachten. Sein Unternehmen erwirtschaftet einen Umsatz von 100 Millionen Euro im Jahr, wobei mit Mehrkosten von 15 Millionen Euro zu rechnen ist. „Es geht darum, Strukturen zu erhalten, die ohnehin nur spärlich vorhanden sind“, so Kühn.

Tobias Exner, Inhaber einer Traditionsbäckerei in Potsdam, warnte, wenn sich das Blatt nicht schnell und deutlich wende, werde es „mehrere Werksschließungen“ geben. Kürbiskerne aus China seien halb so teuer wie einheimische, aber qualitativ minderwertig, erklärte er. Energie muss teilweise zehnmal so viel bezahlt werden, Rohstoffe viermal so viel. Die Personalkosten sind in zwei Jahren um 25 Prozent gestiegen. „Kollegen weinen am Telefon.“ Exner forderte politische Maßnahmen: Die Förderung der Digitalisierung im ländlichen Raum reiche nicht aus, die Verkehrswege seien oft nicht in Ordnung.

Bäckermeister Exner beschrieb große Unterschiede im Kaufverhalten. In Bayern werden fast zwei Drittel aller Brote beim Bäcker gekauft, in Berlin nur jeder Zehnte. „Die Franzosen gehen dreimal am Tag zum Bäcker, denn nur so bekommen sie ihr Baguette frisch.“ Nirgendwo sonst auf der Welt wäre der Anteil der Lebensmittelausgaben geringer als in Deutschland. In naher Zukunft werde klar, „was wir in Zukunft wollen“. Das Brot könnte auch aus Polen kommen. Oder man steuert bei der Lebensmittelversorgung auf eine „Uniformität“ zu wie in den USA, wo sechs Konzerne den Markt unter sich aufgeteilt haben.