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Deutschland Nachrichten

Im Sarg zu Hause (nd-aktuell.de)


Nirmala Pakhrin sitzt mit ihrem Sohn Niraj vor ihrem Haus und schaut sich mit ihm Fotos ihres in Katar verstorbenen Mannes Rupchandra Rumba an.

Foto: dpa/Anne-Sophie Galli

Wenn Nirmala Pakhrin an die Fußballweltmeisterschaft in Katar denkt, wird sie traurig. Ihr Mann Rupchandra Rumba war Gerüstbauer auf der Baustelle des Education-City-Stadions unweit der Hauptstadt Doha und schimmerte unter der heißen Sonne. Per Videoanruf zeigte er sie immer wieder. „Er hat mir gesagt, dass Leute aus der ganzen Welt im Stadion spielen würden“, sagte Nirmala der Deutschen Presse-Agentur in Nepal. „Er musste auf hohe Gerüststangen klettern, und er sagte, das mache ihm manchmal Angst.“ Rupchandra Rumba starb am 23. Juni 2019 – an einem Herzinfarkt.

Der Nepalese ist in der vom WM-Organisationskomitee veröffentlichten Statistik „Nicht arbeitsbedingte Todesfälle“ enthalten. 37 Namen sind auf dieser Liste zu finden. Kritik und Berichte über Tausende Tote auf den Baustellen Katars weist das Emirat seit Jahren vehement zurück. Der britische „Guardian“ hatte in einem vielbeachteten Bericht von 6500 Toten auf allen Baustellen in Katar im vergangenen Jahrzehnt seit Auftragsvergabe gesprochen. Das Organisationskomitee kritisiert die undifferenzierte und verkürzte Darstellung der Todesfälle.

Nirmala sagt, dass ihr Mann kurz vor seinem Tod bei guter Gesundheit zu sein schien. Doch dann starb er plötzlich in der Nacht in seinem Etagenbett in einer einfachen Bauarbeiterunterkunft. Die Zimmernachbarn überbrachten ihr die traurige Nachricht am Telefon. Auf der Sterbeurkunde steht ein „natürlicher Tod“ im Alter von 27 Jahren. Nirmala sagt, ihr Mann sei nur 24 Jahre alt geworden. Er habe bei der Ausstellung seiner Ausweispapiere geschummelt und ein höheres Alter angegeben, um früher ins Ausland gehen zu können.

Wie Rupchandra reisen jeden Monat Tausende von nepalesischen Männern und einige nepalesische Frauen in den Nahen Osten, um dort zu arbeiten. Die Löhne dort sind vergleichsweise hoch – und versprechen in ein paar Jahren ein besseres Leben zu Hause. Rupchandra wurde in Katar ein Monatslohn von 1.200 Riyal (329 Euro) plus Überstundenvergütung versprochen, etwa das Dreifache dessen, was ein Nepalese in seiner Heimat im Himalaya durchschnittlich verdient. Darüber hinaus ist es für Nepalesen und andere Menschen mit wenig Freiheit einfacher, zur Arbeit nach Katar zu reisen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International leben im WM-Gastgeberland rund zwei Millionen Gastarbeiter.

Rupchandra wollte in Katar genug Geld verdienen, um seiner Familie ein Stück Land und ein Haus zu kaufen und Schulden zu begleichen, sagt Nirmala. In ihrem letzten Gespräch am Abend vor seinem Tod sagte er ihr, dass er in zwei Jahren zurückkehren wolle und sie sich gut um ihren Sohn kümmern solle.

Überweisungen aus Katar machen einen wichtigen Teil des Bruttoinlandsprodukts Nepals aus. Die Nepalesen arbeiten oft auf dem Bau, als Wachpersonal oder in Hotels. Ihre Arbeitszeiten sind lang, die Arbeit hart und immer wieder werden sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Sie leben oft jahrelang in Fernbeziehungen, ihre Familien dürfen sie nicht als Gastarbeiter mitnehmen. Auch Nirmala und Rupchandra verbrachten den größten Teil ihrer Ehe getrennt. „Er musste erst im Straßenbau arbeiten und das war so hart, dass er nach Hause wollte“, sagt Nirmala. Ihr Mann wurde von einer Personalfirma vermittelt, die viel versprach, aber wenig davon hielt. Im Bericht zum Tod von Rupchandra urteilte das WM-Organisationskomitee, dass diese Firma nur „kurzfristig“ und ohne Erlaubnis von einem Subunternehmer beauftragt worden sei.

Das sogenannte „Kafala“-System, das ausländische Arbeitnehmer an einen Arbeitgeber bindet und ihnen praktisch alle Rechte entzieht, wurde offiziell abgeschafft. Menschenrechtsorganisationen kritisieren jedoch die Umsetzung der Reformen. Arbeitsmigranten aus armen Ländern in Asien und Afrika haben nach wie vor wenig Anreiz zu kündigen, da sie in der Regel über Arbeitsvermittlungen nach Katar kommen und häufig Kredite aufnehmen, um ihre Vermittlungsgebühren zu bezahlen. Rupchandra durfte endlich auf die WM-Baustelle wechseln. Nirmala sagt, er habe in seinen acht Monaten in Katar immer noch nicht genug Geld verdient, um seine Schulden bei der Arbeitsagentur abzubezahlen.

Die Vermittlungsgebühr für Nepalesen sei oft um ein Vielfaches höher als die von ihrer Regierung erlaubten 10.000 Rupien (78 Euro), sagt Indra Lal Gole Tamang von der Hilfsorganisation Foreign Employees Rescue Nepal, die sich um notleidende nepalesische Arbeiter im Ausland kümmert. Rupchandra habe seinem Agenten rund 80.000 bis 90.000 Rupien (620 bis 698 Euro) zahlen müssen und sich dieses Geld zu hohen Zinsen von einem Geldverleiher geliehen, sagt Nirmala. Ihr Mann kam in einem schlichten Metallsarg nach Hause.

Menschenrechtsorganisationen und zuletzt der Deutsche Fußball-Bund fordern nun die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für die Familien der verstorbenen WM-Mitarbeiter. Der Weltverband Fifa und Katar nehmen mit dem WM-Turnier vom 20. November bis 18. Dezember Milliarden ein. Amnestieforderungen unter dem Motto »Fußball ja. Ausbeutung nein« Zahlungen von mindestens 440 Millionen US-Dollar (ca. 446 Millionen Euro). Hier sei eindeutig die Fifa zuständig, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

Mit dem Tod ihres Mannes begann für Nirmala der Kampf um eine Entschädigung, die sein Arbeitgeber zunächst verweigerte. „Sie sagten mir, dass ich eine Entschädigung erhalten hätte, wenn er bei der Arbeit gestorben wäre. Aber jetzt komme ich nicht in Frage, weil er im Schlaf gestorben ist“, sagt sie. Immerhin erhielt sie nach Rupchandras Tod 1.500 Rial (rund 414 Euro). Später kamen nach Intervention des WM-Organisationskomitees weitere 7.000 Rial (1.914 Euro) hinzu. „Erlauben Sie mir bitte, Ihnen nach dem schmerzlichen Verlust Ihres Mannes mein tiefstes Beileid auszusprechen“, schrieb WM-Organisationschef Hassan al-Thawadi im März 2020 in einem Brief an die Witwe, der der dpa vorliegt. „Es erfüllt mich mit tiefem Bedauern zu erfahren, dass jemand im Zusammenhang mit meiner Organisation und diesem Projekt gestorben ist.“

Schließlich spendete die nepalesische Seite 700.000 Rupien (5.588 Euro) aus einem Fonds für Arbeiter im Ausland und 1,5 Millionen Rupien (11.745 Euro) für Lebensversicherungen. Mit diesem Geld habe sie ein Stück Land gekauft, sagt Nirmala. Sie vermisst ihren Mann sehr – und ihren zehnjährigen Sohn auch. Nach buddhistischer Tradition wusste er, dass sein Vater tot war, und verbrannte seinen Körper zur Einäscherung, erklärt Nirmala. Aber er versteht den Zusammenhang zwischen dem Tod seines Vaters und der WM nicht. Die WM-Spiele würde er sich gerne auf YouTube ansehen, Cristiano Ronaldo gefällt ihm besonders gut, wie er sagt. Nirmala hofft, dass er eines Tages einen weniger gefährlichen Job haben wird als sein Vater – Arzt zum Beispiel. Aber ein Medizinstudium ist teuer. Sie hofft auf eine bessere Zukunft. Was möchten Sie den WM-Fans sagen? Nirmala schweigt.

Doch Indra Lal Gole Tamang von der Hilfsorganisation für nepalesische Auslandsarbeiter sieht bei der WM eine Chance: »Arbeiter bekommen ihren Lohn nicht, bleiben gestrandet und werden ignoriert, wenn Firmen pleite gehen. Ich hoffe, dass die Gäste und Politiker, die Katar während der WM besuchen werden, Druck auf Katar ausüben, das Land auf den richtigen Weg zu bringen.«dpa/nd



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